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Standortdebatte Muskelprotz Deutschland

19.08.2005 ·  Im Jammern ist Deutschland Weltmeister. Doch die Reformen der vergangenen Jahre haben den Standort attraktiver gemacht - der „Standort D“ gewinnt im Ausland an Ansehen.

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Man mag es kaum glauben: Der Standort Deutschland gewinnt im Ausland an Ansehen. Während sich im Land angesichts des Nullwachstums Pessimismus breit macht, loben ausländische Investoren die Vorzüge des „Standortes D“.

Das einflußreiche Wirtschaftsmagazin „Economist“ begeistert sich in seiner jüngsten Ausgabe für „Deutschlands überraschende Wirtschaft“. Als Symbol für die deutsche Stärke prangt auf dem Titelblatt der Bundesadler, der die Arme spannt und seine Muskeln spielen läßt. „Deutschland ist superwettbewerbsfähig“, lautet das Urteil des renommierten Magazins. Angloamerikanische Ökonomen halten das Potential der deutschen Wirtschaft für unterschätzt.

„Viele Vorteile als selbstverständlich betrachtet“

Tatsächlich haben die Reformen der vergangenen Jahre den Standort attraktiver gemacht. Lange Zeit war Deutschland der teuerste Wirtschaftsplatz Europas. Seit Ende 90er Jahre sind die Lohnstückkosten aber um zehn Prozent gefallen, weil die Löhne kaum noch stiegen. „Deutschland hat im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Italien und Großbritannien aufgeholt und einen Wettbewerbsvorteil erzielt“, sagt der Chefvolkswirt der amerikanischen Citigroup, Jürgen Michels.

Für ausländische Unternehmen gehört Deutschland zu den attraktivsten Standorten der Welt. Nach einer Umfrage des Wirtschaftsprüfungsunternehmens Ernst & Young unter 670 ausländischen Firmen belegt Deutschland in diesem Jahr den fünften Platz in der Welt. In Europa erfreue sich nur Polen größerer Beliebtheit als „Germany“. Gute Noten erteilten die Investoren der Infrastruktur, der Ausbildung von Arbeitskräften und der Rechtssicherheit. „Viele Vorteile werden in Deutschland als selbstverständlich betrachtet. Da ist man betriebsblind“, sagt Peter Englisch von Ernst & Young.

„Patient Deutschland ist immer noch krank“

Einen großen Vorteil hat nach Expertenansicht in den vergangenen Jahren die Lohnzurückhaltung gebracht. Die umstrittenen Hartz-IV-Reformen brachten den Arbeitsmarkt in Schwung. Die Arbeitnehmer plagt die Angst vor Jobverlust. „Das hat die Verhandlungsposition der Firmen bei neuen Tarifabschlüssen gestärkt und die Macht der Gewerkschaften geschmälert“, schreibt der „Economist“. Die Dax-Unternehmen konnten ihre Bilanzen sanieren, und der über Jahre kränkelnde Bankensektor habe seine Kosten unter Kontrolle gebracht.

Ökonomen warnen aber vor zu viel Euphorie. „Der Patient Deutschland ist auf dem Weg der Genesung, aber er ist immer noch krank“, sagt der Europa-Chefvolkswirt der Bank of America, Holger Schmieding. „Deutschland muß noch lange die Medizin nehmen, um wirklich gesund zu werden.“ Notwendig sei ein zweiter kräftiger Reformschub. Die Löhne müßten weiter niedrig bleiben. Auf der Wunschliste stehen auch eine Lockerung des Arbeitsrechts, Öffnungsklauseln für Tarifverträge und eine Steuerreform.

„Wir können noch nicht vorne mitspielen“

Es bleibt noch viel zu tun. „Auch wenn Deutschland nicht mehr das Schlußlicht in Europa ist, können wir noch nicht vorne mitspielen“, sagt Chefvolkswirt Michels. Im Wettbewerb um Investitionen aus den Vereinigten Staaten verliert Deutschland als Produktionsstandort gegenüber den osteuropäischen Nachbarn rapide an Boden. Das ist das Ergebnis einer Studie der amerikanischen Handelskammer in Deutschland. Danach plant in diesem Jahr die Hälfte der in Deutschland aktiven amerikanischen Unternehmen eine Verlagerung einzelner Geschäftstätigkeiten nach Osteuropa. „Die Firmen würden stärker in Deutschland investieren, wenn die Binnennachfrage anspringen würde“, heißt es. Der private Konsum bleibt aber im vierten Jahr in Folge schwach.

Als große Gefahr für den Standort sehen Ökonomen die Pläne der Unions-Parteien, die Mehrwertsteuer im Fall eines Wahlsieges von 16 auf 18 Prozent zu erhöhen. „Eine isolierte Anhebung würde den Konsum dämpfen und die Preise erhöhen - das wäre rein kontraproduktiv“, sagt der Chefvolkswirt der Dekabank, Ulrich Kater. Notwendig sei eine umfassende Reform auch der Einkommens- und Unternehmenssteuer. Nur die Politik kann dem Aufschwung in Deutschland laut „Economist“ noch im Weg stehen: „Die Nachrichten aus Deutschland könnten überraschend gut werden, vorausgesetzt die Politiker vermasseln es nicht nach der Wahl im nächsten Monat.“

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