30.12.2010 · Deutschland profitiert von der kräftigen Weltwirtschaft, die in diesem Jahr um fast 5 Prozent gewachsen ist. Besonders der Export nach China legt stark zu. Vor zwei Jahren war das Volumen der Ausfuhren nach China noch halb so groß wie nach Amerika, nun liegen beide Absatzmärkte fast gleichauf.
Von Philip Plickert und Georg GiersbergDer deutsche Außenhandel hat im Jahr 2010 nach dem Einbruch des Vorjahres eine fulminante Erholung erlebt. "In den ersten drei Quartalen 2010 sind die Exporte um 19 Prozent, die Importe sogar um 19,4 Prozent gestiegen", sagte Jens Nagel, Geschäftsführer beim Außenhandelsverband BGA, dieser Zeitung. Für das Gesamtjahr 2010 rechne der Verband mit einem Exportanstieg um 16 bis 18 Prozent, die Importe könnten gar um 19 Prozent steigen. "Diese spektakulären Wachstumsraten müssen natürlich vor dem Hintergrund des katastrophalen Einbruchs 2009 um 18 Prozent gesehen werden", sagte Nagel.
Nach den am Donnerstag veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamts für das dritte Quartal hat die deutsche Warenausfuhr mit einem nominalen Wert von 244,9 Milliarden Euro das Niveau vor Einsetzen der schweren Rezession beinahe wieder erreicht. Im dritten Quartal 2008 hatte die Warenausfuhr fast 250 Milliarden Euro betragen. Im Gesamtjahr war der Rekord mit 985 Milliarden Euro erreicht worden. In diesem Jahr ist dieser Stand noch nicht ganz wieder erreicht. Für das kommende Jahr erwartet der BGA aber einen weiteren Anstieg des Exports um 7 Prozent. "Damit werden wir das Vorkrisenniveau von 2008 übertreffen und die Krise endgültig hinter uns lassen", prognostizierte Nagel. 2011 dürften erstmals Waren im Wert von mehr als 1 Billion Euro ausgeführt werden.
Bemerkenswert ist, wie stark sich die relative Bedeutung der Absatzmärkte verschiebt. "Die Wachstumstreiber sind die Boomländer Asiens, in erster Linie China, aber auch die arabischen Länder, Russland und Lateinamerika", erklärt der BGA-Fachmann.
Die Zahlen des Statistikamts zeigen, wie stark vor allem der Export nach China zunimmt: Er betrug im dritten Quartal 13,7 Milliarden und lag damit um mehr als ein Drittel (34,3 Prozent) höher als im Vorjahreszeitraum. Vor zwei Jahren war die Ausfuhr nach China nur halb so groß wie die in die Vereinigten Staaten, nun hat die Ausfuhr nach China einen Anteil von fast 6 Prozent; Amerikas Anteil ist auf 7 Prozent gesunken. Immer noch geht der bei weitem größte Teil der deutschen Ausfuhr in die Länder der Europäischen Union (fast 60 Prozent) und des Euro-Raums (knapp 40 Prozent), wobei die Anteile sinken. Wie der BGA betont, ist der Import aus der EU stärker gewachsen als der Export: "Dies belegt eindrucksvoll, dass Deutschland die Lokomotive ist, welche die europäischen Nachbarn aus der Krise zieht." Damit begegnet der Handelsverband Vorwürfen aus dem Ausland, die deutsche Wirtschaft sei einseitig exportlastig.
Die exportstärkste Branche in Deutschland ist mit 145 Milliarden Euro die Elektroindustrie. Mit einigem Abstand folgen fast gleichauf der Maschinenbau, die Chemie und die Automobilindustrie. "Die Chinesen geben das Tempo vor", betont Klaus Mittelbach, Vorsitzender des Verbandes der Elektronikindustrie ZVEI. "Vor allem unter dem neuen Megathema Elektromobilität wird dort schnell eine flächendeckende Infrastruktur vor allem an Ladestationen aufgebaut, die einen enormen Bedarf auch an deutschen Zulieferteilen hat."
Auch Indien gewinnt an Bedeutung. Die Ausfuhr der deutschen Elektroindustrie nach China sei in den ersten neun Monaten des Jahres um 46 Prozent, die nach Indien sogar um 55 Prozent gestiegen. Ein weiterer Wachstumsmarkt ist Lateinamerika: Nach Argentinien exportierte die Elektroindustrie sogar 107 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Autozulieferer Bosch wird in diesem Jahr seinen Rekordumsatz von 2007 übertreffen wegen der Nachfrage in den Schwellenländern in Asien, im pazifischen Raum, in Brasilien und in den Vereinigten Staaten. Europa dagegen hinke hinterher: "Reden wir nur von Bosch in Europa, werden wir dieses Niveau nicht vor 2013 wieder erreichen", sagte Franz Fehrenbach, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH, dieser Zeitung.
Ähnlich positiv gestimmt zeigen sich auch die Manager der Automobilindustrie. Vom Wachstum des Marktes profitiert kein Land so stark wie Deutschland. Jedes zehnte Auto auf der Welt wird hierzulande produziert. Drei Viertel dieser Produktion finden ihren Käufer jenseits der deutschen Grenzen. Dies hat nach Angaben des Branchenverbandes VDA deutlich zur Beschäftigungssicherung beigetragen. Wachstumstreiber ist der Export auch für die chemische Industrie. Während der Inlandsumsatz im dritten Quartal um 13 Prozent auf 16,6 Milliarden Euro zunahm, stieg der Auslandsumsatz um 20 Prozent auf 25,2 Milliarden Euro.
Georg Giersberg Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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