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Kurzarbeit Verdeckte Arbeitslosigkeit in deutschen Unternehmen

13.08.2009 ·  Die amerikanische und die deutsche Wirtschaft reagieren sehr unterschiedlich auf die Krise. In Amerika sinken die Lohnstückkosten in der Rezession, in Deutschland steigen sie wegen der Kurzarbeit rasant. Das könnte für viele deutsche Unternehmen ein Problem werden.

Von Claus Tigges, Philip Plickert und Henrike Roßbach
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Die amerikanische und die deutsche Wirtschaft reagieren sehr unterschiedlich auf die Krise. Jenseits des Atlantiks haben die Unternehmen sofort Arbeiter entlassen. Seit Beginn der Rezession im Dezember 2007 haben im Saldo 6,7 Millionen Menschen in Amerika ihre Stelle verloren. Hierzulande versuchen dagegen viele Unternehmen, ihre Belegschaft zu halten, obwohl sie nur wenige Aufträge haben. Dadurch steigen die Lohnstückkosten, das Maß für die Arbeitskosten - also die Löhne und Lohnzusatzkosten - in Relation zur Produktionsleistung der Beschäftigten. Das könnte für viele deutsche Unternehmen ein Problem werden.

„Amerikanische Unternehmen haben zur Kostensenkung und zur Verschlankung der Abläufe ihre Belegschaften erheblich verringert. Das hat dazu beigetragen, die Gewinnmargen trotz der schweren Rezession verhältnismäßig stabil zu halten“, erläutert Harm Bandholz von der Unicredit-Gruppe in New York. Einige Beobachter sagen sogar, dass viele amerikanische Unternehmen, die sich nicht an strenge Kündigungsschutzregelungen halten müssten und auch nicht an Tarifverträge gebunden seien, aus einer übertriebenen Sorge wegen der wirtschaftlichen Zukunft mehr Mitarbeiter entlassen hätten, als notwendig gewesen wäre.

Vor allem die Beschäftigten mit der geringsten Produktivität sind entlassen worden. Das hat zum jüngst gemeldeten kräftigen Anstieg der Produktivität der verbliebenen Belegschaften in der amerikanischen Wirtschaft geführt. Zudem haben viele Unternehmen ihren Beschäftigten nur noch minimale Lohnzuwächse gewährt. Die stündliche Vergütung stieg zwar im zweiten Quartal nominal mit einer Jahresrate von 0,2 Prozent, inflationsbereinigt ergibt sich aber ein Rückgang von 1,1 Prozent. Das alles zusammen drückt die Lohnstückkosten drastisch nach unten: Sie sind im zweiten Quartal 2009 mit einer Jahresrate von 5,8 Prozent gesunken und lagen um 0,6 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres.

In Deutschland herrscht Ruhe vor dem Sturm

In Deutschland hingegen ist das Bild komplett anders. „Wir erleben hier eine erstaunliche Ruhe auf dem Arbeitsmarkt“, sagt Stefan Kooths vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. „Aber wir fürchten, es ist die Ruhe vor dem Sturm.“ Im Vergleich zum vergangenen Frühjahr, als die Rezession begann, ist die Arbeitslosenzahl vergleichsweise gering um etwa 200 000 gestiegen. „Die Unternehmen halten lange an den Beschäftigten fest und nutzen Kurzarbeit“, sagt Kooths. Die weit über eine Million Kurzarbeiter entsprächen etwa 300 000 bis 400 000 Vollzeitarbeitsplätzen, die ohne Beschäftigung sind.

Weil die Unternehmen trotz Mangels an Aufträgen und trotz der stark gedrosselten Produktion ihre Belegschaft weiterbeschäftigen, steigen die Lohnstückkosten. Im ersten Quartal schnellten sie in der gesamten Wirtschaft um 8,1 Prozent in die Höhe im Vergleich zum Vorjahresquartal. In der Industrie ist der Anstieg besonders groß: Im ersten Quartal lag er bei fast 25 Prozent. „Wir rechnen für das ganze Jahr mit einem Anstieg um 7 Prozent in der Gesamtwirtschaft“, sagt DIW-Ökonom Kooths. Der Hauptgrund hierfür sei die „erhebliche innerbetriebliche verdeckte Arbeitslosigkeit“. Die Lohnstückkosten normalisierten sich dann jedoch, wenn die Unternehmen damit anfingen, unbeschäftigte Mitarbeiter zu entlassen. Für das kommende Jahr prognostiziert das DIW daher um 1 Prozent sinkende Lohnstückkosten.

Kurzarbeit belastet die Produktivität

Eine Branche, die in Deutschland besonders stark auf Kurzarbeit setzt, ist die Metall- und Elektroindustrie. Viele Autohersteller, Maschinenbauer und Zulieferer nutzen die von der Bundesagentur für Arbeit (BA) bezuschusste Form der Beschäftigungssicherung. Das drückt aber stark auf die Produktivität in der Branche. Während sie ihre Produktion im Winter um rund 29 Prozent unter das Vorjahresniveau gesenkt hat, ging die Zahl der Beschäftigten um nicht einmal 1 Prozent zurück. Beinahe gleich viele Mitarbeiter haben also fast ein Drittel weniger Güter hergestellt. Die Folge: Die Arbeitsproduktivität ging um 17,5 Prozent zurück.

Spiegelbildlich sind die Lohnstückkosten sprunghaft gestiegen: Sie waren im ersten Quartal um 28 Prozent und im zweiten Quartal sogar um knapp 32 Prozent höher als ein Jahr zuvor - obwohl die BA einen Großteil der Kurzarbeitskosten übernimmt. Der Grund: Die Unternehmen können sich nicht auf Knopfdruck umstellen. Die Produktion ist schneller zurückgegangen, als die Betriebe ihr Personal hätten anpassen können, sei es über Kurzarbeit, auslaufende Verträge oder Entlassungen. Hinzu kommt, dass die Unternehmen während der Auftragsflaute oftmals Arbeiten erledigen lassen, die zuvor liegengeblieben sind, die aber nicht in die Produktion eingehen.

Unternehmen fürchten Fachkräftemangel

Die steigenden Lohnstückkosten seien „schon eine gefährliche Entwicklung“, sagt Michael Stahl, Chefvolkswirt des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, „denn sie schlagen auf die Ergebnisse der Betriebe durch.“ Der Verband rechnet in diesem Jahr zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs damit, dass die Branche Verluste machen wird. „Das geht für eine bestimmte Zeit gut“, sagt Stahl, doch irgendwann gehe es auch an die Substanz. Inzwischen erwarten Ökonomen, dass der Tiefpunkt des Abschwungs erreicht ist.

Auch Gesamtmetall-Ökonom Stahl rechnet für seine Branche damit und sagt, dass sich auch die Produktivität normalisieren werde. Er hält es für die richtige Entscheidung, dass die Betriebe in Deutschland auf Beschäftigungssicherung gesetzt haben, auch wenn sie das Produktivität kostet. Später wieder neue Mitarbeiter zu finden und auszubilden koste ebenfalls Geld. Außerdem hätten die Unternehmen aus der Vergangenheit gelernt, dass der Fachkräftemangel sie im Aufschwung bremse. Die deutsche Metall- und Elektroindustrie sei zudem besonders auf gut ausgebildete Mitarbeiter angewiesen - stärker als die Industrie in anderen Ländern.

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