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Sinkende Inflationsrate : Geschürte Deflationspanik

Der Präsident der EZB, Mario Draghi, will Staatsanleihen aufkaufen um die Deflation zu stoppen. Bild: AFP

Die vom Ölpreis verzerrte Inflationsrate dient als Vorwand, um Staatsanleihen aufzukaufen. Viele Experten sind jedoch der Meinung, dass eine leichte Deflation kein Grund zur Panik ist.

          Wenn ein Arzt eine verfehlte Diagnose stellt und eine falsche oder zu viel Medizin verschreibt, ist das schädlich. Das könnte bald auch die Europäische Zentralbank machen. Führende Funktionäre der EZB wollen aus Angst vor einer Deflation die Geldpolitik durch einen Ankauf von Staatsanleihen für Hunderte Milliarden Euro lockern. Dies aber würde den Charakter der Währungsunion von Grund auf verändern und sie zur Schulden-Haftungsunion machen, was sie nach dem Vertrag von Maastricht nicht sein sollte.

          Sicher, die Inflationsrate ist sehr niedrig. Zum Jahresende ist sie unter null gesunken, was die EZB nicht kaltlassen kann, deren Auftrag die Wahrung der Preisniveaustabilität ist. Im ersten Quartal könnte der Verbraucherpreisindex wegen des rasanten Ölpreisverfalls noch stärker sinken. Aber ist das eine Deflation, die Europa wirtschaftlich schwer schädigt? In manche Kommentare mischt sich eine bizarre Panikmache. Die Bedrohung wird weit überzeichnet.

          Hauptgrund für den starken Rückgang der Inflationsrate ist der Ölpreisverfall. Der Preis des wichtigsten Rohstoffs der Welt hat sich innerhalb eines halben Jahres etwa halbiert. Energieprodukte wie Benzin, Diesel und Heizöl machen etwa ein Zehntel des statistischen Warenkorbs aus. Das billigere Öl beschert Haushalten und Unternehmen in Europa eine gewaltige Entlastung. Ihre Öl-Importrechnung wird wohl um einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag verbilligt. Dies gibt der Konjunktur einen Schub.

          Von einem ungebremsten Abrutschen kann keine Rede sein

          Ohne Energieprodukte und Lebensmittel ist der Verbraucherpreisindex stabil. Die sogenannte Kernrate der Inflation ist im Dezember von 0,7 auf 0,8 Prozent gestiegen. Von einem ungebremsten Abrutschen kann keine Rede sein. In der EZB blicken viele, auch Präsident Mario Draghi, besorgt auf die Indikatoren für die Inflationserwartungen. Diese sind etwas gesunken, aber nicht dramatisch. Die finanzmarktbasierten Erwartungen der Inflation in fünf Jahren liegen bei rund 1,6 Prozent. Nach Umfragen prognostizieren Analysten, dass die Inflation dieses Jahr sehr niedrig bleiben wird, sich dann aber langsam, doch stetig dem Zielwert der EZB von knapp unter 2 Prozent annähern wird.

          Das ist alles kein Grund zur Panik. Eine Deflation läge vor, wenn die Preise sehr vieler Waren in fast allen Ländern der Währungsunion für einen längeren Zeitraum sinken. Das ist nicht der Fall. Und ob eine leichte Deflation wirklich sehr schädliche Auswirkungen hätte, ist nicht klar. Die oft gehörte These einer Konsumverzögerung bei sinkenden Preisen – die Käufer warten, bis Waren noch billiger werden – ist empirisch umstritten. Gegenwärtig ist in Europa davon nichts zu sehen. Bei einer echten Deflation könnten Unternehmen mit Investitionen zögern. Die Investitionsschwäche im Euroraum hat vielmehr mit der langen Wirtschaftskrise und der Verunsicherung zu tun. Am gewichtigsten ist die Warnung, dass in einer Deflation Schuldner besonders leiden, weil die reale Last ihrer Kredite größer wird. Würde es zu einer sich selbst verstärkenden deflationären Abwärtsspirale kommen, bei der Preise, Löhne und Gewinne sinken, wäre das gefährlich. Aber dies ist bislang eine hypothetische Gefahr.

          Historisch betrachtet waren Deflationen keineswegs immer wirtschaftlich schlechte Zeiten. Es gab im neunzehnten Jahrhundert genügend „gute Deflationen“, wie die Ökonomen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich und Wirtschaftshistoriker hervorheben. Das Wachstum war genauso hoch wie in Zeiten mit mäßiger Inflation. Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es in westlichen Industriestaaten keine einzige wirkliche Deflation. Der Fall Japan wird häufig fehlinterpretiert: Dort war das Hauptproblem nach dem Platzen der Preisblase am Häusermarkt, dass Zombiebanken mit billigem Geld am Leben gehalten wurden, nicht dass die Preise ganz leicht sanken. Die Schweiz zeigt derzeit, dass sinkende Preise und gutes Wachstum sich nicht ausschließen.

          Im Euroraum ist eine gewisse Korrektur der Preise in den Krisenländern unausweichlich. Die Lohnkosten und Warenpreise dort sind über viele Jahre, getrieben durch die monetäre Expansion im ersten Jahrzehnt der Währungsunion, viel zu stark gestiegen. Das muss korrigiert werden. Der Prozess ist schmerzhaft, aber nicht zu vermeiden, etwa in Spanien und Griechenland. EZB-Präsident Draghi hat das selbst häufiger betont.

          Nun aber nutzen Draghi und seine Anhänger in der Zentralbank die vom Ölpreis nach unten verzerrte Inflationsentwicklung, um ein riesiges Staatsanleihekaufprogramm gegen den Widerstand der Bundesbank durchzudrücken. Dessen wirtschaftlicher Nutzen ist umstritten und vermutlich minimal. Sicherlich werden aber Kurse und Renditen der Papiere drastisch verzerrt, es drohen neue Risiken und Blasen im Finanzsystem. Und die EZB hilft den überschuldeten Staaten, sich noch günstiger zu verschulden. Bürger nicht nur in Deutschland lehnen aber eine monetäre Staatsfinanzierung ab. Und diese wäre auch kontraproduktiv, weil Krisenländer nötige Strukturreformen verschleppen. Auch für die EZB gilt: Die falsche Medizin verlängert die Krankheit.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

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