03.08.2008 · Fahrrad statt Auto, Butterbrot statt Restaurantmenü. Die Deutschen haben derzeit wenig Lust aufs Einkaufen. Sie trauen dem Aufschwung nicht. Obwohl sie wieder mehr Geld haben.
Von Lisa Nienhaus und Patrick BernauReinhold Gütebier kennt die Stimmung der Deutschen. Er ist Sprecher der Geschäftsführung von Segmüller, einer Möbelhauskette aus Friedberg nahe Augsburg. Er sagt: „Wir merken sofort, wenn die Menschen verunsichert sind.“ Und die Deutschen sind verunsichert, das kann Gütebier an seinen Kassenständen ablesen. Zurzeit kommen nicht nur weniger Kunden in seine acht Möbelhäuser. Diejenigen, die kommen, geben auch weniger Geld aus. Schon jetzt weiß Gütebier: „Den Absatz von 2007 werden wir nicht mehr erreichen.“ Er rechnet mit einem Minus zwischen zwei und fünf Prozent. Dabei hatte er Anfang des Jahres geglaubt, die Umsätze zumindest halten zu können. „Wir waren zu optimistisch“, sagt er jetzt.
Gütebier ist nicht der Einzige, der sich verrechnet hat. Auch viele Konjunkturforscher haben danebengelegen. Sie prognostizierten für 2008, dass die Deutschen – positiv gestimmt durch Wirtschaftswachstum und neue Arbeitsplätze – endlich wieder einkaufen würden. So wie sie es in vorherigen Aufschwungphasen auch getan haben. Doch von einer Rückkehr der Kauflust ist nichts zu sehen. Im Gegenteil. Der Umsatz im Einzelhandel ist im Juni im Vergleich zum Vorjahr deutlich gesunken. Die Marktforscher der GfK melden, dass die Deutschen so wenig Lust aufs Einkaufen haben wie seit drei Jahren nicht mehr – also mitten in der Krise. „Die Deutschen sind zurzeit Konsumskeptiker“, bestätigt Christian Dreger, Leiter der Abteilung Konjunktur beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Jetzt hätten sie sogar angefangen, ein wenig mehr zu sparen. „Eigentlich sollte die Sparquote abnehmen.“
Besonders gemieden: Bäckereien und Süßwarenläden
Die Zurückhaltung zeigt sich besonders bei großen Anschaffungen. Etwa bei Polstermöbeln. Hersteller haben in diesem Jahr bis Mai sieben Prozent weniger Umsatz gemacht als 2007. Oder bei großen Autos. Spritschlucker sind Ladenhüter. Ihre Zulassungen brachen in den ersten sechs Monaten 2008 um fast die Hälfte ein.
Auch im Supermarkt sind die Deutschen geizig geworden. Im Juni 2008 haben sie sieben Prozent weniger Lebensmittel gekauft als im Juni 2007. Besonders gemieden wurden Bäckereien und Süßwarenläden, aber auch Fischverkäufer. Am Ende leidet sogar die Sauberkeit: Im ersten Halbjahr haben die Deutschen an Putzmitteln, Waschmitteln und an der Körperpflege kräftig gespart.
In diesem Aufschwung ist es wie verhext. „Normalerweise steigt der Konsum ganz klar, wenn die verfügbaren Einkommen steigen“, sagt DIW-Forscher Dreger. Dieses Mal nicht. „Deutschland hat in diesem Aufschwung Pech gehabt“, sagt GfK-Forscher Rolf Bürkl.
Der Grund: Inflation
Dabei hatte alles ganz nach Plan begonnen: Zuerst stieg die Nachfrage im Ausland nach deutschen Produkten, dann produzierten die Unternehmen mehr, die Industrie boomte. Das führte dazu, dass mehr Menschen eine Arbeit fanden und höhere Lohnforderungen durchsetzen konnten und weiterhin können. So weit, so typisch für einen deutschen Aufschwung.
