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Konjunktur Daten zum Einzelhandel stiften Verwirrung

05.07.2005 ·  Die deutschen Einzelhändler haben im Mai ihre Umsätze sowohl zum Vorjahr als auch zum Vormonat gesteigert - sagt die Statistik, die mit neuen Zahlen operiert. Branchenverbände und Volkswirte bezweifeln die Angaben.

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Dem deutschen Einzelhandel ist es im vergangenen Jahr deutlich besser ergangen als vermutet - wenn man den Zahlen der amtlichen Statistik glaubt. Im Zuge einer umfassenden Revision der Einzelhandelsdaten meldete das Statistische Bundesamt am Dienstag, daß die Einzelhändler 2004 ein nominales Umsatzplus von 1,2 Prozent erwirtschaftet hätten. Zuvor hatten die Statistiker noch ein Minus von 1,6 Prozent für das Gesamtjahr genannt. Die Revision geht über das übliche Maß hinaus und ändert das grundlegende Bild, daß der Einzelhandel seit 2000 in der Krise stecke. Branchenverbände und Volkswirte zeigten sich über das Ausmaß der Revision irritiert und bezweifeln die Angaben.

Die neuen Daten beruhen nach Angaben des Statistischen Bundesamts auf einer Änderung des Berichtskreises: Das Amt befragt nun andere Einzelhandelsunternehmen als vorher nach ihrem Umsatz. Auch für die ersten fünf Monate dieses Jahres sieht die Lage im Einzelhandel damit nicht mehr so schlecht aus wie zuvor. Hatten die Statistiker bisher eine Stagnation des Umsatzes angenommen, gehen sie nun von einem Plus von 0,5 Prozent aus. Im Mai sollen die Einzelhändler nach vorläufigen Daten 3,1 Prozent mehr umgesetzt haben als im Vorjahresmonat. Preis- und saisonbereinigt meldet das Statistikamt für Mai ein Plus von 1,2 Prozent gegenüber dem Vormonat.

Handel reagiert skeptisch

Im Handel stoßen die jüngsten Umsatzmeldungen nach der neuen Stichprobenerhebung auf Skepsis. Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) in Berlin kann die positiven Zahlen für die ersten fünf Monate und den Mai nicht nachvollziehen. „Sie decken sich nicht mit dem Eindruck, den wir aus den Rückmeldungen der Unternehmen und den Quartalsberichten der börsennotierten Einzelhändler gewonnen haben“, sagte HDE-Sprecher Hubertus Pellengahr dieser Zeitung. Die Umstellung des Kreises der befragten Unternehmen spiegele offenbar nicht das Gesamtbild der Branche. „Wir sehen jedenfalls noch keine Zeichen des Aufschwungs.“ Auch Volkswirte von Geschäftsbanken zeigten sich zurückhaltend. Es stelle sich die Frage nach der Verläßlichkeit der neuen Angaben, hieß es etwa bei der Commerzbank.

Die Statistiker wehren sich gegen solche Vorwürfe und verweisen darauf, daß die Datenrevision auf einer üblichen Umstellung beruhe. Monat für Monat befragen sie rund 25000 Einzelhändler nach ihrem Umsatz. Wer aus der Masse von rund 250000 Einzelhändlern in Deutschland befragt wird, wird per Zufall ermittelt - wobei die Statistiker durch vorherige Gruppenbildung sicherstellen, daß die Daten repräsentativ sind: große, mittlere und kleine Unternehmen sind ebenso gemäß ihres Anteils an der Grundgesamtheit vertreten wie die Bundesländer und die diversen Handelsbranchen. Das Problem der Stichproben ist, daß sie mit der Zeit veralten, weil manche Unternehmen in Konkurs gehen oder aufgegeben werden. Neue, junge Unternehmen werden dagegen nicht rechtzeitig erfaßt.

Tücken der Statistik

Um dieser Verzerrung entgegenzuwirken, haben die Statistiker in den vergangenen Monaten - wie zuletzt vor zehn Jahren und künftig schneller - eine neue Stichprobe gezogen und befragen nun andere Unternehmen als zuvor nach ihrem Umsatz. Als Folge der Umstellung hatte das Statistische Bundesamt seit Monaten keine exakten und saisonbereinigten Daten zum Einzelhandelsumsatz mehr ausgewiesen. Die bessere Umsatzentwicklung gründe darin, daß nun junge, dynamischere Unternehmen besser erfaßt würden, heißt es im Statistischen Bundesamt.

