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Konjunktur Wir sind wieder Optimisten

16.08.2009 ·  Wer hätte das gedacht nach all den bösen Erfahrungen? Die Wirtschaft kommt wieder in Schwung. Die Industrie erhält Aufträge. Die Exporte ziehen an. Die Optimisten übertreiben es schon wieder. Doch das ist sehr gut so.

Von Rainer Hank
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Gut, dass wir die Statistiker haben. Quasi mit amtlichem Siegel haben sie die Rezession in der vergangenen Woche für beendet erklärt: „Erstmals seit Anfang 2008 ist die Wirtschaft wieder leicht gewachsen“, verlautete aus Wiesbaden. Und sofort drehte sich die kollektive Stimmung ins Positive, so als hätten die Leute monatelang nach guten Nachrichten gelechzt.

Der Weltuntergang findet nicht statt. Waren wir nicht alle noch bis weit ins Frühjahr hinein auf Apokalypse gestimmt? Gab es nicht Zeiten – es waren jene Tage, als Finanzminister Peer Steinbrück „in den Abgrund geblickt“ und Bankaufseher Jochen Sanio „den Weltuntergang des Finanzsystems“ an die Wand gemalt hatte –, da fiel es selbst notorischen Optimisten schwer, sich vorzustellen, dass es jemals besser werden könne. Nur immer noch schlimmer werde es kommen, so lautete der Refrain: Als Vergleichsszenarien allenfalls zugelassen wurde die Große Depression nach 1929, als die Wirtschaft um 20 Prozent schrumpfte und 25 Prozent der Erwerbsbevölkerung ohne Arbeit waren. Ganz mutige Schwarzseher sagten sogar voraus, dieses Mal werde es noch wüster werden als vor 80 Jahren.

Eine schwere, aber kurze Rezession?

Jetzt versprechen die Fachleute, dass uns – und der gesamten Weltwirtschaft – eine anhaltende Rezession ebenso erspart bleibe wie jahrelange Stagnation. Dann hätten wir gerade zwar die schwerste, aber auch die kürzeste Rezession der Nachkriegszeit hinter uns. Sie war so kurz, dass viele Leute von der Krise nur aus der Zeitung erfahren haben.

Gewiss, es sind gerade mal plus 0,3 Prozent mehr Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal, worauf der Umschwung beruht. Doch es mehren sich die Indizien, dass es in Zukunft nur noch besser werden kann. Die Unternehmen bekommen wieder mehr Geschäft. Selbst der leidgeprüfte deutsche Maschinenbau verbuchte im Juni acht Prozent mehr Aufträge als im Mai. „Das ist eine ausgezeichnete Nachricht“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Auch die Fabrikanten in den Firmen des Landes haben dem Münchener Ifo-Institut von guten Geschäftserwartungen berichtet.

Während die Verbraucher auch in allen schlimmen Monaten nicht aufgehört haben, Geld auszugeben, um damit wacker die Binnenkonjunktur zu stabilisieren, kommen die neuen Zahlen ausgerechnet aus dem Export. Um sieben Prozent wuchsen die Ausfuhren des Exportweltmeisters Deutschland im Juni. Ein Glück, dass kaum jemand dem Unkenruf der vergangenen Monate getraut hat, wonach Deutschland sein Geschäftsmodell „Export“ aufgeben müsse, weil das Ausland aufhören werde, bei uns Waren und Dienstleistungen einzukaufen.

Es gibt noch genügend Pessimisten

„Der Lehman-Schock hat nachgelassen“, sagt Ökonom Krämer. Die Folge: Viele Unternehmen füllen ihre leeren Läger auf und holen ihre Investitionen nach. Davon profitiert die auf Investitionsgüter spezialisierte deutsche Industrie. Was danach kommt, steht im Moment noch in den Sternen.

Kein Wunder, dass es auch genügend Pessimisten gibt, die dem ganzen Frieden nicht trauen. Dass die Banken immer noch sehr zögerlich sind, Firmen Geld zu leihen, und viele Politiker wegen der Gefahr einer Kreditklemme die Finanzinstitute sogar zwangsweise zum Geldverleihen zwingen wollen, gilt den Skeptikern als Indiz dafür, dass die Krise noch böse Überraschungen parat halten könne. Glaubt man aber den Studien des Harvard-Ökonomen Ricardo Hausmann, dann war es auch in früheren Krisen immer so, dass erst die Wirtschaft wieder in Fahrt kommen musste, damit die Banken sich trauen, Geld herzugeben. Der Fehler der Pessimisten liege darin, dass sie meinen, es verhalte sich in umgekehrter Reihenfolge, sagt Hausmann.

