25.02.2008 · Wenn die Vereinigten Staaten husten, bekommt die Welt eine Grippe. Mit diesem Bild wurden lange Zeit die ökonomischen Abhängigkeiten der Welt von ihrer größten Volkswirtschaft beschrieben. Unter dem Schlagwort der Abkopplung werden dagegen andere Thesen vertreten. Was stimmt nun? Eine Analyse.
Von Patrick WelterWenn die Vereinigten Staaten husten, bekommt die Welt eine Grippe. Mit diesem Bild wurden lange Zeit die ökonomischen Abhängigkeiten der Welt von ihrer größten Volkswirtschaft beschrieben. Das Bild ist, wie es sich für eine erfolgreiche Metapher gehört, übertrieben. Ebenso übertrieben aber sind die für Europa, für Japan und vor allem für asiatische Schwellenländer gepflegten Beschwörungen, man könne sich dem Sog einer möglichen Rezession in den Vereinigten Staaten entziehen. Diskutiert werden diese Hoffnungen unter dem Schlagwort der Abkoppelung. Es ist hilfreich, sich dieser Hypothese von zwei Seiten zu nähern.
Die Abkoppelungstheorie beruht auf dem Befund, dass die wirtschaftlichen Gewichte in der Welt sich in den vergangenen Jahren ein wenig verschoben haben. Tatsächlich haben die Vereinigten Staaten, mehr aber noch Europa und Japan, an Gewicht eingebüßt, nicht absolut, sondern relativ im Verhältnis zum Rest der Welt. Wenn Entwicklungs- und Schwellenländer gerade in Asien über Jahre stärker wachsen als die saturierten Industriestaaten, ist dies unvermeidlich. Machtpolitisch mag diese Verschiebung der relativen Größen Politiker in Washington, Brüssel und Tokio stören, wirtschaftlich gesehen ist die Entwicklung alles andere als schädlich. Sie spiegelt den überdurchschnittlich steigenden Wohlstand und eine höhere Produktivität der Menschen in vielen Schwellenländern Asiens wider, die Anlass zur Freude und nicht zur Klage ist und die den Wohlstand in den alten Industriestaaten des Westens nicht bedroht.
Die These der Abkoppelung ist gewagt
Die relativ geringere wirtschaftliche Größe der Vereinigten Staaten lässt sich - nicht immer zweifelsfrei - an einigen Indikatoren zeigen, am Bruttoinlandsprodukt oder am amerikanischen Import im Verhältnis zum Welthandel. Dies schürt die Erwartung, dass eine Rezession in Amerika den Rest der Welt weniger stark träfe als früher. Rein rechnerisch ist dem nicht zu widersprechen. Hier kommt freilich die zweite Überlegung ins Spiel. Die These der Abkoppelung widerspricht allem, was seit den neunziger Jahren über die Globalisierung gesagt und geschrieben wurde. Tatsächlich ist die Wirtschaftswelt heute enger aneinander gebunden als noch vor zwanzig Jahren. Der ökonomische Erfolg der Schwellen- und Entwicklungsländer beruht auf ihrer Integration in die Weltwirtschaft und gerade nicht darauf, dass sie ihre Grenzen geschlossen hätten.
In wichtigen Entwicklungs- und Schwellenländern Asiens und Lateinamerikas ist der Export von Waren und Dienstleistungen, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, in den vergangenen Jahren zum Teil drastisch gestiegen. In China liegt er bei fast 40 Prozent der Wirtschaftsleistung, in Indien bei fast 25 Prozent. An die fünfzig Prozent der amerikanischen Einfuhr stammen aus Entwicklungs- und Schwellenländern, die Wertschöpfungsketten amerikanischer Unternehmen umspannen heute den Globus. Einen Wachstumseinbruch in den Vereinigten Staaten spüren deshalb die Arbeitnehmer am Telefon eines Dienstleistungscenters in Indien ebenso wie Spielzeug- oder Elektronikfabrikanten in China.
Wer gegensteuern muss, hat sich noch nicht entkoppelt
Tatsächlich werden in den wichtigsten Staaten Asiens ja auch schon die Vorbereitungen getroffen, um einer schwächeren Nachfrage aus den Vereinigten Staaten entgegenzuwirken, die auch den asiatischen Binnenhandel mit Vorprodukten belastete. Japan verzichtet vorerst auf Zinserhöhungen, weil der drohende geringere Exportzuwachs - wie in Europa - die Schwäche der Binnenwirtschaft offenlegt. Aus China kommen erste Signale, dass die Kreditvergabe weniger stark gebremst werden könnte, um dem Nachfrageausfall aus dem Ausland entgegenzuwirken. Bankvolkswirte sprechen wahlweise von einer "erwünschten Abkühlung" oder von einem Gegensteuern. Wer aber gegensteuern muss, hat sich von der amerikanischen Wirtschaft nicht entkoppelt.
Spielen für die Entwicklungs- und Schwellenländer vor allem die Handelsbeziehungen mit den Vereinigten Staaten eine Rolle, sind es für die Industriestaaten mehr noch die finanziellen Verbindungen, die Rezessionssignale noch schneller übertragen als die Warenströme. Westeuropäische und japanische Unternehmen stellen den Großteil der Direktinvestitionen in den Vereinigten Staaten. Japans Aktienmarkt wird in großem Ausmaß durch ausländisches Kapital gespeist. Der recht hohe Gleichlauf der Aktienindizes wichtiger Standorte symbolisiert die enge Abhängigkeit der Finanzwelt, in der die leichtfertige Vergabe von Immobilienkrediten in Amerika Banken in Europa in den Untergang treiben kann.
Es mag sein, dass einzelne Länder sich einer Rezession in den Vereinigten Staaten zeitweise entgegenstemmen können, weil sie sich zufällig in einer anderen Phase des Konjunkturzyklus befinden. Einiges spricht auch dafür, dass Schockwellen aus Amerika nicht mehr ganz so stark ausgreifen wie früher. Einer Abkoppelung aber stehen die Jahre der Globalisierung entgegen. Eigentlich braucht man sich nur Kurt Tucholskys zu erinnern, der 1931 in einem bösen Essay schrieb: "Was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten." Das klingt banal, aber es legt die Leere der Abkoppelungstheorien offen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.381,79 | −0,89% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2448 | −0,32% |
| Rohöl Brent Crude | 105,77 $ | −1,01% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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