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Sommerspiele 2012 Briten fürchten Olympia-Delle im Tourismus

 ·  Für den Fremdenverkehr in Großbritannien drohen die Olympischen Sommerspiele zum Flop zu werden. Die Vorbuchungen für 2012 sind drastisch gefallen.

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© Getty Images Haus in der aufgehenden Sonne: London an einem frischen Wintermorgen

Das unscheinbare Mittelklassehotel im Norden von London ist eine praktische und günstige Bleibe für preisbewusste Besucher der britischen Hauptstadt. Die schnörkellose Backsteinkiste im Stadtteil Hampstead, die einer großen Hotelkette gehört, liegt direkt neben einer U-Bahn-Station. In einer Viertelstunde ist man von hier aus im Stadtzentrum. Umgerechnet rund 105 Euro kostet während der Hauptreisezeit im Sommer die Nacht im Einzelzimmer. Aber Ende Juli nächsten Jahres wird es plötzlich teuer: Für ein Bett in der bescheidenen Herberge müssen dann gut 225 Euro bezahlt werden - mehr als doppelt so viel wie nur wenige Tage vorher.

Der Preissprung ist leicht zu erklären. Am 27. Juli 2012 werden in London die Olympischen Sommerspiele eröffnet. Für 17 Tage wird die Metropole an der Themse zum Mittelpunkt der Sportwelt. „Die großartigste Show der Welt kommt in eine der großartigsten Städte der Welt“, freut sich der britische Premierminister David Cameron und sieht die einmalige Chance, einen bleibenden wirtschaftlichen Mehrwert aus dem Mega-Spektakel zu quetschen. Von den etwa 8,8 Millionen Eintrittskarten für die olympischen Wettkämpfe gehen rund eine Million Tickets an Sportfans aus dem Ausland.

Unrealistische Erwartungen

Dennoch könnte sich das erhoffte Jahrhundertgeschäft zumindest für den Tourismus in Großbritannien als Fata Morgana erweisen. „Die Erwartungen der Hoteliers sind komplett unrealistisch“, warnt Tom Jenkins, der Geschäftsführer des Europäischen Verbands der Reiseveranstalter (ETOA). Er befürchtet, dass die Olympischen Spiele dem Tourismus nächstes Jahr mehr schaden als nützen werden. „Alle hoffen auf diese unbekannte Spezies des Olympia-Touristen, die das Geld mit vollen Händen ausgibt“, sagt Jenkins. „Aber in Wahrheit werden 2012 viele Touristen Großbritannien gerade wegen der Spiele meiden.“

Die befürchtete Olympia-Abzocke wirkt geschäftsschädigend, denn alle wollen mitverdienen. Die mächtige U-Bahn-Gewerkschaft hat während der Spiele eine Sonderprämie von bis zu 1200 Pfund für ihre Lokführer durchgesetzt. Die Taxifahrer wollen ebenfalls bis zu 20 Prozent höhere Spezialpreise durchsetzen, weil das erwartete Verkehrschaos während der Großveranstaltung ihr Geschäft behindert.

Hotelzimmer zu Mondpreisen

Tourismus-Fachleute schätzen, dass die Hotels in der Hauptstadt für Buchungen während der Olympia-Wochen derzeit um 100 bis 400 Prozent höhere Preise fordern. Teilweise sind die Steigerungsraten noch viel größer: Kleine Privatpensionen im Ostlondoner Vorort Stratford, wo das Olympia-Stadion steht, bieten Zimmer, die sonst für 22 Pfund die Nacht zu haben sind, für 500 Pfund an - und finden zahlungswillige Gäste, die schon jetzt, sieben Monate vor dem Beginn der Spiele, zu solchen Mondpreisen buchen.

Insgesamt aber sind die Aussichten trübe. Im Herbst ergab eine Branchenumfrage, dass die Vorbuchungen für London-Reisen in der kommenden Saison um mehr als 20 Prozent unter dem Vorjahresniveau liegen. Während der zwei Olympia-Wochen selbst droht sogar ein Einbruch um 95 Prozent. „London scheint sich mit überhöhten Preisen im Juli und August selbst aus dem Markt manövriert zu haben“, kritisiert John Boulding, Chef von Insight Vacations, einem Reiseveranstalter im gehobenen Preissegment.

Hohe Investitionen für Olympia

Für die britische Hauptstadt wäre ein Olympia-Flop im Tourismusgeschäft ein schwerer Schlag. Ob Hotels, Restaurants, Kneipen und Theater - rund 10 Prozent der Wirtschaft in London hängen vom Fremdenverkehr ab. 15 Millionen Besucher strömen jedes Jahr in die Stadt und geben dort umgerechnet knapp 10 Milliarden Euro aus. Vor Olympia hat die Branche zudem kräftig investiert.

Im prachtvollen viktorianischen Bahnhofsgebäude der St. Pancras Station eröffnete die Marriott-Gruppe nach jahrelanger Renovierung ein neues Luxushotel mit fast 300 Zimmern. Ein weiterer Hotelpalast - das nagelneue Corinthia in der Nähe des Trafalgar Square - kommt auf dieselbe Bettenzahl. Marktforscher schätzen, dass zwischen 2010 und 2012 in London insgesamt rund 11 Prozent zusätzliche Hotelzimmer auf den Markt drängen.

Angst vor dem Verdrängungseffekt

Olympia sei eine großartige Chance für Großbritannien, sich in der Welt zu präsentieren, sagt Mary Rance, die Geschäftsführerin des britischen Tourismusverbands UK Inbound. Aber auch sie befürchtet, dass ihre Branche davon nicht profitieren wird. Der Verdrängungseffekt durch Olympia werde womöglich „nicht nur in London, sondern in ganz Großbritannien und nicht nur 2012, sondern auch darüber hinaus Touristen aus dem Ausland abschrecken“, prognostiziert sie.

Die Erfahrungen aus der Vergangenheit sprechen jedenfalls nicht dafür, dass Olympische Spiele dem Tourismus nützen. 2008 fanden die Spiele in Peking statt - China verzeichnete damals sinkende Besucherzahlen aus dem Ausland. In der australischen Metropole Sydney, wo die Spiele im Jahr 2000 ausgetragen wurden, blieb der Olympia-Aufschwung komplett aus. Vielmehr schrumpfte in den drei folgenden Jahren sogar die Zahl der ausländischen Gäste in Australien.

In London versucht die staatliche Fremdenverkehrsorganisation Visit Britain deshalb mit einer Marketing-Kampagne den befürchteten Olympia-Dämpfer abzufedern. „Wenn wir unsere Besucherzahlen nächstes Jahr stabil halten können, dann wäre das schon ein gutes Ergebnis“, sagt Geschäftsführerin Sandie Dawe.

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Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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