19.04.2006 · Der Ölpreis hat wegen des Konflikts mit Iran einen Rekordstand erreicht - höher als im August 2005 nach dem verheerenden Wirbelsturm „Katrina“. Autofahrer leiden, der deutsche Export profitiert, sagen Ökonomen.
Der Ölpreis ist auf einen historischen Höchststand geklettert - und ein Ende der Rekordjagd ist nach Einschätzung von Fachleuten bis auf weiteres nicht in Sicht. Damit könnte der Benzinpreis an deutschen Zapfsäulen nach Expertenansicht schon bald über 1,50 Euro je Liter schnellen. Total-Fina erhöhte schon am Dienstag die Preise für den Liter Normal- und Superbenzin um drei Cent. Frankreich kündigte an, auf eine Erhöhung der Öl-Fördermengen zu drängen, damit die Preise wieder fallen. Die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) erklärte allerdings, das Kartell verfüge über keinen „Zauberstab“, um das Problem steigender Energiekosten allein zu lösen.
Der Preis für ein Barrel amerikanisches Leichtöl erreichte am Dienstag im Handelsverlauf 70,88 Dollar. Hauptursache für den Ölpreisanstieg ist nach Ansicht der meisten Marktbeobachter der eskalierende Streit um das iranische Atomprogramm (siehe dazu aktuell: Atomstreit: Iran droht und beteuert Friedfertigkeit). Iran ist der viertgrößte Ölproduzent der Erde. Andere Experten sehen aber auch Spekulanten am Werk.
Getrieben wird der Preis zudem von der anhaltenden Gewalt in Nigeria - dem zwölftgrößten Ölproduzenten - sowie der Sorge vor Engpässen in den Vereinigten Staaten. Hinzu kommt der nicht zu stillende Öldurst in den boomenden asiatischen Volkswirtschaften wie China, dessen Wirtschaftsleistung im ersten Quartal nach neuesten Angaben um weitere 10,2 Prozent zugelegt hat.
Marke von August 2005 überschritten
Der bisherige Höchstpreis von 70,85 Dollar war am 30. August 2005 erreicht worden, nachdem der Hurrikan „Katrina“ an der Golfküste schwere Schäden angerichtet hatte. Der Preis für die in Europa marktführende Nordseesorte Brent stieg in London zeitweise um 74 Cent auf den Rekordstand von 72,20 Dollar, in New York kostete ein Barrel Rohöl am Dienstag 71,35 Dollar.
Seit Anfang 2002 haben sich die Ölpreise mehr als verdreifacht. Internationale Marktbeobachter rechnen mit einem weiteren Preisanstieg, solange die politischen Unsicherheiten in Iran und Nigeria andauerten. „Das Thema Iran ist die wichtigste Triebkraft. Aber die zu Grunde liegende Ursache ist die nach wie vor hohe weltweite Nachfrage“, erklärte der Ölexperte Tobin Gorey von der in Sydney ansässigen Commonwealth Bank of Australia.
Der amerikanische Präsident George W. Bush äußerte sich besorgt über die hohen Benzinkosten und kündigte eine Untersuchung an, ob es sich dabei um Preis-Wucher an den Tankstellen handeln könnte. Frankreichs Finanzminister Thierry Breton kündigte an, beim G-8-Treffen auf eine Eindämmung der spekulativen Preisschwankungen drängen zu wollen. Zusammen mit seinem britischen Amtskollegen Gordon Brown wolle er deshalb auf die Erzeugerländer zugehen, damit diese ihre Förderung ausweiten. Die Vertreter der Gruppe der sieben führenden Industrienationen und Rußland treffen sich am Wochenende in Washington.
Kein Ölmangel: Opec hält still
Die Organisation erdölexportierender Staaten (Opec) sieht keinen Grund zur Erhöhung der Fördermengen. „Entscheidend ist, daß die Entwicklung nicht die Folge eines Ölmangels an den Märkten ist“, sagte Opec-Sprecher Omar Farouk Ibrahim am Dienstag. Trotzdem wollten die Opec-Staaten am Sonntag in Doha darüber beraten, wie die Märkte beruhigt werden könnten, fügte Ibrahim hinzu. Die Organisation sei „sehr besorgt“.
In Deutschland könnte noch in diesem Jahr die Marke beim Benzinpreis von mehr als 1,50 Euro je Liter leicht durchbrochen werden, wie Rainer Wiek vom Energie-Informationsdienst (EID) in Hamburg sagte. Damit müßten auch deutsche Autofahrer wahrscheinlich bald tiefer in die Tasche greifen als je zuvor.
