11.08.2005 · Die deutsche Wirtschaft stagniert, im Euro-Raum schwächt sie sich ab. Wirtschaftsminister Clement ist sich zwar des Aufschwungs sicher, fordert aber dennoch eine Zinssenkung der EZB. Diese warnt vor Preisrisiken.
Die deutsche Wirtschaft hat im zweiten Quartal dieses Jahres stagniert. Nach der Schnellschätzung des Statistischen Bundesamts blieb das Bruttoinlandsprodukt (BIP) preis- und saisonbereinigt gegenüber dem Vorquartal erwartungsgemäß unverändert. Zugleich setzten die Statistiker die bisher genannte Wachstumsrate für das erste Quartal von 1 auf 0,8 Prozent herab. Dies zeigt, daß die konjunkturelle Dynamik im ersten Halbjahr schwächer war als angenommen.
Volkswirte zeigten sich dennoch hoffnungsfroh, weil die Wachstumskräfte zuletzt in Ansätzen die Binnenwirtschaft erfaßt haben. Nach Angaben der Statistiker stieg die inländische Verwendung von April bis Juni leicht.
Euro-Wirtschaft wächst weniger stark
Deutlich weniger stark als in Deutschland schwächte sich das Wachstum im Euro-Raum ab. Das europäische Statistikamt meldete vorläufig einen BIP-Zuwachs von 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal, nach 0,5 Prozent zu Jahresbeginn. Italien und die Niederlande haben sich von der Schrumpfung im ersten Quartal stark erholt. In Italien wuchs das BIP im zweiten Quartal um 0,7 Prozent, in den Niederlanden um 1,2 Prozent. Unklar ist, inwieweit hier statistische Besonderheiten eine Rolle spielten. Spanien meldete ein andauerndes Wachstum von 0,9 Prozent.
Clement fordert Zinssenkung
Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) zeigte sich für Deutschland über die Impulse aus der Binnenwirtschaft erfreut. "Alles deutet darauf hin, daß die konjunkturelle Erholung sich im zweiten Halbjahr wieder kräftig beschleunigt", erklärte Clement. Die Opposition nannte die Stagnation dagegen einen Beweis für das Versagen der rot-grünen Regierung.
Trotz seiner Konjunkturzuversicht forderte Clement indirekt eine Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB). "Ich erwarte, daß die Europäische Zentralbank bei gesicherter Geldwertstabilität das Wachstum durch Zinssenkungen in den Blick nimmt", sagte Clement der "Passauer Neuen Presse". Die EZB sei dabei "bemerkenswert zurückhaltender als die meisten anderen Zentralbanken".
EZB hält Leitzins für angemessen
EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing hatte den Leitzins von 2 Prozent erst am Montag als angemessen bezeichnet. In ihrem Monatsbericht für August warnt die EZB vor Inflationsrisiken. Zwar sei der heimische Preisdruck begrenzt. Der Anstieg des Ölpreises drücke die Inflationsrate aber nach oben. Im Juli lag die Teuerungsrate im Euro-Raum bei 2,2 Prozent und in Deutschland bei 2 Prozent. 0,7 Prozentpunkte der deutschen Rate gehen auf höhere Heizöl- und Kraftstoffpreise zurück.
Der starke Zuwachs der Geldmenge und der Kredite zeige, daß genügend Liquidität vorhanden sei. Die EZB geht davon aus, daß die Konjunktur sich schrittweise bessern werde. Volkswirte erwarten mehrheitlich, daß die EZB den Leitzins auf absehbare Zeit nicht heben wird.
Unternehmen investierten mehr
Die bessere Binnenkonjunktur in Deutschland gründet darin, daß die Unternehmen mehr investierten und ihre Läger auffüllten. Auch das Baugewerbe hat sich vom schlechten Wetter zu Jahresbeginn erholt. Dagegen bleibe der private Verbrauch schwach, erklärten Volkswirte. Detailangaben werden die Statistiker erst am 23. August vorlegen. Der leichte Binnenimpuls wurde nach ihren Angaben im zweiten Quartal durch einen negativen Außenbeitrag aufgezehrt. Zwar stieg der Export abermals an. Dieser positive Schub wurde jedoch durch einen noch stärker steigenden Import überkompensiert.
Im Vergleich zum Vorjahr stieg das BIP im zweiten Quartal um 1,5 Prozent. Dieser hohe Wert ergibt sich, weil zwei Arbeitstage mehr als vor einem Jahr zur Verfügung standen. Arbeitstäglich bereinigt lag das BIP nur 0,6 Prozent höher als vor einem Jahr.
Comeback von Italien und den Niederlanden
Den kräftigen Zuwachs des BIP in Italien führten Volkswirte auf einen stärkeren Export als Folge des schwächeren Euro zurück. In den Niederlanden trugen vor allem der Hausbau und Investitionen der Unternehmen zum Wachstum bei. Der private Konsum sank. In Finnland schrumpfte das BIP als Folge des Streiks in der Papierindustrie um 1,2 Prozent. Für viele andere Euro-Staaten liegen noch keine Daten für das zweite Quartal vor.
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