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Konjunkturbericht Am Tropf des Exports

02.06.2004 ·  Die deutsche Wirtschaft ist im ersten Vierteljahr um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal gewachsen. Eine höhere Rate gab es zuletzt vor drei Jahren. Dennoch ist Deutschland noch nicht aus dem Gröbsten heraus. Der F.A.Z.-Konjunkturbericht.

Von Patrick Welter
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Die deutsche Wirtschaft ist im ersten Vierteljahr um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal gewachsen. Eine höhere Rate gab es zuletzt vor drei Jahren. Dennoch ist Deutschland noch nicht mal aus dem Gröbsten heraus. Allein der Außenhandel hat die Wirtschaft in den ersten drei Monaten des Jahres angetrieben.

Rechnerisch haben Export minus Import 0,8 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beigetragen. In allen Bereichen der Binnenwirtschaft aber sieht es unverändert düster aus. Deutschland hängt am Tropf des Exports; ohne die starke Expansion der Weltwirtschaft würde die hiesige Wirtschaft schrumpfen.

Privater Konsum bleibt Schwachpunkt

Kopfzerbrechen bereitet den Konjunkturforschern vor allem der private Konsum, der zuletzt etwa 56 Prozent des BIP ausmachte. Er hat im ersten Quartal in realer, preisbereinigter Rechnung stagniert, was angesichts der zuvor langen Talfahrt gelegentlich schon als Hoffnungsschimmer bezeichnet wird. Dieses Bild täuscht: Als Folge der Gesundheitsreform werden viele Ausgaben für Medikamente mittlerweile nicht mehr als Staats-, sondern als privater Verbrauch gewertet.

Damit ist die Entwicklung des privaten Konsums im ersten Quartal in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wahrscheinlich überzeichnet; sie läßt bei genauer Betrachtung tatsächlich nicht den Hauch einer Erholung erkennen. Der Einzelhandelsumsatz ist im ersten Vierteljahr preisbereinigt abermals gefallen. Der private Verbrauch liegt mit 280,25 Milliarden Euro nicht höher als zum Jahresschluß 2000.

Deutlich wird daran, wie sehr die wirtschaftliche Entwicklung unter der Zunahme der Arbeitslosigkeit und unter der Verunsicherung der Verbraucher leidet. Diese haben zuletzt, trotz der mageren Entwicklung ihrer Realeinkommen, mehr gespart. Das ist durchaus ungewöhnlich. In früheren Konjunkturtiefs sind die Verbraucher eher noch mal ans Sparbuch gegangen, um sich Wünsche zu erfüllen.

Dennoch ist es falsch, die Sparfreude nur als konjunkturschädlichen Nachfrageausfall zu beklagen: Vielleicht legen die Deutschen mehr zurück, weil sie erkannt haben, daß die Sozialversicherungen langfristig im Alter kein ordentliches Auskommen mehr bieten. Dieses Sparen ist aus individueller wie aus volkswirtschaftlicher Sicht ebenso sinnvoll, wie Sparen ohnehin dazu beiträgt, daß Investitionskapital günstiger zur Verfügung steht. Die Schädlichkeit des Sparens ist auch für schwierige Zeiten nicht bewiesen.

Staatskonsum schrumpft

Das gilt gleichfalls für Klagen, der Staat habe sich als Konjunkturmotor verabschiedet. Als Folge der Ausgabenverschiebungen durch die Gesundheitsreform, aber auch der fehlenden Steuergelder ist der Staatskonsum zum Jahresbeginn um 1,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal geschrumpft. Das werten manche als Negativum - und übersehen dabei, daß ein Abbau der Staatsausgaben auf mittlere Sicht die Wachstumsperspektiven erhöht.

Wichtiger für die wirtschaftliche Entwicklung ist, wie es der Produktion und den Investitionen ergeht. Der Exportmotor läuft rund, damit müßte nun die Produktion in Gang kommen. Das Verarbeitende Gewerbe hat im ersten Quartal seine Bruttowertschöpfung preis- und saisonbereinigt abermals beschleunigt und um 1,5 Prozent gesteigert.

Der Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe sowohl aus dem In- wie aus dem Ausland bleibt im Aufwärtstrend, wenn auch zuletzt leicht abgeschwächt. Positiv ist, daß gerade Investitionsgüter gefragt sind. Die Kapazitätsauslastung in der Industrie ist nach den Umfragen des Münchener Ifo-Instituts im ersten Quartal abermals gestiegen. Konjunkturumfragen zeigen andauernden Optimismus der Unternehmen.

Positive Signale

All das sind Signale, die auf eine weitere Belebung hinweisen. Allein die Investitionsnachfrage nach Ausrüstungen kommt noch nicht in Schwung und hat im ersten Quartal nachgegeben. Zusammen mit dem - als Folge der Vorzieheffekte zum Jahresende 2003 - erwarteten Minus der Bauinvestitionen hat das der Konjunktur zum Jahresanfang einen Schlag versetzt. Die Hoffnung auf eine Erholung der Investitionen war verfrüht.

Trotz der unverändert schwachen Binnenkonjunktur entwickelt sich die Wirtschaft in etwa so, wie es Konjunkturforscher prognostizierten. Das Bild einer maßvollen und wackeligen Erholung ist im Frühjahr intakt. Das große Risiko für dieses Szenario ist der Ölpreis. Sein rasanter Anstieg in den vergangenen Wochen belastet die Wirtschaft wie eine Steuererhöhung. Nachfrage wird freilich nicht in die deutschen Staatskassen, sondern ins Ausland umgelenkt.

Und die Produktionskosten der Unternehmen steigen weiter, nachdem sich die sonstigen Rohstoffpreise als Folge der hohen Weltnachfrage schon kräftig erhöht haben. Der Euro-Kurs, der sich zuletzt stabilisiert hat, dämpft den Preisauftrieb an den Rohstoff- und Erdölmärkten nicht mehr ab.

Ölpreisanstieg noch geringer als in den Siebzigern

Noch ist der Anstieg des Ölpreises weit geringer als die Preissprünge 1973 und 1979, die die Industriestaaten in die Rezession trieben. Doch berechnen Ökonomen beeindruckende Szenarien. Ein Anstieg des Rohölpreises um 10 Dollar je Barrel (159 Liter) wird die Inflationsrate in Deutschland um 0,5 Prozent erhöhen, analysieren beispielsweise die Volkswirte der Allianz/Dresdner Bank. Das zeigte sich schon im Mai mit einer Inflationsrate von 2,1 Prozent.

Hält der Preisauftrieb an, belastet er die realen Einkommen und damit den ohnehin schwachen Konsum. Der Beispielsrechnung zufolge werden dauerhaft zehn Dollar mehr für ein Barrel das deutsche Wachstum mit drei bis vier Quartalen Verzögerung um 0,5 Prozentpunkte mindern. Seit Jahresbeginn ist der Preis für ein Barrel Nordseeöl in der Spitze um fast zehn Dollar gestiegen.

Eine Wachstumseinbuße von 0,5 Prozentpunkte ist für prosperierende Volkswirtschaften und damit etwa für Frankreich und Spanien verkraftbar. Für Deutschland, das im Euro-Raum als Folge seiner schwachen Binnenkonjunktur keinen richtigen Anschluß findet, wäre ein dauerhaft hoher Ölpreis hingegen ein ernsthaftes Problem.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.06.2004, Nr. 126 / Seite 14
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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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