Die weltweite Nachfrage nach Öl wird nach Opec-Berechnungen im laufenden Jahr um 1,7 Prozent steigen. Die liegt leicht über der Prognose vom Vormonat, wie aus dem am Dienstag veröffentlichten monatlichen Opec-Bericht hervorgeht. Vorläufigen Zahlen zufolge sei die weltweite Ölnachfrage im vergangenen Jahr um 1,2 Prozent auf 83,1 Millionen Barrel pro Tag gestiegen.
Exporteure profitieren
Der hohe Ölpreis dürfte nach Auffassung von Wirtschaftsexperten den Export ankurbeln. Unklar sind allerdings die kurzfristigen Auswirkungen auf die deutsche Konjunktur. Während das Ifo-Institut am Dienstag zunächst keine negativen Effekte für das Wirtschaftswachstum sah, gab sich das Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA) etwas skeptischer. Bei einem weiteren nachhaltigen Preisanstieg sind nach übereinstimmender Meinung jedoch negative Auswirkungen absehbar.
Der hohe Ölpreis führt nach Auffassung beider Institute zu einer stärkeren Nachfrage deutscher Güter im Ausland. Gernot Nerb vom Münchner Ifo-Institut wies darauf hin, daß gerade die Hersteller von Investitionsgütern in den Opec-Staaten aktiv seien. „Damit lassen sich negative Effekte überkompensieren.“ Kurzfristig könne die deutsche Konjunktur diese „wegstecken“. Das liege vor allem daran, daß der anziehende Arbeitsmarkt die Binnennachfrage stärke.
„Netto würde ich eine Belastung sehen“
Klaus Matthies, Rohstoffexperte beim HWWA, sieht ebenfalls positive Auswirkungen für Länder mit starkem Export. Das gelte insbesondere für Deutschland. „Wir profitieren am meisten“, sagte Matthies. Allerdings gleiche das nur bedingt die Auswirkungen steigender Preise im Inland aus. „Netto würde ich eine Belastung sehen“, sagt Matthies.
Experte Dominic Bryant vom Finanzhaus BNP Paribas sieht den Markt grundsätzlich in einer problematischen Verfassung. Die Tatsache, dass der Ölpreis im traditionell eher schwachen zweiten Quartal dieses Niveau erreicht habe, lasse für den Sommer und die Hurrikan-Saison weitere Preissteigerungen befürchten. Bis Ende des Monats bleibe allerdings der Iran das beherrschende Thema: Dann werde die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) vor den Vereinten Nationen ihren Bericht abgeben.
Zunehmende Nervosität der Märkte
Eine zunehmende Nervosität der Märkte stellte der Analyst Tetsu Emori von Mitsui Bussan Futures in Tokio fest. Er verwies auch auf die sinkenden Benzin-Lagerbestände in den Vereinigten Staaten vor Beginn der sommerlichen Hauptreisesaison. „Wir werden mehr Rohöl brauchen, um Benzin zu produzieren.“ Allerdings seien die Raffineriekapazitäten in Amerika begrenzt.
Auch der Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV) führt das Rekordniveau beim Rohölpreis auf die internationalen politischen Spannungen zurück. Es gebe Sorgen über mögliche Lieferengpässe vor allem wegen des Streits um das iranische Atomprogramm und die anhaltenden Unruhen in Nigeria, sagte die Sprecherin des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV), Barbara Meyer-Bukow, am Dienstag in Hamburg.
Der hohe Benzinpreis sei auch auf die steigende Sprit-Nachfrage aus Amerika zurückzuführen. Dort habe die Fahrsaison begonnen, sagte Meyer-Bukow. Die Vereinigten Staaten kauften darum auch fertiges Benzin in Europa.
Der Rekord-Ölpreis sei durch Sondereffekte zustande gekommen, sagte Ifo-Experte Nerb mit Blick auf die Ölproduzenten Iran und Nigeria. „Der Preis ist spekulativ überhöht.“ Beruhige sich die politische Situation in diesen Ländern, sei auch ein Rückgang des Ölpreises zu erwarten, sagte der Konjunkturexperte.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.738,47 | +0,68% |
| FAZ-INDEX | 1.504,02 | +0,59% |
| TecDAX | 775,33 | +0,71% |
| MDAX | 10.290,00 | +0,40% |
| SDAX | 5.011,74 | +0,53% |
| REX | 421,76 | +0,17% |
| Eurostoxx 50 | 2.491,54 | +0,43% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,48 | +0,59% |
| Dow Jones | 12.874,00 | +0,57% |
| Nasdaq 100 | 2.569,49 | +0,87% |
| S&P500 | 1.351,77 | +0,68% |
| Nikkei225 | 9.058,77 | +0,66% |
| EUR/USD | 1,3153 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 117,20 $ | −0,50% |
| Gold | 1.727,00 $ | +0,91% |
| Bund Future | 138,32 € | −0,22% |