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Konjunkturprognosen Deutlich besser als ein Münzwurf

06.05.2005 ·  Konjunkturvorhersagen treffen selten zu und stehen zunehmend in der Kritik. Diese Wissenschaft erinnere ihn an Meteorologie, schimpft etwa der Bundeskanzler. Ein Blick in die Prognosewerkstatt.

Von Patrick Welter
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Das vergangene Jahr war ein besonderes Jahr für die deutschen Konjunkturpropheten. Die Wachstumsprognosen lagen im Januar zwischen 1,4 Prozent und 1,8 Prozent. Tatsächlich wuchs die Wirtschaft um 1,6 Prozent. So präzise Prognosen gibt es selten, zufrieden sind die Ökonomen trotzdem nicht. Sie hatten den Exportboom unter- und die Erholung der Binnennachfrage überschätzt. Die Fehler haben sich aufs Jahr gerechnet ausgeglichen. Die Punktlandung sei ein Zufallstreffer gewesen, wertet Jörg Hinze vom Hamburgischen Weltwirtschafts-Archiv (HWWA).

Auch der Kanzler ist nicht zufrieden. Diese Art der Wissenschaft erinnere ihn an Meteorologie, schimpfte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) vergangene Woche, als die großen Wirtschaftsforschungsinstitute das Frühjahrsgutachten vorlegten und ihre Wachstumsprognose für 2005, die im Herbst noch bei 1,5 Prozent lag, auf 0,7 Prozent halbierten. Den Kanzler ärgert, daß nun auch die Regierung ihre Vorhersage zurücknehmen mußte, von 1,6 auf 1 Prozent. Die Haushaltsrisiken steigen. Jeder Prozentpunkt weniger Wachstum kostet Bund, Städte und Kommunen rund 5 Milliarden Euro Steuereinnahmen.

„Wir haben massive Fehlprognosen gemacht“

Für solche Probleme lassen sich die Konjunkturforscher ungern verantwortlich machen. Die meisten setzen die unvermeidbare Prognoseungenauigkeit mit mindestens 0,5 Prozentpunkten an - und zwar in beide Richtungen. Wird ein Wachstum von 0,7 Prozent prognostiziert, kann das also vieles bedeuten: von einer Fast-Stagnation bis hin zu einem Wachstum von rund 1,2 Prozent. In der öffentlichen Diskussion wird das meistens nicht wahrgenommen. Da gilt 0,7 als 0,7.

Das Problem der Forschungsinstitute und auch des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist, daß ihre Wachstumsprognosen in den vergangenen vier Jahren dreimal weit daneben lagen. "Wir haben massive Fehlprognosen gemacht", sagt Joachim Scheide, der Leiter der Konjunkturabteilung am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). "Wir hatten alle gedacht, daß sich Produktivitätsfortschritte durch die ,New Economy' zeigen würden und Deutschland im Trend stärker wachsen könnte. Das war eine Fehleinschätzung; der Wachstumstrend hat sich im Gegenteil von 2 auf 1 Prozent verlangsamt."

Große Schwankungen bei Ölpreis und Wechselkurs

Am größten waren die Fehler in den Jahren 2001 und 2002. Noch die Frühjahrsprognose der Institute im April zeigte die letztlich realisierten Wachstumsraten um 2,1 und 1,1 Prozentpunkte zu hoch an. "Man kann uns nicht vorwerfen, daß wir die Anschläge des 11. Septembers 2001 und den dann rasanten Wirtschaftseinbruch nicht vorhergesagt haben", verteidigt Alfred Steinherr, der Konjunkturchef am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, die Ökonomen. Die deutschen Institute waren damals nicht die einzigen; auch andere Institutionen setzten ihre Prognosen deutlich und wiederholt herab - und hatten Schwierigkeiten, die Spätfolgen der geplatzten Spekulationsblase an den Aktienbörsen im Jahr 2000 abzuschätzen.

Konjunkturprognostiker haben immer dann große Probleme, wenn seltene, bedeutende Ereignisse auftreten. Das war beim ersten Ölpreisschock 1974 der Fall, aber auch in den Jahren nach der deutschen Einheit. Die jüngsten Fehlprognosen begründet Steinherr auch damit, daß die großen Schwankungen von Ölpreis und Wechselkurs die Annahmen der Forscher hinfällig werden ließen. Zudem seien die wirtschaftspolitischen Reformen und die neuen Investitionsmöglichkeiten der Unternehmen in Ausland noch nicht hinreichend in den Formeln erfaßt, mit denen die Vorhersagen errechnet werden.

„Ökonomik ist unsichere Wissenschaft“

Wer Punktprognosen erwarte, verlange "einfach das Unmögliche", sagt Steinherr. Die Wahrscheinlichkeit, daß die 0,7 Prozent Wachstum in diesem Jahr tatsächlich eintreffen, beziffert er gerade mal mit "um die 0,15 Prozent". Wichtiger als die exakte Wachstumszahl ist für ihn die Erklärung, warum das Wachstum in dieser Größenordnung ausfallen werde und unter welchen Bedingungen nicht. All das wird in den Gutachten über viele Seiten hinweg erläutert. "Doch haben wir in dieser Hinsicht nicht genug Aufklärung geleistet", sagt Scheide vom Kieler IfW.