Der HDE bezweifelt dies. Die Erfolge der jetzt verstärkt erfaßten jungen und dynamischen Firmen gingen zu Lasten anderer Handelsunternehmen, sagte Pellengahr. Der Gesamtkuchen wachse dadurch nicht. Der HDE bedauere, daß in der tiefen Konsumkrise keine plausiblen Zahlen, mit denen man arbeiten könne, vorlägen. Der Verband wird am Donnerstag in Berlin eine Halbjahresprognose abgeben, die auf eigenen Umfragen basiert.

Volkswirt Andreas Rees von der Hypo-Vereinsbank hält die neuen Umsatzangaben dagegen im Kern für plausibel, wenn auch vielleicht ein wenig zu stark nach oben korrigiert. „Die Daten passen besser zu anderen Indikatoren, die auf eine gewisse Erholung des privaten Konsums hinwiesen“, sagte Rees dieser Zeitung. Er erwartet nicht, daß mit den neuen, besseren Umsatzdaten das deutsche Wirtschaftswachstum der vergangenen Quartale nachträglich nach oben korrigiert werden wird. Ähnliches war am Dienstag aus dem Statistischen Bundesamt zu hören. Wissend um die Schwierigkeiten der Einzelhandelsstatistik, haben die Statistiker nach eigenen Angaben den privaten Konsum zuletzt schon etwas höher geschätzt, als es die bisherigen Einzelhandelsdaten nahegelegt hätten.

Nur ein lockerer Zusammenhang

Ohnehin ist der Zusammenhang zwischen Einzelhandelsumsatz und privatem Konsum vergleichsweise locker. Der Einzelhandelsumsatz ohne den Absatz von Kraftfahrzeugen und ohne Tankstellen trägt nur etwa rund ein Drittel zum gesamten privaten Konsum bei. Nach Auskunft des Bundesamtes ist in dieser Größe der Internethandel erfaßt, wie auch Tankstellenpächter, die ihren Lebensunterhalt überwiegend als Supermarkt verdienen. Für das erste Quartal weist das Statistische Bundesamt eine Schrumpfung des Konsums um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal aus. Der Einzelhandelsumsatz ist nach den neuen Angaben real um 0,7 Prozent gestiegen.

Nach Angaben von Bankenvolkswirten weisen die nun genannten Umsatzdaten am aktuellen Rand nicht auf eine dynamische Aufwärtsentwicklung im Einzelhandel hin. „Es ist unwahrscheinlich, daß der Einzelhandel im zweiten Quartal zum Wirtschaftswachstum beigetragen hat“, sagte Rees. Das Plus im Mai sei eine Gegenreaktion zum April, in dem wegen der frühen Osterfeiertage der Umsatz in der saisonbereinigten Rechnung 1,5 Prozent schrumpfte. Im Durchschnitt von April und Mai lag der Umsatz um preis- und saisonale Effekte bereinigt 1,5 Prozent niedriger als im ersten Quartal des Jahres.

Schlechte Stimmung

Auch die Händler selbst sind pessimistisch eingestellt. Der Handelsverband BAG, dem Filialbetriebe wie Karstadt, C&A, Woolworth oder Breuninger angehören, kann nach wie vor keinen nachhaltigen Aufschwung im Einzelhandel erkennen. „Angesichts der unverändert starken Konsumzurückhaltung der Verbraucher wird sich die Geschäftslage in diesem Jahr wiederum äußerst schwierig gestalten“, sagte der Hauptgeschäftsführer Rolf Pangels dieser Zeitung. Pangels warnte vor einer Mehrwertsteuererhöhung.

Die schlechte Stimmung, die in den Einzelhandelsverbänden vorherrscht, wird sich in den kommenden Monaten womöglich auch noch nachträglich in den Einzelhandelsdaten zeigen. Denn diese gehören zu den Wirtschaftsdaten, die am häufigsten und am deutlichsten korrigiert werden, weil viele Unternehmen erst nach Monaten Umsatzangaben liefern oder diese nachträglich ändern. Erst im Januar jedes Jahres setzen die Statistiker die Daten für das Vorvorjahr endgültig fest.

Wie groß diese üblichen Datenrevisionen sind, zeigt eine Auswertung der HVB für den Januar 2004: Im März nannte das Statistische Bundesamt ein Umsatzwachstum von 3,1 Prozent gegenüber dem Vormonat, das im Lauf der Zeit rapide zusammenschmolz. Im Herbst 2004 erklärten die Statistiker, daß der Umsatz im Januar 2004 um 1,2 Prozent geschrumpft sei. Nach den jüngsten Daten melden sie nun nur noch ein kleines Minus von 0,1 Prozent. Aber auch diese Angabe ist bis jetzt vorläufig - ebenso wie die am Dienstag gemeldete deutlich bessere Umsatzentwicklung im vergangenen Jahr.

Quelle: pwe./B.K., F.A.Z., 06.07.2005, Nr. 154 / Seite 15
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