Die deutsche Wirtschaft hat das Jahr 2006 im Stimmungshoch begonnen. Der Ifo-Geschäftsklimaindex für die gewerbliche Wirtschaft stieg im Januar unerwartet deutlich von 99,7 auf 102 Punkte, wie das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in München am Mittwoch mitteilte. Der Indikator stieg damit in den vergangenen fünf Monaten viermal. Zweifel an der Festigkeit des Aufschwungs würden durch das aktuelle Umfrageergebnis weiter zurückgedrängt, sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn dieser Zeitung.
Das Ifo-Institut erwartet für 2006 ein Wirtschaftswachstum von rund 1,7 Prozent, nach 0,9 Prozent im vergangenen Jahr. Volkswirte von Banken rechnen zum Teil mit bis zu 2 Prozent. Die Ökonomen der Allianz/Dresdner Bank sprachen am Mittwoch von einem "robusten Aufschwung", nach Ansicht der Deka-Bank "rollt die Lokomotive Deutschland 2006". Die Deka-Ökonomen wiesen indes auch darauf hin, daß der erwartete Konsumschub 2006 nur vom Jahr 2007 geborgt sei, weil dann die Mehrwertsteuererhöhung komme. Bei einer sich zugleich abschwächenden Weltkonjunktur dürften sich deshalb von der Jahresmitte 2006 an erste Zeichen einer Verlangsamung des Wachstums zeigen.
Lage und Erwartungen besser beurteilt
Die von Ifo befragten rund 7000 Unternehmen werteten im Januar die aktuelle Geschäftslage besser als zuvor; der entsprechende Teilindex stieg von 99,6 auf 100,4 Punkte. Noch zuversichtlicher sind die Unternehmen aber für das Geschäft in den kommenden sechs Monaten. Dieser Teilindex stieg von 99,6 auf 103,6 Punkte und liegt damit so hoch wie seit November 1994 nicht mehr.
Der für dieses Jahr große Optimismus von Ökonomen speist sich auch daraus, daß die Zuversicht der Unternehmen sich in West- und Ostdeutschland sowie quer durch fast alle untersuchten Branchen ausweitete. Vor allem schätzten die Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes Lage und Erwartungen abermals besser ein als zuvor. Das unterstreicht die Industriekonjunktur, die in den vergangenen Monaten die wirtschaftliche Erholung antrieb. Erheblich zuversichtlicher für die kommenden Monate äußerten sich die Unternehmen des Bauhauptgewerbes, deren Auftragsbestand bis November 2005 im Trend nach oben wies. Sie profitieren womöglich von einem Auftragsschwung vor der Abschaffung der Eigenheimförderung, wobei im November gerade der Nichtwohnungsbau deutlich zulegte. Im Einzelhandel verbesserten sich vor allem die Erwartungen, während nur im Großhandel die Geschäftslage schlechter als zuvor eingeschätzt wurde. Trotz der jüngsten Verbesserung liegen die Stimmungsindikatoren der Branchen - mit Ausnahme des Verarbeitenden Gewerbes - indes weiterhin im negativen Bereich. Nach Angaben des Ifo-Instituts hellte sich auch unter den Dienstleistern die Stimmung im Januar auf.
Geldpolitik im Interessenkonflikt
Mit der kräftigen Verbesserung des deutschen Wirtschaftsklimas steigt die Wahrscheinlichkeit, daß die Europäische Zentralbank (EZB) im März den Leitzins für den Euro-Raum abermals erhöht. Vereinzelt schlossen Volkswirte am Mittwoch auch einen Zinsschritt um 50 Basispunkte nicht aus. Ifo-Präsident Sinn sagte, aus deutscher Sicht sei eine Fortsetzung der Niedrigzinspolitik wünschenswert. Wenn die Wirtschaftsentwicklung sich im Euro-Raum aber verfestige, sei es aber verständlich, wenn die EZB die Zinsen weiter erhöhen würde. Hinsichtlich der Geldpolitik bestünde nun einmal ein Interessenkonflikt zwischen Deutschland und dem Euro-Raum, sagte Sinn.
Das Wirtschaftsklima im Euro-Raum entwickelte sich nach den bislang bekannten Umfragen uneinheitlich. In Frankreich stagnierte das Unternehmensvertrauen im Januar, in Belgien verschlechterte es sich.
