29.05.2008 · Das überraschend hohe Wachstum im ersten Quartal ging überwiegend auf Deutschlands Konto, dagegen stehen andere Länder wirtschaftlich auf der Kippe. Der monatliche Konjunkturbericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Von Philip PlickertEntgegen vielen Befürchtungen hat sich das Wachstum im Euro-Raum im ersten Quartal nicht verlangsamt - im Gegenteil: Mit 0,7 Prozent Plus zum Vorquartal hat sich die Wirtschaft im Winter kräftiger entwickelt als im Herbst, als der Zuwachs nur 0,4 Prozent zum Vorquartal betrug.
Allerdings geht der Aufschwung überwiegend auf Deutschlands Konto, dessen Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Quartalsvergleich um 1,5 Prozent zulegte; damit hat die größte Volkswirtschaft des Euro-Raums den Durchschnitt um gut 0,3 Prozentpunkte nach oben gezogen.
Hoher Wechselkurs macht vielen zu schaffen
In anderen Staaten verdüstert sich das Bild. Über Spanien ziehen immer dunklere Wolken am Konjunkturhimmel auf, je klarer sich die Immobilienkrise abzeichnet. Auch in Irland sinken die zuletzt überhöhten Häuserpreise, zugleich gerät der wichtige Handelspartner Großbritannien in ernste Schwierigkeiten. Und Italien verharrt in einer Wachstumsschwäche. Wie andere Mittelmeerländer kommt es mit dem hohen Wechselkurs nicht zurecht. Gefahren drohen dem Euro-Raum also nicht allein von der sich abkühlenden Weltwirtschaft. Der steile Ölpreisanstieg und der hohe Euro-Kurs machen gerade den schwächeren Mitgliedern der Währungsunion zu schaffen.
Sicher haben in Deutschland Sondereffekte das günstige Ergebnis des ersten Quartals beeinflusst - etwa die gute Baukonjunktur wegen des milden Winters. Die hohen positiven Vorratsveränderungen der Unternehmen deuten darauf hin, dass ihre Lager sich füllen und die Produktion in den kommenden Monaten gedrosselt werden könnte. Trotz der erwarteten Verlangsamung im zweiten und dritten Quartal ist aber ein Wachstum von mehr als 2 Prozent übers Jahr gut möglich.
Export treibt Frankreich, Italien vor Stagnation
Auch in Frankreich hat sich das Wachstumstempo zu Jahresbeginn etwas erhöht. Mit 0,6 Prozent Plus zum Vorquartal liegt es knapp unter dem Durchschnitt des Euro-Raums. Auch in Frankreich waren die Konjunkturtreiber nunmehr der Export sowie die Investitionen der Unternehmen. Der Konsum, der in der Vergangenheit durch hohe Lohnzuwächse angeheizt wurde, entwickelte sich schwächer. Ungeachtet der globalen Unsicherheit findet die Regierung in Paris ein Jahreswachstum von 2 Prozent erreichbar.
Italien kämpft mit Stagnation. Im letzten Quartal 2007 ist das BIP um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal geschrumpft. Der Einkaufsmanagerindex des Dienstleistungsgewerbes ist unter die für eine Rezession kritische Marke gefallen, das Verarbeitende Gewerbe dümpelt schon seit längerem um diesen Wert. Für das erste Quartal meldete die Statistikbehörde zwar wieder ein leichtes Wachstum von 0,4 Prozent, doch glich das gerade mal den Rückgang im Vorquartal aus. Insgesamt erwartet die EU-Kommission 2008 nur 0,5 Prozent Plus.
Der Grund ist die schwache Produktivität. In den vergangenen Jahren hat Italien mehrfach kaum Zuwächse oder gar Rückgänge verzeichnet, wogegen die Löhne und die Lohnstückkosten kräftig stiegen. Seit Beginn der Währungsunion gibt es aber die Option einer Abwertung nicht mehr. Rasch steigende Produktionskosten schwächten die Exportfähigkeit und trieben die Teuerungsrate über den Euro-Durchschnitt.
Immobilienkrise bringt Spanien in Schwierigkeiten
Eine strukturelle Schwäche attestiert die EU-Kommission auch Portugal, das über die Jahre von hohen EU-Transfers profitiert hat, aber doch sein Leistungsbilanzdefizit nicht abbauen kann und nur geringes Potentialwachstum bei überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit aufweist. Auch Griechenland lebt mit einem sehr hohen Leistungsbilanzdefizit über seine Verhältnisse.
Spanien dagegen galt, auch wegen der hohen EU-Transfers, im vergangenen Jahrzehnt als große Erfolgsgeschichte, nun kühlt es bedenklich schnell ab: Seit Jahresanfang ist die Konjunktur erheblich gebremst. Das Wachstum von 0,3 Prozent zum Vorquartal im Winter war der schwächste Wert seit 1995, einen noch stärkeren Einbruch haben Sondereffekte wie der Tourismusaufschwung um den frühen Ostertermin im März verhindert. Die zunehmenden Schwierigkeiten am Bau strahlen auf die übrige Wirtschaft aus; Hausbesitzer, von steigenden Zinslasten bedrückt, schränken ihren Konsum ein.
Anders als im übrigen Euro-Raum ist die Arbeitslosigkeit in Spanien gestiegen, innerhalb eines halben Jahres um einen Prozentpunkt auf über 9 Prozent. Das hat die Konsumenten weiter verunsichert; auch das jüngst aufgelegte Konjunkturpaket der sozialistischen Regierung wird nach Ansicht der meisten Beobachter gegen die Schwäche wenig ausrichten können. Die Kombination aus zunehmender Immobilienkrise, schwachem Konsum, nachlassendem Tourismus und schwindendem Export könnte Spanien in den kommenden Monaten in eine schwierige Lage manövrieren, auch wenn die Regierung offiziell noch 2,3 Prozent Wachstum in diesem Jahr erwartet.
Angesichts der Inflationsrisiken könnte es im Euro-Raum bald zu einem Konflikt kommen zwischen den wachstumsstarken Staaten und den wachstumsschwachen Staaten - die die geldpolitischen Zügel eher lockern wollen. Im zehnten Jahr ihres Bestehens droht der Währungsunion und der EZB ernstes Ungemach.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.381,79 | −0,89% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2448 | −0,32% |
| Rohöl Brent Crude | 105,77 $ | −1,01% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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