Home
http://www.faz.net/-gqf-qxbg
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Donnerstag, 16. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Naturkatastrophen Das japanische Beben erschüttert die Börse nicht

16.08.2005 ·  Es war ein schweres, langes Beben, das Japan heimsuchte. Doch die Schäden in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt hielten sich diesmal in Grenzen. Es könnte aber auch anders kommen, meinen die Versicherungen.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wenn in Japan die Erde bebt, halten die Händler an den Finanzmärkten die Luft an. Nach den schweren Erschütterungen im Nordosten des Inselreiches vom Dienstag mittag atmeten sie erst einmal kräftig durch. Dann handelten sie unbenommen weiter.

Zwar war das Beben der Stärke 7,2 in der Tohoku-Region das heftigste seit mehr als einem Jahr. Auch dauerte es mit fast zwei Minuten ungewöhnlich lange. Doch die Schäden in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt hielten sich in Grenzen. Einige Häuser brachen zusammen, das Dach einer Schwimmhalle kollabierte, Schnellzüge wurden angehalten, Autobahnen und Flughäfen vorübergehend geschlossen, die Arbeiten in einer Ölraffinerie eingestellt und ein Kernkraftwerk vom Netz genommen. 20000 Haushalte waren ohne Strom. Es gab Verletzte, aber keine Toten.

Mit Nachbeben wird gerechnet

In Tokio rüttelte das Beben die Häuser kräftig durch, doch keines brach zusammen. Die Aktienindizes an der Börse verzeichneten zum Handelsschluß keine Verluste. Der erste Schock war kräftig, aber kurz. Die Papiere von Baugesellschaften wie Fudo Construction oder Tohoku Misawa legten vorübergehend 15 Prozent zu. Der Yen gab leicht nach. Staatsanleihen notierten im Plus. Der Tokioter Regierungschef Junichiro Koizumi hatte nur wenige Minuten nach dem Beben seine Krisenmannschaft um sich versammelt. Seitdem sind die Beamten aller Ministerien in erhöhter Einsatzbereitschaft.

Mit Nachbeben wird gerechnet, schließlich ist Japan in einer prekären geographischen Lage. Im Meer vor Tokio treffen mehrere große Erdplatten aufeinander. Sie verschieben sich aufgrund des Drucks im Erdinneren jedes Jahr um einige Zentimeter. Das ruft an der Oberfläche Spannungen hervor und führt zu teilweise heftigen Bewegungen.

Eine der gefährdetsten Millionenstädte der Welt

Die Münchener Rückversicherung stuft die japanische Hauptstadt als eine der von Naturkatastrophen am meisten gefährdeten Millionenstädte der Welt ein. Ein verheerendes Erdbeben könnte allein den deutschen Versicherungskonzern drei Milliarden Euro kosten. Im weltweiten Katastrophen-Risikoindex der Münchener liegt Tokio weit vor San Francisco, Los Angeles und Osaka an der Spitze. Unbenommen davon sind auch andere Regionen in Fernost hoch gefährdet. Im September 2003 suchte den Südwesten der Großinsel Hokkaido ein Seebeben der Stärke 8,0 heim. Dabei brannte ein Öllager nieder, die lokale Infrastruktur wurde verwüstet, die Verluste betrugen Hunderte von Millionen Euro.

Im Oktober 2004 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 6,8 die japanische Region um Niigata. Dabei waren mehr als 40 Menschen getötet und 2100 teilweise schwer verletzt worden. Straßen, Brücken, Strom-, Gas- und Energieversorgungsanlagen wurden zerstört oder beschädigt, 60 Ortschaften vorübergehend von der Außenwelt abgeschnitten und ein Shinkansen-Schnellzug in voller Fahrt von den Gleisen gehoben. Besonders hart hatte das Beben die Sanyo Electric Co. getroffen. Sie verbuchte hohe Schäden an ihren regionalen Chipwerken und rutschte mit umgerechnet 1,2 Milliarden Euro in die Verlustzone. Die Provinzregierung von Niigata veranschlagte die Gesamtschadenshöhe des Bebens auf 20 Milliarden Euro. Um die Kosten zu stemmen, legte die Tokioter Zentralregierung einen Sonderhaushalt auf.

Beben reichte bis in Londons City

Das hatte sie schon nach dem verheerenden Erdbeben von Kobe im Jahr 1995 machen müssen. Damals waren in der mitteljapanischen Hafenstadt 6400 Menschen getötet worden. Die Erschütterungen zerstörten ganze Stadtteile. An der Tokioter Börse waren die Kurse abgestürzt, Terminmärkte setzten zur Talfahrt an, hochspekulative Positionen knickten ein. In London ging die Traditionsbank Barings Pleite. Ihr Händler Nick Leeson hatte von seinem Büro in Singapur aus Tage vor dem Kobe-Beben etwas freigiebig mit japanischen Future-Kontrakten spekuliert. Die Erschütterungen ließen die Stimmung am Markt drehen. Leesons Milliardenportfolio geriet ins Minus. Das Schicksal von Barings war besiegelt.

Kobe hatte andere Sorgen. Die Schadenssumme betrug offiziellen Angaben nach 75 Milliarden Euro; inoffiziell ist sie doppelt so hoch. Zwar wurden aufgrund staatlicher Hilfen innerhalb weniger Monate alle Straßen- und Eisenbahnverbindungen wieder aufgebaut und die regionalen Wirtschaftszweige erneut auf die Beine gestellt. Doch große Sprünge kann die Hafenstadt immer noch nicht machen. Die wirtschaftliche Leistungskraft Kobes liegt nach Einschätzung der örtlichen Verwaltung heute 20 Prozent unter dem Niveau von Anfang der neunziger Jahre. Für Niigata fällt die Bilanz noch schlechter aus. In Tokio übt man sich derweil in Zuversicht. Dabei liegt das letzte ganz große Beben schon mehr als 80 Jahre zurück. Ende Juli gingen recht heftige Erschütterungen durch die 30-Millionen-Metropole. An den Märkten herrschte Ruhe. Die Erde bebte an einem Samstag.

Quelle: fib., F.A.Z. vom 17. August 2005
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Zu ausgeklügelt

Von Kerstin Schwenn

Das System des Mautbetreibers Toll Collect ist eine tolle deutsche Erfindung, aber leider nicht wirtschaftlich. Eine Maut lässt sich auch mit einem weniger ausgeklügelten System erheben. Mehr 7 12

15.02.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.757,94 +0,44%
 OK
Umfrage

Sollen Kinderlose einen „Solidarzuschlag" zahlen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

16.02.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.757,94 +0,44%
FAZ-INDEX 1.508,12 +0,49%
TecDAX 780,92 +0,91%
MDAX 10.353,00 +0,97%
SDAX 5.020,82 −0,06%
REX 421,24 −0,10%
Eurostoxx 50 2.493,96 +0,23%
F.A.Z. EURO INDEX 80,55 +0,36%
Dow Jones 12.781,00 −0,76%
Nasdaq 100 2.556,01 −0,75%
S&P500 1.343,23 −0,54%
Nikkei225 9.229,54 −0,33%
EUR/USD 1,3016 −0,34%
Rohöl Brent Crude 118,73 $ −0,26%
Gold 1.733,00 $ +0,64%
Bund Future 139,05 € +0,38%