Das Konjunkturklima hat sich in Deutschland im Oktober unerwartet und kräftig verbessert. Der vom Münchener Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung durch Umfragen ermittelte Ifo-Geschäftsklimaindex stieg von 96 Punkten auf 98,7 Punkte und liegt damit so hoch wie zuletzt im Herbst 2000. In vier der vergangenen fünf Monate ist der Index, der als Frühindikator für die wirtschaftliche Entwicklung gilt, damit gestiegen.
Nach Einschätzung von Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn scheint sich die konjunkturelle Erholung zu verfestigen. Der Euro-Kurs stieg nach Bekanntgabe des Index um fast einen Cent auf rund 1,2030 Dollar je Euro an.
Analysten begeistert
Analysten hatten mehrheitlich mit einem nahezu unveränderten Klimaindex gerechnet. Sie nahmen das Ergebnis überwiegend mit Begeisterung auf. „Das sind phantastische Zahlen“, sagte Andreas Scheuerle von der Deka-Bank. Die Gefahr, daß die deutsche Volkswirtschaft nach dem starken dritten Quartal in ein Loch falle, scheine gebannt zu sein. Der scheidende Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) sagte nach Bekanntwerden des Ifo-Index, es spreche nichts dagegen, daß die jüngste Wachstumsprognose der Bundesregierung von 1,2 Prozent für 2006 übertroffen werden könne.
Als ausgesprochen positiv werteten Bankvolkswirte, daß die Unternehmen sowohl die aktuelle Geschäftslage als auch die Geschäftserwartungen besser einschätzen. Der Lageindex verbesserte sich von 96,5 auf 98,9 Punkte, der Erwartungsindex von 95,5 auf 98,5 Punkte. Die Aufhellung der Stimmung war in der Umfrage unter rund 7000 Unternehmen breit fundiert und zog sich durch alle Wirtschaftsbereiche. Im wichtigen Verarbeitenden Gewerbe bewerteten die Unternehmen ihre Exportaussichten abermals spürbar besser, erklärte das Ifo-Institut.
Schwung in der Binnenwirtschaft?
Doch auch in den eher binnenorientierten Bereichen wie dem Bauhauptgewerbe, dem Groß- und Einzelhandel wurden Lage und Erwartungen besser gesehen. In dieses Bild paßt, daß der vom Ifo-Institut zugleich veröffentlichte Geschäftsklimaindex für das Dienstleistungsgewerbe gleichfalls leicht anstieg. Die Verbesserung im Einzelhandel rief indes bei einigen Volkswirten Stirnrunzeln hervor. Schließlich hatte der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels kürzlich noch über einen schlechten Absatz berichtet.
Das Ifo-Institut begründete die allgemeine Stimmungsaufhellung unter anderem mit der Beruhigung beim Ölpreis und der günstigen Entwicklung des Euro-Wechselkurses. Die Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe profitieren zudem von dem dicken Auftragspolster, das sich in den vergangenen Monaten aufgebaut hatte.
Bessere Stimmung auch in Europa
„Im Inland kommen die Ausrüstungsinvestitionen langsam in Bewegung“, sagte Ifo-Volkswirt Klaus Abberger. Die Belastung durch den Ölpreis könne aber gerade bei den Verbrauchern noch bis ins das nächste Jahr hinein wirken. Die laufenden Koalitionsverhandlungen und die Debatte um eine Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank haben die Stimmung in der Wirtschaft offensichtlich nicht gedrückt.
Mit der überraschenden Stimmungsaufhellung in Deutschland mehren sich die Anzeichen, daß die deutsche Wirtschaft nicht nur im dritten, sondern auch im vierten Quartal dieses Jahres eine spürbare konjunkturelle Beschleunigung erleben wird. Auch für den Euro-Raum zeichnen sich damit bessere Wachstumsaussichten ab. Die Niederlande und Belgien meldeten am Dienstag, wie zuvor schon Frankreich, ein steigendes Geschäftsklima im Oktober.
