11.05.2006 · Der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Bert Rürup, warnt vor übertriebenen Konjunkturhoffnungen. Der Aufschwung sei nicht so dynamisch wie vielfach erwartet. Mit einem Wachstum von 1,6 Prozent wäre Rürup schon froh.
Der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Bert Rürup, warnt vor übertriebenem Konjunkturoptimismus. „Die Wirtschaft befindet sich in einem Aufschwung“, sagte Rürup im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Dieser ist aber nicht so dynamisch, wie derzeit insbesondere von Bankvolkswirten erwartet wird.“
Herr Rürup, kommt der Aufschwung in Deutschland in Fahrt?
Im vierten Quartal 2005 lag die Veränderungsrate des Bruttoinlandsproduktes bei Null. Im Vergleich dazu ist die Zunahme von 0,4 Prozent, spitz gerechnet 0,37 Prozent, erfreulich, liegt aber doch merklich unter den Erwartungen vieler Prognostiker. Die vorläufigen Zahlen decken sich mit unseren vergleichsweise zurückhaltenden Erwartungen. Die Wirtschaft befindet sich in einem Aufschwung. Dieser ist aber nicht so dynamisch, wie derzeit insbesondere von Bankvolkswirten erwartet wird. Wie man auf eine Wachstumsrate von über 2 Prozent kommt, erschließt sich uns nicht. Ich persönlich wäre froh, wenn wir am Ende des Jahres die von der Regierung prognostizierten 1,6 Prozent erreichen.
Die Stagnation im vierten Quartal 2005 wurde auch mit der ungünstigen Lage der Feiertage begründet. Damals hieß es, dies würde zum Jahresbeginn 2006 wieder aufgeholt.
Das war wohl nicht im erhofften Ausmaß der Fall. Das kalte Wetter hat den Bau ziemlich heruntergezogen. In welchem Maße diese Ausfälle im zweiten Quartal nachgeholt werden, ist ungewiß.
Umfragen unter Unternehmen und Verbrauchern zeigen eine sehr große Konjunkturzuversicht. Paßt dies zu den 0,4 Prozent Wachstum im ersten Quartal?
Da gibt es in der Tat eine Diskrepanz. Diese Stimmungsindikatoren sind wichtig, weil sie zeitnah veröffentlicht werden. Sie zeigen qualitativ die Entwicklung an, aber es ist außerordentlich schwer, von den Umfragewerten abzuleiten, wie sich die Produktion oder das Bruttoinlandsprodukt quantitativ entwickeln werden. Die diesbezüglichen Vorlaufeigenschaften dieser Indikatoren sind recht begrenzt. Selbst das Ifo-Institut schreibt, daß man mit dem Geschäftsklimaindex vor allem die Wendepunkte der Konjunktur bestimmen kann.
Die Statistiker sprechen von einer stärkeren Binnennachfrage im ersten Quartal.
Dies ist in der Tat erfreulich. Das Wachstum wurde im Wesentlichen vom privaten Verbrauch und von den Ausrüstungsinvestitionen getragen, was auch für das Steueraufkommen gut ist.
Darf man auf einen sich selbst tragenden Aufschwung hoffen, oder bleibt die Wirtschaft weiter vom Export abhängig?
Ich sehe keine Indizien dafür, daß der Aufschwung abbricht, sondern gehe davon aus, daß er in das nächste Jahr hineintragen wird. Selbstverständlich werden wir 2007 eine Delle durch die Mehrwertsteuererhöhung haben. Daß davon aber der Aufschwung abgewürgt wird, erwarte ich nicht. Wichtig sind die Investitionen. Deutschland bewegt sich leider seit geraumer Zeit auf einem niedrigen Pfad des Potentialwachstums. . .
... der die mittelfristigen Wachstumsaussichten beschreibt...
... von gut einem Prozent. Gegenwärtig wächst das Bruttoinlandsprodukt auf das Jahr hochgerechnet stärker als das Potential. Ich würde mir wünschen, daß die Investitionsbelebung von Dauer ist und sich auch in einem höheren Potentialwachstum niederschlägt.
Warum erwarten Sie nur eine kleine Delle durch die Mehrwersteuererhöhung?
Die Wirkungen der Mehrwertsteuer kann niemand exakt quantifizieren. Unstrittig ist, daß der Kaufkraftentzug die wirtschaftliche Entwicklung beeinträchtigt. Aber hinter den vorgestellten Berechnungen stehen oft recht simple Verhaltensannahmen. Da haben wir die cleveren Konsumenten, die Käufe vorziehen, und die tumben Händler, die erst zum 1. Januar 2007 ihre Preise erhöhen. Werden die Preise bereits vorher allmählich angehoben, hat man in diesem Jahr einen geringeren positiven Effekt durch die vorgezogenen Käufe und 2007 dafür einen geringeren Dämpfungseffekt.
Werden die Konsumenten die höhere Mehrwertsteuerlast tragen?
In einzelnen Bereichen wird die Steuererhöhung sicher nicht voll auf die Verbraucher übergewälzt werden können. Dafür ist die Binnennachfrage noch zu schwach, und gerade im Einzelhandel ist der Wettbewerbsdruck außerordentlich hoch. In dem Maße, in dem die Mehrwertsteuer nicht überwälzt wird, wird sie zu einer Gewinnsteuer.
Bedroht die Aufwertung des Euro den Aufschwung?
Ich bin mir nicht sicher, ob die jüngste Aufwertung des Euro andauern wird. Ein unterschätztes Risiko sehe ich dagegen im Ölpreis. Wir haben uns vielfach daran gewöhnt, im Ölpreis kein Problem mehr zu sehen, weil das Recycling der Petrodollars den Export stärkt. Aber recycelt wird das, was vorher ins Ausland abgeflossen ist. Irgendwann werden sich die gestiegenen Ölpreise bei den Konsumenten niederschlagen, die Heizkostenabrechnungen kommen noch.
Sind weitere Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank geboten?
Die Mehrwertsteuererhöhung bedeutet eine einmalige Erhöhung des Preisniveaus, aber keine Inflation. Solange dies nicht zu Zweitrundeneffekten wie höheren Lohnsteigerungen führt, sollte die EZB diese Preisniveauerhöhung durchlaufen lassen. Ich sehe, wenn der Inflationsdruck nicht steigt, noch keine Notwendigkeit für einen oder gar mehrere Zinsschritte. Es wird vielfach die Meinung vertreten, daß wir 2007 eher mit einer Abschwächung der Konjunktur in der Welt und im Euro-Raum zu rechnen haben. Angesichts der Wirkungsverzögerungen geldpolitischer Maßnahmen von mehreren Quartalen habe ich Zweifel, daß eine Zinserhöhung heute - vorausgesetzt, der Inflationsdruck nimmt nicht zu - in die konjunkturelle Landschaft des kommenden Jahres paßt.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.383,50 | −0,76% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2452 | −0,29% |
| Rohöl Brent Crude | 105,74 $ | −1,04% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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