Eigentlich sollten die Menschen, die mehr Geld im Portemonnaie haben, jetzt einkaufen gehen – und so die Nachfrage ankurbeln und der Konjunktur einen weiteren Schub geben. Doch dieses Mal ist alles anders. Die Deutschen machen nicht mit. Sie sind in den Käuferstreik getreten. Allerdings nicht ganz freiwillig.
Der Grund für die mangelnde Kauflust ist simpel. Er heißt Inflation, sagt Konjunkturforscher Dreger. Sie habe zwei Effekte: Zum einen können sich die Deutschen kaum mehr Güter leisten als zuvor, weil ihre Lohnsteigerungen von den Preissteigerungen aufgezehrt werden. Zum anderen sind die Menschen verunsichert und legen zusätzlich etwas zurück, aus Angst, dass es bald noch teurer wird.
„Comeback des Butterbrots“
Außerdem haben die Zeiten hoher Arbeitslosigkeit Spuren hinterlassen in den Köpfen. Die akute Sorge um den eigenen Arbeitsplatz ist zwar gesunken, ist aber immer noch die größte Angst der Deutschen. „Die Unsicherheit ist gestiegen“, sagt Dreger. „Das hemmt die Konsumfreude.“
Das gilt nicht überall. Hier und da ist sogar regelrechte Kauflust zu spüren. Dann nämlich, wenn es um Dinge geht, mit denen sich an anderer Stelle Geld sparen lässt.
So feiert die Zentrale Markt- und Preisberichtstelle „das Comeback des Butterbrots“, weil die Deutschen mehr Brot kaufen: „Stullen schmieren statt Restaurantbesuch“ lautet offenbar die Parole. Auch die günstige Kartoffel kommt wieder häufiger auf den Tisch.
Urlaub im eigenen Land ist angesagt
Eine Umfrage der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen zeigt, wo es beim Reisen hingeht: nach Deutschland nämlich. 2007 reisten die Deutschen wieder günstiger und im eigenen Land. Teure Fernreisen wurden verschoben.
Besonders entschlossen investieren die Menschen, um hohe Spritkosten zu vermeiden. Fahrradläden steigern ihre Umsätze, und Autos mit geringem Benzinverbrauch verkaufen sich doppelt so gut wie noch vor einem Jahr.
Solche Sparmaßnahmen stärken den Geldbeutel des Einzelnen und schwächen den Gesamtkonsum der Volkswirtschaft. Wenn das so weitergeht, unken Konjunkturpessimisten, dann war es das mit unserem kleinen, feinen Aufschwung. Denn die Nachfrage auf dem Weltmarkt sinkt, während die im Inland nicht anspringt.
Jetzt fürchten die Ersten, dass die deutsche Wirtschaft in den nächsten Quartalen schrumpfen könnte. DIW-Forscher Dreger ist da optimistischer. „In der zweiten Jahreshälfte wird die Inflation sinken. Dann haben die Leute wieder mehr Geld in der Tasche.“
Spätestens 2009, das glaubt er ganz fest, wird die Einkaufslust doch noch aufkommen. Schön wär’s. Möbelhändler Gütebier ist pessimistischer. Er rechnet damit, dass zumindest seine Branche in den nächsten ein bis zwei Jahren weiter schwächelt.
Märchenerzähler
Gerd Lehmann (Gerd_L)
- 03.08.2008, 11:19 Uhr
Grund für die Zurückhaltung
Robert Arnold (RobertArnold)
- 03.08.2008, 11:25 Uhr
Konsumentenstreik ? ?
Walter Wasilewski (wwasilewski)
- 03.08.2008, 11:31 Uhr
Wer hat denn mehr Geld?
heinz peter (pitiplatsch)
- 03.08.2008, 11:46 Uhr
Vielleicht...
Hans Glück (hansglueck)
- 03.08.2008, 12:10 Uhr
Lisa Nienhaus Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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