Dass es uns überraschend schnell wieder bessergeht, verdanken wir im Übrigen ausgerechnet den wachstumshungrigen Ländern Asiens. In China, Indien, Singapur und Südkorea berichten die Statistiker für das zweite Quartal ein Wachstum von gut zehn Prozent. Da fallen auch wieder Aufträge für die deutsche Industrie ab. Schon einmal, nach der sogenannten Asienkrise vor zehn Jahren, hat es sich als Fehler erwiesen, die unbändige Kraft des Fernen Ostens zu unterschätzen. Alles spricht dafür, dass es dieses Mal genauso kommt.

„Wir kommen mit einem blauen Auge davon“

Das positive Umfeld könnte sogar dazu führen, dass in Deutschland auch die Arbeitslosigkeit nicht so stark steigt, wie viele befürchtet haben. Denn üblicherweise trifft den Arbeitsmarkt eine Wirtschaftskrise an ihrem Ende besonders empfindlich. Deshalb könne es in der zweiten Jahreshälfte in Deutschland zu Massenentlassungen kommen, wurde lang behauptet. „Wir kommen mit einem blauen Auge davon“, beschwichtigt jetzt Arbeitsminister Olaf Scholz. Und auch Handwerkspräsident Otto Kentzler tröstet: „Der Arbeitsmarkt stürzt wohl nicht ab.“

Schützenhilfe bekommen die Politiker und Verbandsmenschen von Fachleuten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die ausgezählt haben, wie oft die Menschen die Begriffe „Arbeitsamt“, „Arbeitslosigkeit“ oder „Arbeitsamt“ in die Suchmaschine Google eintippen (siehe Grafik). Dass diese Eingaben nachlassen, lasse darauf schließen, dass die Arbeitsplätze wieder als sicherer angesehen werden. Schon stellen die Unternehmen auch wieder Leiharbeiter ein: Der Branchenverband BZA meldete im Juni einen Anstieg gegenüber dem Vormonat von 3,8 Prozent: Zeitarbeiter waren die Ersten, die bei Ausbruch der Krise gekündigt wurden. Zeitarbeiter sind die Ersten, die geholt werden, wenn wieder Hoffnung aufkeimt.

„Optimismus ist Pflicht“

Doch selbst wenn der neue Optimismus vor lauter Freude jetzt über sein Ziel hinausschießen sollte und mehr erhofft, als die wirtschaftliche Wirklichkeit einlösen kann, ist das kein Schaden. „Optimismus ist Pflicht“, pflegte der Philosoph Karl Popper zu sagen. Wirtschaftspsychologen haben die Wahrheit dieses Satzes jetzt empirisch untersucht und für richtig befunden. Offenbar entspricht es dem Wesen der menschlichen Natur, dass wir unsere Zukunft zu rosig sehen und die Gefahren und Risiken systematisch unterschätzen. Wir glauben, wir fänden einen tollen Job, viel Geld, eine hübsche Frau und gesunde Kinder. Viel schlechter können wir uns vorstellen, dass uns Schlimmes zustößt: ein Herzinfarkt, eine Scheidung oder der Verlust des Arbeitsplatzes.

Von unserer „Vorliebe für Optimismus“ („Optimism Bias“) spricht Dan Ariely, ein israelischer Wirtschaftspsychologe, der an der amerikanischen Duke University lehrt. Nur depressive Menschen verhalten sich realitätsgerecht. Doch die Illusion der Optimisten hat einen hohen Wert: Ohne sie würde niemand Risiken eingehen. Wüssten alle Existenzgründer und Investoren, wie hoch das Risiko zu scheitern ist, würden sie gar nichts wagen. Und die Menschheit wäre arm geblieben.

Offenbar halten wir den Pessimismus nur kurze Zeit aus. Dann leisten wir uns – irrational, aber hilfreich – lieber wieder eine satte Portion Optimismus. Genau dieser leistet seinen selbsterfüllenden Zweck.

Ein Wahlhelfer für Angela Merkel

Warum die Weltwirtschaft es so schnell geschafft hat, das Tal der Tränen zu verlassen, darüber werden die Gelehrten noch lange streiten. „Vor allem die Maßnahmen der Notenbanken haben geholfen“, sagt der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff. Skeptischer schon ist Rogoff, was die Effekte der milliardenschweren Konjunkturprogramme betrifft; ihnen spricht er allenfalls psychologischen Wert zu. Dagegen waren Ökonomen wie der Hannoveraner Finanzwissenschaftler Stefan Homburg immer schon der Meinung, es handele sich zwar um eine schwere, aber „ganz normale“ Rezession. Die massive Staatsverschuldung sei ganz und gar nicht nötig gewesen und habe nur politische Nachteile.

Politische Vorteile indessen erwartet aus gutem Grund vor allem eine – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Ein Aufschwung aus schwerer Not, gut einen Monat vor einer Bundestagswahl: Wer solch einen Wahlhelfer hat, kann getrost Ferien machen.

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Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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