01.07.2008 · Ölpreis und Euro-Kurs werden zunehmend zur Belastung für die deutsche Wirtschaft.Nach dem starken ersten Quartal droht nun eine Phase der Stagnation. Der monatliche Konjunkturbericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Von Philip PlickertSo konnte es nicht weitergehen: Während die Weltwirtschaft sich rapide abkühlt und Amerika in eine Rezession zu fallen drohte, zeigte sich die deutsche Wirtschaft in Bestform. Nach dem herausragenden Wachstum von 1,5 Prozent im ersten Quartal 2008 ist nun eine scharfe Bremsung, eine Phase der Stagnation, zu erwarten. Es könnte sogar sein, dass der statistische Vergleich des zweiten Quartals mit dem ersten Quartal ein leichtes Minus ausweisen wird.
Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich zuletzt deutlich eingetrübt, wie der Ifo-Geschäftsklimaindex zeigt: Der fiel im Juni unerwartet stark von 103,4 auf 101,3 Punkte. Zwar beurteilen die befragten 7000 Unternehmen ihre gegenwärtige Geschäftslage noch überwiegend als gut - so gut wie zu Beginn des Jahres 2006, als der Aufschwung an Fahrt gewann. Doch sie blicken deutlich pessimistischer in die Zukunft. Die Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate sind auf ein Niveau wie Anfang 2003 gefallen, als noch niemand an eine wirtschaftliche Besserung in Deutschland glaubte. Auch der verhaltenere Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe, der im April zum fünften Mal in Folge gesunken ist, deutet auf eine konjunkturelle Bremsung hin. Allerdings bildet der Bestand an noch nicht abgearbeiteten Aufträgen nach wie vor ein gewisses Polster.
Sondereffekte sorgten für ein gutes erstes Vierteljahr
Im ersten Vierteljahr waren zum Teil Sondereffekte für das überaus starke Wachstum verantwortlich: So konnte die Bauwirtschaft wegen des milden Winters kräftig weiterarbeiten. Doch schon im März ging ihr die Kraft aus. Die Produktion brach um mehr als 13 Prozent ein und hat sich seitdem nicht merklich belebt. Allein das dürfte die Konjunktur im Frühling erheblich geschwächt haben. Auch das Produzierende Gewerbe hat im März und April in einen ruhigeren Gang geschaltet. Ein Grund für diese Abschwächung dürfte die geringere Investitionstätigkeit sein. Im Winter brachte hier ebenfalls ein Sondereffekt ein hohes Wachstum: das Auslaufen der günstigen degressiven Abschreibungsregelung Ende 2007. Dies veranlasste viele Unternehmen zu vorgezogenen Investitionen. Dadurch ergab sich ein solcher Auftragsstau, dass die Investitionsgüterhersteller und auch der Gewerbebau noch im Winter ungewöhnlich viel zu tun hatten.
Wichtigste Stütze des Aufschwungs in den vergangenen drei Jahren waren die Exporte. Auch in diesem Jahr haben sie wieder kräftig zugelegt, trotz des hohen Euro-Wechselkurses und der nachlassenden Weltkonjunktur. Seit Jahresbeginn wächst die Ausfuhr jeden Monat im Vergleich zum Vormonat mit rund 5 bis 10 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr lag der deutsche Export im April um fast 14 Prozent höher, wobei die stärksten Zuwächse in Ländern außerhalb der EU erzielt wurden, also dort, wo der hohe Euro-Wechselkurs eigentlich besonders belasten sollte. Seit März kostet der Euro mehr als 1,50 Dollar. Auch wenn derzeit die deutsche Exportwirtschaft noch sehr robust wächst, wird sie zunehmend unter Druck geraten.
Der Ölpreisschock trifft letztlich die Verbraucher
Noch größere Sorge bereitet der Ölpreis. In Dollar notiert, hat er sich seit Jahresbeginn um gut 43 Prozent verteuert, in Euro berechnet um 38 Prozent. Dieser starke Anstieg entzieht den Volkswirtschaften der Industrieländer enorm viel Kaufkraft. Diese wird in die Öl produzierenden Länder gelenkt, wobei ein Teil der Petrodollar zurückkommt. Sollte der Ölpreis weiter steigen und im Jahresdurchschnitt 130 Dollar betragen, würde dies die deutsche Ölimportrechnung in der Größenordnung von 30 Milliarden Euro verteuern.
Letztlich trifft der Ölpreisschock die Verbraucher. Ihnen würde mehr Kaufkraft entzogen als durch die Mehrwertsteuererhöhung. Kein Wunder, dass das Konsumklima sich zuletzt deutlich abgekühlt hat. Der private Verbrauch hat im ersten Quartal nur um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal zugelegt. Er wird sich nach Ansicht der meisten Fachleute in diesem Jahr auch nur wenig beleben, obwohl der Beschäftigungsaufbau weitergeht und im ersten Quartal die Rekordzahl von gut 40,2 Millionen Menschen in Deutschland erwerbstätig war. Auch die erwarteten höheren Lohnsteigerungen dürfte die durch Inflationssorgen getrübte Konsumlaune nur begrenzt heben.
Die beschleunigte Inflation bei nachlassendem Wirtschaftswachstum entwickelt sich zur Hauptsorge der Europäischen Zentralbank (EZB). Der EZB-Rat scheint mehrheitlich auf eine moderate Leitzinserhöhung von 25 Basispunkten auf 4,25 Prozent vorbereitet zu sein. Allerdings ist die konjunkturelle Entwicklung in einigen Ländern des Euro-Raums sehr viel schlechter als in Deutschland: In Italien stagniert die Wirtschaft seit gut einem halben Jahr; in Spanien fürchten viele Beobachter wegen der Baukrise eine Rezession, die sich auf Portugal ausweiten könnte; auch Irland kämpft mit einer Immobilienkrise und ist indirekt von der britischen Finanzkrise betroffen, und für Frankreich verheißt der Einkaufsmanagerindex nur noch geringes Wachstum. Die EZB-Währungshüter stehen damit in den kommenden Monaten vor einer schwierigen Aufgabe: Sie sollen eine einheitliche Geldpolitik in einem keineswegs einheitlichen Konjunkturumfeld machen. Es bleibt spannend.
Es gibt eben Wahrheiten, die dürfen keine sein!!!
Winfried Sobottka (Fritz-Deutscher)
- 01.07.2008, 10:56 Uhr
Der ungenannte Beitrag Deutschlands zur EU
Dieter Spethmann (dspeth)
- 01.07.2008, 11:33 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.383,50 | −0,76% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2452 | −0,29% |
| Rohöl Brent Crude | 105,74 $ | −1,04% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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