Er verweist auf ein weiteres Problem: „Die Ökonomik ist eine sehr unsichere Wissenschaft, wir können nicht präzise Vorhersagen leisten.“ Die Wirtschaft sei ein lebendiger Prozeß, der sich nur unvollkommen in Formeln pressen lasse - und der die Intuition der Forscher fordert. Alle Prognosen beruhen auf Modellrechnungen, die erst durch korrigierende Eingriffe erfahrener Ökonomen zu plausiblen Konjunkturszenarien zurechtgerückt werden.

Bundesregierung prognostiziert nicht besser

Trotz dieser Schwierigkeiten sind die Konjunkturprognosen deutlich besser als eine Vorhersage mittels Münzwurf. Das haben die Ökonomen Jörg Döpke und Ulrich Fritsche in einer Untersuchung für das DIW herausgefunden. Dies gilt zumindest für die Richtungsprognose der Konjunkturentwicklung. Hinsichtlich der Wachstumsraten beträgt der durchschnittliche Prognosefehler jedoch 0,6 Prozentpunkte. Die Bundesregierung schneidet nicht besser, aber auch nicht schlechter ab als andere Fachleute. In der Studie wurden Vorhersagen von 14 Institutionen, vom Internationalen Währungsfonds bis zur EU-Kommission, vom arbeitgebernahen IW bis zum gewerkschaftsnahen WSI, vom IfW im Norden bis zum Ifo-Institut im Süden Deutschlands, für den Zeitraum 1970 bis 2003 unter die Lupe genommen.

Die Ergebnisse zeigen, daß Konjunkturpropheten zu leicht optimistischen Vorhersagen neigen. Qualitätsunterschiede sind gering und lassen sich durch den Prognosezeitpunkt erklären: Wer später prognostiziert, hat mehr Daten und Wissen zur Verfügung. Die Institute etwa sehen die Konjunktur im Frühjahr deutlich zutreffender voraus als im Herbst des Vorjahres - im Niveau und in der Entwicklungsrichtung. Die Klage des Kanzlers über das Ausmaß der Revisionen lenkt davon ab, daß jüngere Prognosen die besseren sind.

Wirtschaftsministerium: Prognosen sind wichtig

Das Murren der Politiker über die Prognosen habe zugenommen, heißt es in den Instituten, und mancher sorgt sich, daß die Bundesregierung die Gemeinschaftsdiagnose abschaffen könne. 1,3 Millionen Euro zahlt das Wirtschaftsministerium für das Frühjahrs- und das Herbstgutachten, 1,7 Millionen Euro kosten die Gutachten des Sachverständigenrates. Es gebe keine Überlegungen, die Gemeinschaftsdiagnose zu streichen, sagt indes die Sprecherin von Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD). Der Minister habe deutlich gemacht, "daß die Prognosen wichtig sind und daß wir sie brauchen".

Doch Clement mag es im Frühjahr zur Stimmungsaufhellung und mit Blick auf eine günstigere Steuerschätzung oft einen Hauch optimistischer als die Institute. Der politische Zweckoptimismus zeigt sich stärker noch in den mittelfristigen Erwartungen. Bis 2009 soll die Wirtschaft nach der neuen Vorhersage der Bundesregierung jährlich zwischen 1,5 und 2 Prozent wachsen. Ökonomen veranschlagen den Wachstumstrend dagegen mit nur einem Prozent. Würde Clement das eingestehen, wäre die Zusage von Finanzminister Hans Eichel (SPD) an die Europäische Union, das Staatsdefizit bis 2008 um mehr als die Hälfte auf rund 1,5 Prozent zu reduzieren, schon jetzt hinfällig.

Warum Konjunkturforscher irren

Unzutreffende Annahmen: Prognosen über die Konjunkturentwicklung beruhen auf Annahmen, beispielsweise über den Ölpreis und den Wechselkurs. Wenn die Annahmen nicht eintreffen, wie es in den vergangenen Jahren oft der Fall war, muß die Prognose revidiert werden. Beispiel 2004/5: Im Herbst erwarteten die Institute einen auf 37 Dollar je Barrel (159 Liter) fallenden Ölpreis. Jetzt liegt er bei rund 50 Dollar.

Externe Schocks: Unerwartete Ereignisse kann niemand prognostizieren. Beispiel 2001/02: Die Terroranschläge vom 11. September 2001 ließen die Weltkonjunktur einbrechen.

Trügerische Daten: Zum Prognosezeitpunkt liegen den Ökonomen über die Entwicklung "am aktuellen Rand" nur wenige vorläufige Daten vor, die regelmäßig geändert werden. Die endgültigen Daten können ein gänzlich anderes Konjunkturbild zeichnen als zuvor angenommen. Beispiel 2001: Bis in den Mai hinein meldeten die Statistiker - wie auch prognostiziert - eine kräftige Belebung der Investitionen. Von August an ergaben revidierte Daten ein ganz anderes Bild: Die Unternehmen investierten schon seit Herbst 2000 immer weniger.

Unberechenbare Wirtschaftspolitik: Entscheidungen der Regierung und der Tarifpartner sind nicht vorhersehbar. Beispiel 1995: Die IG Metall setzte Lohnerhöhungen von 6,4 Prozent durch; die Unternehmen bauten Arbeitsplätze ab statt auf. Beispiel 2005: Die Auswirkungen der Hartz-IV-Reformen auf den Arbeitsmarkt können auch von der Bundesregierung nur geschätzt werden.

Quelle: F.A.Z., 06.05.2005, Nr. 104 / Seite 12
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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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