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Sonntagsökonom Die Guten, die Schlechten und die Häßlichen

23.07.2005 ·  Die Wirtschaftsgeschichte zeigt, daß Deflation nicht nachteilig sein muß. Die Deflationsfurcht müsse neu disktutiert werden, sagt EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing.

Von Patrick Welter
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Achtzehn Jahre ist es her, daß Deutschland eine Deflation erlebte. Von Juli 1986 bis März 1987 fiel der Verbraucherpreisindex. Für das Gesamtjahr 1986 ergab sich eine Deflationsrate von 0,2 Prozent. Die Bundesbank senkte den Diskontsatz, zeigte sich aber ansonsten weitgehend unbeeindruckt. Warum sollte sie auch?

Der Verfall des Preisniveaus war einem stark und rapide sinkenden Ölpreis gedankt. Verbraucher und Unternehmen standen besser da als zuvor, ihre reale Kauf- und Investitionskraft stieg, und die Wirtschaft wuchs 1986 real, um die Deflationsrate bereinigt, um 2,4 Prozent. Heute gälte ein solches Wachstum als überschäumender Boom.

Depression der dreißiger Jahre vernebelt den Blick

Es ist bemerkenswert, daß diese Episode aus dem Gedächtnis vieler Volkswirte nahezu verschwunden ist, wenn angesichts der niedrigen Inflationsraten in Deutschland und in der Welt wieder häufiger das Deflationsgespenst an die Wand gemalt wird. Ein Verfall des Preisniveaus gilt als das Schlimmste, was einer Wirtschaft geschehen kann. Die Erinnerung an den rapiden Preisverfall in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, an endlos lange Schlangen von Arbeitslosen, an notleidende Banken, an Wirtschaften, aus denen schlagartig die Luft entweicht, vernebelt den Blick.

Nur äußerst selten wird wahrgenommen, daß die Wirtschaftsgeschichte der vergangenen zwei Jahrhunderte zu einem ganz anderen Bild der Deflation führt: In den meisten Fällen waren diese für die betroffenen Volkswirtschaften unschädlich. Die Ökonomen Michael Bordo und Andrew Filardo kommen in einer Studie zu dem Schluß, daß die zahlreichen Deflationen vor dem Ersten Weltkrieg in der Regel "gute Deflationen" gewesen sind. Das Preisniveau fiel zum Teil mit zweistelligen Raten und über lange Jahre, aber die Wirtschaft und die Einkommen wuchsen unverdrossen weiter.

„Schlechte Deflationen“ gab es selten

Ein Beispiel dafür ist die Zeit von 1880 bis etwa 1896. Westeuropa und die Vereinigten Staaten erlebten die Folgen der Industrialisierung. Das Produktionspotential stieg rasch, die gesamtwirtschaftliche Angebotskurve schob sich als Folge des Produktivitätsfortschritts nach außen, und das Preisniveau fiel im säkularen Trend.

"Schlechte Deflationen", in denen Volkswirtschaften als Folge eines negativen Nachfrageschocks schrumpften, gab es vor dem Ersten Weltkrieg selten. Sie wurden oft durch Krisen des schwachen Bankensystems verschlimmert. Der dritte Typus der "häßlichen Deflation" ist am besten mit dem Bild der Abwärtsspirale beschrieben, in der eine durch fallende Preise ausgelöste Finanzkrise dazu führte, daß sich ein Bankrott an den nächsten reihte. Die meisten dieser wenigen schlimmen Episoden ereigneten sich nach dem Ersten Weltkrieg, in den dreißiger Jahren. Sie haben das Bild der Deflation bis heute geprägt - und die Abneigung gegen fallende Preise ausgelöst.

Ein Wandel im Denken

Unter Ökonomen bahnt sich hier womöglich ein Wandel an. Der Chefvolkswirt der EZB, Otmar Issing, sagte unlängst, das Thema Deflationsfurcht müsse neu diskutiert werden. In den vergangenen fünfzehn Jahren lagen die Inflationsraten in den Industriestaaten so niedrig wie seit den dreißiger Jahren nicht mehr und niedriger, als viele es noch vor zehn Jahren für gesund hielten.

Heute aber sind die Notenbanker zu Recht stolz auf das Erreichte - obwohl sie nur eine Rezession oder einen positiven Produktivitätsschock von der Deflation entfernt sind. Das führt dazu, dem möglichen Verfall des Preisniveaus mehr Aufmerksamkeit zu widmen, zumal die weltwirtschaftliche Lage Ähnlichkeiten zu früher aufweist: Die Stabilitätsorientierung der unabhängigen Notenbanken steht außer Frage, so daß die Geldpolitik - wie vor dem Ersten Weltkrieg der Goldstandard - als stabiler nominaler Anker der Preiserwartungen dienen kann. Und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich analysiert, daß die Integration Chinas und anderer Entwicklungsländer in die Weltwirtschaft zusammen mit der Informationstechnik einem positiven Produktivitätsschub nahekommt, der wie in einer guten Deflation auf das Preisniveau drückt.

Geldmengenaggregate gewinnen an Gewicht

Jüngere theoretische Studien stellen in Frage, daß der wirtschaftliche Nutzen einer leichten Inflation denjenigen einer leichten Deflation übersteigt. Ob Notenbanken dies je als Ziel akzeptieren sollten, ist ungewiß. Aus der historischen Analyse von Bordo und Filardo folgt aber als Schluß für die Geldpolitik, in Zeiten sehr niedriger Inflationsraten die Geldmengenaggregate stärker ins Blickfeld zu nehmen: In künftig womöglich häufiger auftretenden Deflationsphasen werde die Orientierung am kurzfristigen Zinssatz nutzlos.

Michael Bordo, Andre Filardo: Deflation and monetary policy in a historical perspective: Remembering the past or being condemned to repeat it? NBER Working Paper 10833, Oktober 2004.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.07.2005, Nr. 29 / Seite 30
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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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