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Sonntagsökonom Der Währungsfonds ist nicht unfehlbar

30.10.2006 ·  Mitglieder des Weltsicherheitsrates erhalten vom Internationalen Währungsfonds leichter Kredite als andere Staaten. Studien zeigen, daß der IWF offensichtlich nicht nur nach ökonomischen Kriterien entscheidet.

Von Patrick Welter
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Washington sei die globale Hauptstadt der Ökonomen, befand vor wenigen Jahren der Chefvolkswirt einer deutschen Großbank im persönlichen Gespräch. Man mag dieses Urteil für übertrieben halten, und die Volkswirte und Analysten an den großen Finanzplätzen wie New York, London, Tokio oder auch in Frankfurt mögen heftig widersprechen. Doch haftet der Stadt am Potomac der Ruf an, kluge volkswirtschaftliche Köpfe anzuziehen. Dies liegt daran, daß die mächtige amerikanische Zentralbank ihren Hauptsitz in Washington hat. Dies liegt aber mehr noch an einem trutzburgartigen Gebäude in der 19. Straße. Dort residiert der Internationale Währungsfonds (IWF), dem nachgesagt wird, fähige, wenn nicht die fähigsten Ökonomen aus der ganzen Welt zu beschäftigen.

Der Währungsfonds weiß diesen Ruf zu hegen und zu pflegen. Die Qualität seiner Volkswirte verleiht seinen Analysen und Empfehlungen eine besondere Aura der Unfehlbarkeit. Mit der Unfehlbarkeit klappt es natürlich nicht immer. Die Asien-Krise Ende der neunziger Jahre überraschte alle internationalen Organisationen; sein umstrittenes Krisenmanagement fügte der Reputation des Währungsfonds großen Schaden zu. Auch auf die wirtschaftspolitischen Standardempfehlungen der Fondsfachleute, sozusagen ihr Brot-und-Butter-Geschäft, sollte man nicht blind vertrauen.

Der ökonomischen Rationalität verpflichtet

So vermerken Notenbanker der Europäischen Zentralbank (EZB) derzeit gern mit leicht triumphierendem Unterton, daß die früheren Warnungen auch des IWF vor einer geldpolitischen Straffung im Euro-Raum zunehmend dem Eingeständnis weichen, die EZB habe mit ihrer Serie von Zinsanhebungen seit Dezember 2005 bei weitem nicht voreilig gehandelt. Doch haben solche Fehleinschätzungen dem Ruf der IWF-Ökonomen bislang nichts anhaben können.

Der IWF überwacht und kommentiert die Wirtschaftspolitik seiner Mitgliedstaaten, er springt bei Zahlungsbilanzkrisen mit kurzfristigen Krediten bei, und er dringt mit seinen Auflagen für längerfristig laufende Kreditprogramme auf mehr Marktwirtschaft, um künftige Krisen zu vermeiden. An der Qualität der Ratschläge aus der 19. Straße hängt der Einfluß des Fonds und sein Ruf einer scheinbar unparteiischen, der ökonomischen Rationalität verpflichteten Institution. Dies ist das Bild des guten Währungsfonds, das trotz aller Detailkritik die öffentliche Wahrnehmung zumindest in den Industriestaaten bestimmt. Doch ist dies ein Zerrbild.

Über die Kreditvergabe des IWF entscheiden nämlich nicht seine Ökonomen, was wahrscheinlich auch keine gute Idee wäre, sondern die Anteilseigner des Währungsfonds. Die Vereinigten Staaten halten eine Sperrminorität im wichtigsten Entscheidungsgremium des IWF; der Einfluß der anderen Staaten der Siebenergruppe, darunter Deutschland, ist groß. Die Politik gibt im Währungsfonds die Richtung vor.

Auswüchse der Kreditvergabe

Zu welchen Auswüchsen dies führt, zeigen die Ökonomen Axel Dreher, Jan-Egbert Sturm und James Vreeland. Sie haben untersucht, ob die Mitgliedschaft einzelner Länder im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen die Politik des IWF bestimmt. Das klingt nur auf den ersten Blick absurd. Die Weltmacht Vereinigte Staaten hat - neben vier anderen Staaten - einen ständigen Sitz mit Vetorecht im Weltsicherheitsrat. Um einen Beschluß herbeizuführen, bedarf es neben den Stimmen der fünf ständigen Mitglieder mindestens vier Stimmen der - für zwei Jahre - gewählten zehn anderen Mitglieder. Was also liegt näher, als im politischen Ringen um entscheidende Resolutionen des Weltsicherheitsrats die temporären Mitglieder zu bestechen? Gerade für die Vereinigten Staaten mit ihrer sehr aktiven Außenpolitik liegt dieser Gedanke nahe. Studien belegen, daß Amerika mehr Entwicklungshilfe an Länder ausschüttet, die zeitweise Mitglied im Weltsicherheitsrat sind. Ist dies nur Zufall?

Das Beispiel Tansania

Der Internationale Währungsfonds scheint Teil dieses Spiels zu sein. Ein Beispiel: Nach seiner Unabhängigkeit im Jahre 1961 erhielt Tansania für eineinhalb Jahrzehnte niemals einen Kredit des IWF. Dann bewarb das Land sich um einen Sitz im Weltsicherheitsrat, den es 1975/76 erhielt. Schon im Vorgriff bekam das Land 1974 einen IWF-Kredit über 6,3 Millionen Sonderziehungsrechte (SZR), das ist die IWF-Währung. Mit Auflagen war der Kredit nicht verbunden, ebenso wie die Ausleihung über 3,15 Millionen SZR im folgenden Jahr. Zudem erhielt Tansania 1975 einen abrufbaren Beistandskredit über 10,5 Millionen SZR. Ist es Zufall, daß Tansania in diesem Jahr allen Resolutionen im Sicherheitsrat zustimmte, die von Amerika, Japan, dem Vereinigten Königreich und Frankreich unterstützt wurden, von Ländern also, die auch im IWF das Sagen haben? 1976 wendete sich das Bild. Tansania stimmte für Resolutionen, die nicht die Zustimmung Amerikas und anderer ständiger Mitglieder fanden. Der noch 1975 zugesicherte Beistandskredit wurde nie mehr ausgezahlt. Noch ein Zufall?

Die drei Volkswirte bieten in ihrer Studie eine Fülle ökonometrischer Tests, die alle auf eines hindeuten: Länder, die zeitweise dem Weltsicherheitsrat angehören, erhalten vom Währungsfonds häufiger einen Beistandskredit. Dieses Ergebnis gilt unabhängig davon, in welcher Region die Länder liegen. Die Autoren finden auch Hinweise, daß IWF-Kredite an temporäre Mitglieder des Weltsicherheitsrats mit weniger Auflagen verknüpft sind als Ausleihungen an andere Staaten.

Und sie finden Indizien, daß ökonomische Kriterien der Kreditvergabe wie die Höhe von Leistungsbilanzsalden oder Staatsdefizite weniger Gewicht in der Kreditpolitik des IWF haben als die Mitgliedschaft eines Landes im Weltsicherheitsrat. Bei einem derart politisierten Währungsfonds braucht man sich über die Qualität seiner Ökonomen wohl kaum noch Gedanken zu machen.

Axel Dreher, Jan-Egbert Sturm, James Raymond Vreeland: Does Membership on the UN Security Council Influence IMF Decisions? Evidence from Panel Data. CESifo Working Paper Nr. 1808, September 2006.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.10.2006, Nr. 43 / Seite 36
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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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