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Konjunkturgutachten In neuer Besetzung

03.07.2007 ·  Zweimal im Jahr legen die großen Wirtschaftforschungsinstitute ein Gemeinschaftsgutachten vor. Doch wer gehört zu den großen? Das DIW in Berlin nicht mehr. Als einziges der bisherigen Teilnehmer kassierte das Institut bei der Neuvergabe eine schallende Ohrfeige. Patrick Welter analysiert.

Von Patrick Welter
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Nicht mehr fünf, sondern nur noch vier? Oder acht? Der Zuschlag von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos in der Ausschreibung für die Konjunkturprognose lässt offen, wie viele Abteilungsleiter von Forschungsinstituten künftig in die Kameras lächeln werden, wenn sie dem Minister im Herbst und im Frühjahr die Gemeinschaftsdiagnose überreichen und über die Wirtschaftsentwicklung orakeln werden. Gewonnen haben die erstmals offene Konkurrenz vier Anbieter mit insgesamt acht Instituten, davon drei aus der Schweiz und Österreich. Sicher ist, dass mit acht Instituten die Arbeit nicht leichter wird. Zu viele Köche können den Brei verderben.

Die größte Überraschung der Auswahl bahnte sich schon lange an. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin ist als einziges der bisherigen Teilnehmer nicht mehr dabei. Für die Forscher und ihren Präsidenten, Klaus Zimmermann, ist das eine schallende Ohrfeige, nicht nur weil das traditionsreiche Haus 1925 als Institut für Konjunkturforschung gegründet worden war. Gerade erst ist das Institut vom abgelegenen Vorort Dahlem ins Berliner Zentrum gezogen, was man auch als gesuchte Nähe zur Macht interpretieren darf. Der Politik entgegengekommen ist Zimmermann auch, als er jüngst der Bitte des Bundesfinanzministers nach einem Maulkorb für den ungeliebten Steuerschätzer des DIW nachgab. Genutzt hat es nichts.

Der Rauswurf des Keynesianers hat nicht genutzt

Inhaltlich ist die Entscheidung gegen das DIW, das sich zusammen mit dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim beworben hatte, nicht zu bemängeln. 2004 hatte Zimmermann dem keynesianisch orientierten Leiter der Konjunkturabteilung, Gustav Horn, mit Verweis auf mangelnde wissenschaftliche Qualifikation den Stuhl vor die Tür gesetzt. Horn, dessen missionarisch-einseitige Orientierung an der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage zu kritisieren ist, dessen gute Kenntnis der deutschen Konjunktur aber außer Frage steht, nahm einen Teil seiner Mannschaft zur gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung mit, die ihm das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) schuf. Von diesem Aderlass hat die Konjunkturabteilung des DIW, für die eine besondere Liebe Zimmermanns nicht ersichtlich ist, sich nie mehr richtig erholt. Es entbehrt nicht der Ironie, dass das IMK nun im Verbund mit dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und dem österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo in den Kreis der Gutachter aufrückt.

Zu Recht hatte der DIW-Präsident zwar dem Auftrag an die Institute entsprochen, mehr wissenschaftlich zu forschen, und Ökonomen eingekauft, die durch Publikationen in Fachzeitschriften glänzen. Der Transfer der theoretischen Erkenntnis auf die praktische Konjunkturprognose und die Mitarbeit an der Gemeinschaftsdiagnose aber ließen zu wünschen übrig. So zeigt das Scheitern des DIW auch, welche Gratwanderung der öffentliche Auftraggeber von den Instituten verlangt: erstklassige wissenschaftliche Forschung, zugleich aber praktisch-konkrete Politikberatung. Was die Konjunktur angeht, ist das DIW von dem schmalen Grat abgerutscht.

Proporzdenken gebrochen

Die Entscheidung für das gewerkschaftseigene IMK birgt eine zweite Besonderheit, weil zugleich das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) keinen Zuschlag erhielt. Diese Auswahl durchbricht das Raster der politischen Ausgewogenheit wohltuend – und ist nur bedingt als Linksruck zu werten. Zwar haben die keynesianisch orientierten Kräfte im ministerialen Unterbau ihren Willen bekommen. Doch darf das IMK zu Recht in Anspruch nehmen, in der Konjunkturanalyse mehr zu leisten als das arbeitgebernahe IW.

Der wünschenswerte Wettbewerb, den das Ministerium mit der offenen Ausschreibung entfachte, hat seine Grenzen. Konjunkturprognosen lassen sich schlecht verkaufen, zumal die öffentliche Hand mit ihrem geförderten Angebot privaten Anbietern kaum eine Chance lässt und den Markt schließt. Falls die nun unterlegenen Institute an ihren Konjunkturabteilungen sparen, könnten bei der nächsten Ausschreibung in drei Jahren qualifizierte Außenseiterwettbewerber aus dem deutschsprachigen Raum fehlen. Gut möglich, dass das früher zu eingefahrene Kartell der Konjunkturgutachter sich doch wieder zu einem kartellartigen Oligopol entwickelt, das sich auf die staatlichen Subventionen stützt. Nur eine Hoffnung ist jedenfalls, dass die leer ausgegangenen Bewerber sich nun erst recht anstrengen werden, um in drei Jahren dabei zu sein. Dann hätte Glos erreicht, was er vermeiden wollte: eine zunehmende Kakophonie der Konjunkturprognosen statt des insgeheim gewünschten, einheitlichen Meinungsbilds unter Regie der Regierung.

Wettstreit um die beste Prognosequalität

In einer offenen Gesellschaft gehört der Wettbewerb der Meinungen indes zum Alltag und muss ausgehalten werden. Auch in der Konjunkturforschung haben erst im Wettstreit originelle Ideen die Chance, vielleicht zu einer besseren Prognosequalität beizutragen. Wie in der gesamten Wirtschaftswissenschaft entzieht das Untersuchungsobjekt Mensch sich dabei zum Glück immer wieder den Annahmen der Forscher. Deshalb ist der Traum von der einzig wahren konjunkturellen Vorausschau verfehlt. Darum auch ist es bedauerlich, dass Glos bei der Reform der Gemeinschaftsdiagnose nicht radikaler zu Werke ging. Wert hat das Gutachten, weil die Ökonomen zweimal im Jahr den Wirtschaftspolitikern die Leviten lesen. Aberwitzig aber bleibt es, Konjunkturforscher, die mit ihren eigenen Prognosen regelmäßig wetteifern, auf ein gemeinsames Urteil zu verpflichten. Eine höhere Weisheit ist nur in der Vielfalt des Wettbewerbs, nicht aber im verordneten Mehrheitsvotum zu erwarten. Diesen Widerspruch heilt die neue Besetzung der Gemeinschaftsdiagnose nicht.

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