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Konjunktur Heute der Gipfel, morgen der Abstieg

23.04.2006 ·  Nach dem für 2006 vorausgesagten Aufschwung soll dem Internationalen Währungsfonds zufolge schon 2007 in Deutschland die Ernüchterung eintreten. Auf der Hannover Messe gibt sich die Politik dennoch bewußt optimistisch.

Von Thiemo Heeg
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Es ist Frühling, und da lassen es selbst Ökonomen gerne sprießen. Bei ihnen blühen zur Zeit die Konjunkturprognosen. Am vergangenen Mittwoch legte der Internationale Währungsfonds (IWF) seinen halbjährlichen Bericht zur Lage der Weltwirtschaft vor. Am kommenden Donnerstag folgt das Frühjahrsgutachten der sechs führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute.

Aus dem Wust von Papier und Meinungen kristallisiert sich ein klarer Trend heraus. Dem bescheidenen Gipfelsturm 2006 dürfte 2007 der Abstieg folgen. Der IWF hat seine Vorausschau für das diesjährige Wirtschaftswachstum in der Bundesrepublik leicht nach oben korrigiert, von 1,2 auf 1,3 Prozent. Im kommenden Jahr ist freilich schon wieder Schluß mit der guten Höhenluft. Die multinationale Organisation rechnet dann nur noch mit einem Wachstum von einem Prozent.

Trübsal blasen verboten

Auch die Weltwirtschaft soll sich abschwächen. Doch das ist kein echter Trost für die Deutschen. Selbst vermindert beträgt die globale Wachstumsrate 2007 voraussichtlich noch üppige 4,7 Prozent.

Wenn Angela Merkel am Sonntag abend die Hannover Messe eröffnet, dürfte Trübsal blasen erst einmal verboten sein. Die Technologieschau sieht sich traditionell als "Konjunkturbarometer". Für Pessimismus ist hier und heute im "Land der Ideen" kein Platz. Der Bundesverband der Deutschen Industrie hat sich Zuversicht auf die Fahnen geschrieben. Verbandschef Jürgen Thumann will am Dienstag in Hannover eine Initiative zu Innovationsstrategien und Wissensmanagement vorstellen. "Denn die Ideenschmieden in Deutschland sollen auch langfristig für Wertschöpfung und Arbeitsplätze hier im Land sorgen", sagte er dieser Zeitung.

Die Politik gibt sich im Verein mit der Bundesbank ebenfalls zuversichtlich. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos hält den Start in das Jahr für "gut gelungen" (siehe Interview). In ihrer Frühjahrsprojektion dürfte die Regierung am Freitag ihre Wachstumsannahme von 1,4 auf 1,6 bis 1,7 Prozent hochnehmen. Angeblich geht auch die Bundesbank in einer internen Analyse von 1,6 Prozent aus.

Zusätzliche Belastungen

Wenig ist in den amtlichen Verlautbarungen die Rede von 2007, und das hat seinen guten Grund. Die magere Ein-Prozent-Prognose des IWF ist nicht einfach aus der Luft gegriffen; dahinter stecken die zusätzlichen Belastungen, die im kommenden Jahr jeden Bürger treffen und tendenziell den Aufschwung abwürgen.

Von Januar an greift die Mehrwertsteuererhöhung von 16 auf 19 Prozent. Sie hat zwei Folgen: Es wird weniger konsumiert. Und es wird - mindestens genauso schlimm - weniger investiert. Viele Firmen, glauben Ökonomen, werden die höheren Preise nicht weitergeben können und niedrigere Gewinne erwirtschaften. Ihnen fehlt dann aber das Geld für Investitionen, für zusätzliches Personal und neue Maschinen. Die Basis für künftiges Wachstum bricht weg.

Bei der Mehrwertsteuererhöhung dürfte es zudem nicht bleiben. Der künftige SPD-Chef Kurt Beck hat angedeutet, ein Satz von 19 Prozent reiche vermutlich künftig nicht aus. Und eine zusätzliche Gesundheitssteuer (auch Gesundheits-Soli genannt) wartet aller Voraussicht nach auch noch auf die Deutschen. Mancher Ökonom sieht 2007 als verlorenes Jahr.

Traumhafte Zeiten

Die spannenden Fragen lauten: Was kommt danach? Ist der Abstieg nur kurzfristig, oder hält er sich gar auf mittlere Frist? Wenige Experten wollen sich schon heute so lange festlegen. "Heute kann man kaum Prognosen abgeben, die über eine längere Frist als zwölf Monate reichen", sagt ein führender deutscher Ökonom hinter vorgehaltener Hand. Die Volkswirte trauen sich immer weniger, ihrem Kerngeschäft nachzugehen.

Ziemlich forsch ging da kürzlich die britische "Economist Intelligence Unit" heran. In einem Ausblick bis zum Jahr 2020 werden Deutschland jährliche Wachstumsraten von durchschnittlich 1,9 Prozent zugebilligt. Aus heutiger Sicht stehen also traumhafte Zeiten an.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.04.2006, Nr. 16 / Seite 35
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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft.

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