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Veröffentlicht: 19.06.2015, 10:22 Uhr

Mers-Krise Koreas nächster Schicksalsschlag

Koreas Wirtschaft ächzt: Schon nach dem Unglück der Fähre Sewol brach der Konsum ein, die Wirtschaft wurde stark belastet. Jetzt breitet sich auch noch die oft tödliche Krankheit Mers aus. Wie schlimm wird das noch für die Konjunktur?

von , Tokio
© AP Kinoreife Szenen: Helfer desinfizieren ein Kino in der koreanischen Hauptstadt Seoul.

Korea hat es wirklich nicht leicht. Im vergangenen Jahr schockte die Südkoreaner der Untergang der Fähre Sewol, bei dem mehr als 300 Menschen ums Leben kamen und der ein erstaunliches Maß an Schlamperei offenlegte. Monatelang wirkte das trauernde Land wie gelähmt. Die bleierne Zeit belastete den Konsum und die Wirtschaft. Im Sommer suchte die angeschlagene Regierung die Konjunktur mit Mehrausgaben kurzfristig zu stützen. Das Budget für dieses Jahr ist fiskalisch weniger konservativ als zuvor.

Patrick Welter Folgen:

Nun, wo gerade ein wenig Hoffnung auf eine Überwindung der Konsumzurückhaltung aufkam, bremst der nächste Schicksalsschlag. Mit der Ausbreitung der vielfach tödlichen Atemwegserkrankung Mers, die ein koreanischer Geschäftsreisender aus dem Mittleren Osten einschleppte, droht der nächste Konjunkturschock. Erste Wirtschaftsdaten zeigen an, dass die Koreaner zu Hause bleiben und ihren Konsum einschränken. Zugleich haben schon mehr als 100.000 Touristen ihre Reisen nach Korea storniert - und das zu Beginn der Reisesaison im Sommer. Vier Wochen nach dem ersten Mers-Patienten ist das Land mit 20 Todesfällen und 162 Infizierten von einer großflächigen Seuche weit entfernt. Doch schreckt die Angst Koreaner und Touristen. Die Erinnerung an den Sars-Virus, der 2003 im Süden Chinas und in Hongkong - nicht in Korea - rund 800 Menschenleben forderte, sitzt tief.

In beunruhigender Weise spiegelt die Mers-Krise die Ereignisse des vergangenen Jahres. Die Regierung reagierte langsam und zeigte Inkompetenz, was die Unsicherheit vergrößert. Mehr als 2000 Schulen und Kindergärten wurden zeitweise geschlossen, obwohl nicht sie, sondern Krankenhäuser die Infektionsherde sind. Erst nach Tagen und unter öffentlichem Druck gab die Regierung die Namen der betroffenen Hospitäler bekannt, was die Ausbreitung des Virus wohl beschleunigte. Wie im vergangenen Jahr erwägt die Regierung auch einen fiskalischen Stimulus. Die Bank von Korea hat den Leitzins schon vorbeugend auf das Rekordtief von 1,5 Prozent gesenkt.

Nicht Mers, sondern die Exportschwäche ist das Problem

Die wirtschaftlichen Folgen des Mers-Virus für Korea sind verlässlich nicht abzuschätzen. Kommt die Ausweitung bald zum Stillstand und legen die Ängste sich schnell, könnte der Wachstumsverlust nach Schätzungen aufs Jahr gesehen vielleicht 0,2 oder 0,3 Prozentpunkte betragen. Zieht das Mers-Risiko sich noch über Monate hin und verschrecken stete Medienberichte Touristen, sind eher minus 0,8 Prozentpunkte oder mehr anzusetzen. Es bleibt die Unsicherheit, dass die temperamentvollen Südkoreaner wie im vergangenen Jahr vorübergehend in eine Art Konsumstarre verfallen. So oder so schwinden die Chancen, dass Südkoreas Wirtschaft in diesem Jahr noch um 3 Prozent wachsen wird. Schon die 3,3 Prozent im vergangenen Jahr lagen unter den Möglichkeiten.

Das Kernproblem dabei ist freilich nicht Mers, sondern die Exportschwäche der Wirtschaft. Diese hat sich seit dem vergangenen Jahr verschärft. Für ein Land, das noch stärker als Deutschland vom Export abhängt, ist das fatal. Die Wirtschaft belastet nicht nur die generell verlangsamte Nachfrage aus China und Südostasien, aus den Vereinigten Staaten und Europa. Mehr noch drückt die Aufwertung des Wons gegenüber Dollar und vor allem Yen. Gegenüber der Währung des Hauptkonkurrenten auf den Exportmärkten, Japan, ist der Won heute rund 40 Prozent stärker als noch 2012. Einiges spricht dafür, dass das Gros der negativen Aufwertungsfolgen sich in Korea erst noch zeigen wird.

Ursache und Vorwand für Zinssenkung

Die Stärke des Wons spiegelt die geldpolitischen Experimente in den arrivierten Industriestaaten Amerika und Japan. Sie ist die Schattenseite der monetären Expansion dort. Korea interveniert dagegen offensichtlich an den Devisenmärkten und zieht so vor allem den Zorn Amerikas auf sich. Doch auch die Zinssenkungen der Bank von Korea, die sich seit vergangenem August auf 1 Prozentpunkt belaufen, dienen nicht zuletzt dazu, den Won relativ zu schwächen. Mers ist insoweit Ursache der und Vorwand für die jüngste Zinssenkung zugleich. Die Niedrigzinsstrategie der koreanischen Notenbank ist nicht ohne Risiko. Die Verschuldung der privaten Haushalte in Südkorea wuchs schon vor der globalen Finanzkrise von 2008 und stieg danach munter weiter. Darin kann sich die nächste Krise verbergen.

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Wichtiger als der Versuch, den Won schwächer zu halten, wäre es für Korea freilich, das Augenmerk nach innen zu richten. Das Wachstumspotential hat sich seit der Finanzkrise spürbar verringert. Man muss nicht wie der Internationale Währungsfonds Gegner großer Leistungsbilanzüberschüsse und exportorientierter Wachstumsstrategien sein, um zu erkennen: Korea könnte gerade bei kleineren, binnenorientierten Unternehmen durch wettbewerblichere Märkte enorme Produktivitätsschätze heben. Das wäre nicht zuletzt angesichts der absehbaren Alterung der Gesellschaft geboten. Staatliche Mehrausgaben und ein schwächerer Won werden diese Wachstumskräfte nicht entfalten.

Macht’s nicht wie die kleinen Kinder!

Von Rainer Hank

Die Freihandelsbeziehungen zu den Briten dürfen nicht radikal gekappt werden – auch nicht wegen der Personenfreizügigkeit. Beugen wir uns besser dem britischen Wunsch. Es ist zu unserem Vorteil. Mehr 78 76

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