27.04.2009 · Der Absturz der Wirtschaft verlangsamt sich. Es gibt Hoffnung auf eine Wende im Herbst. Doch am Arbeitsmarkt wird die Rezession in den kommenden zwei Jahren eine Schneise der Verwüstung schlagen. Der monatliche Konjunkturbericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Von Philip PlickertWenn über Monate das Geschäftsklima fällt und fällt, kommt irgendwann der Punkt, an dem die Unternehmen sagen: Schlimmer kann es eigentlich nicht mehr werden. Der Mut der Verzweiflung wächst, obwohl klar ist, dass Deutschland als Folge der Finanzkrise in der schwersten Rezession seit sechzig Jahren steckt. Vielleicht steht dieser Reflex hinter dem jüngsten Anstieg des Ifo-Index von 82,1 auf 83,7 Punkte. Damit ist der seit einem Jahr andauernde Abwärtstrend des Geschäftsklimaindex gebrochen. Die Stimmung hat sich - auf äußerst niedrigem Niveau - stabilisiert. Überraschend war, wie sich die Erwartungen verbesserten: Die Unternehmen sind weniger pessimistisch für die mittlere Frist. Schon zum vierten Mal in Folge hat der Erwartungsindex zugelegt.
Das ist ein Silberstreif am Horizont, wenn auch die aktuelle Lage noch sehr düster ist. Hoffnung haben auch die Börsen in den vergangenen sechs Wochen gefasst. Positiv zu werten ist auch, dass die Verbraucher keineswegs von Panik ergriffen sind. Das GfK-Konsumklima hat sich im April, den schlechten Wirtschaftsprognosen zum Trotz, nicht eingetrübt. Weiterhin planen die Verbraucher größere Anschaffungen. "Die Bürger lassen sich die Laune nicht verderben", kommentierten die Nürnberger Marktforscher. Das lässt hoffen, dass der Konsum die Konjunktur stabilisiert. Hinzu kommen demnächst die höheren öffentlichen Ausgaben etwa für Infrastrukturprojekte, von denen die Bauwirtschaft profitiert.
Stabilisierung der Konjunktur erwarten die Forschungsinstitute erst Mitte 2010
Allerdings kann der staatliche Impuls den äußerst tiefen Einbruch des Exportüberschusses und der Investitionen nur zu einem geringen Teil ausgleichen. Der Export lag in den ersten Monaten dieses Jahres um mehr als 20 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Das ist ein extrem harter Schlag für die stark auf den Weltmarkt ausgerichtete deutsche Industrie. Im Februar hat sie im Vergleich zum Vorjahresmonat rund ein Fünftel weniger produziert. Die Aufträge gingen im Jahresvergleich sogar um mehr als ein Drittel zurück. Hier hat der Ausfall der Auslandsnachfrage tiefe Löcher gerissen. Inzwischen haben die Unternehmen ihre Produktion radikal gedrosselt. Die Kapazitätsauslastung der Industrie ist im April saisonbereinigt auf 71,5 Prozent gefallen - ein Absturz um rund 15 Punkte gegenüber dem Vorjahr. Folglich investieren sie kaum noch in Fabriken und Maschinen.
Insgesamt ist die Wirtschaftsleistung nach Einschätzung von Volkswirten im ersten Quartal dieses Jahres um 3 bis 3,5 Prozent geschrumpft - mehr als im vierten Quartal 2008, als das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 2,1 Prozent fiel. Im zweiten Quartal dürfte es nochmals ein kräftiges Minus geben, wenn die Talfahrt auch langsam gebremst wird. Dann ist die Wirtschaftsleistung schon so tief gesunken, dass im Jahresdurchschnitt ein riesiges Minus von 5 oder 6 Prozent realistisch ist, wie es die Institute in ihrem Frühjahrsgutachten prognostizierten.
Eine Stabilisierung der Konjunktur erwarten die Forschungsinstitute erst Mitte 2010. Andere Volkswirte sind optimistischer. Wegen der leicht gestiegenen Frühindikatoren erwarten sie schon im Herbst 2009 eine leichte Erholung - mit positiven Wachstumsraten im Quartalsvergleich. Selbst dann aber könnte sich 2010, da das Ausgangsniveau sehr tief gesunken sein wird, im Jahresdurchschnitt nochmals ein kleines Minus ergeben.
Vom Sommer an dürfte die Arbeitslosigkeit drastisch steigen
Auch am Arbeitsmarkt wird die Rezession in den kommenden zwei Jahren eine Schneise der Verwüstung schlagen. Bislang ist die Erwerbslosigkeit noch maßvoll gestiegen. Am Jahresende 2008 lag sie bei knapp unter 3 Millionen, Mitte März waren es knapp 3,6 Millionen. Gedämpft haben den Anstieg die Möglichkeiten zur Kurzarbeit. Bereinigt um Saisoneffekte, betrug der Anstieg sogar nur 190 000. Für April wird saisonbereinigt ein Anstieg von rund 60 000 erwartet. Doch vom Sommer an dürfte die Arbeitslosigkeit drastisch steigen. Nach der Prognose der Institute drohen im Herbst 2009 wieder mehr als 4 Millionen, bis Ende 2010 könnte es fast 5 Millionen registrierte Arbeitslose geben - so viel wie der traurige Rekord im März 2005.
Diese Entwicklung wird die Stimmung in der Bevölkerung erheblich drücken. Bislang hat die Mehrheit der Bürger die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise noch nicht in ihrer unmittelbaren Lebenswelt erfahren. Derzeit ist der Konsum stabil, auch weil die Verbraucher von den sinkenden Preisen, vor allem für Energie, profitieren. Doch wegen der steigenden Arbeitslosigkeit wird die verfügbare Lohnsumme dieses Jahr kaum noch steigen. Das schwächt den Konsum. Und wenn die Abwrackprämie ausläuft, könnte die Autobranche in ein tiefes Loch fallen. Ein anderes, noch größeres Risiko ist der weitere Verlauf der Finanzkrise: Sollte die Bankensanierung nicht wie erhofft gelingen, könnte dies die Rezession nochmals verschärfen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.319,85 | −3,26% |
| Dow Jones | 12.200,80 | −1,55% |
| EUR/USD | 1,2410 | +0,39% |
| Rohöl Brent Crude | 98,83 $ | −2,75% |
| Gold | 1.558,00 $ | 0,00% |
Anonym bewerben? Ist das gut?