Das Geschäftsklima in der deutschen Wirtschaft hat sich unerwartet eingetrübt. Der Ifo-Geschäftsklimaindex für die gewerbliche Wirtschaft ist im Juni spürbar gesunken. Der Index fiel von 96 Punkten im Mai auf 94,6 Punkte im Juni. Damit liegt der Index knapp unter seinem langfristigen Durchschnitt. Es war der zweite Rückgang nacheinander. Analysten hatten einen Anstieg erwartet. Die Unternehmen schätzten sowohl die künftige Geschäftsentwicklung als auch die aktuelle Geschäftslage schlechter ein. Die gedämpftere Stimmung ergriff im Juni alle Wirtschaftsbereiche, vom Verarbeitenden Gewerbe über den Bau bis zum besonders betroffenen Groß- und Einzelhandel. An den Finanzmärkten wurde der Rückgang des Ifo-Index mit Abschlägen quittiert. Der deutsche Aktienindex fiel direkt nach Veröffentlichung der Daten um rund 20 Punkte und rutschte unter die Marke von 4000 Punkten.
Der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, erklärte, die Umfrageergebnisse sprächen dafür, daß die konjunkturelle Aufwärtsbewegung immer noch nicht gefestigt sei. Die Exporterwartungen der Unternehmen seien nach wie vor positiv und belegten, daß Deutschlands Exportindustrie dem "stürmischen weltweiten Konjunkturaufschwung" folge. Die Binnennachfrage stagniere aber noch.
Nach Ansicht des Bundeswirtschaftsministeriums dürfen die Ifo-Zahlen nicht überinterpretiert werden. Die Erholung werde vor allem vom Export getragen; der private Verbrauch zeige noch "keine eindeutige Aufwärtstendenz". Das Ministerium nutzte die Gelegenheit, um an die Europäische Zentralbank (EZB) zu appellieren, den Konsequenzen ihrer Geldpolitik "höchste Aufmerksamkeit" zu schenken. "Auch die EZB sollte mögliche Verunsicherungen von Verbrauchern und Investoren im Auge haben", sagte eine Sprecherin. Die EZB, die ihre Geldpolitik am gesamten Euro-Raum ausrichtet, hatte zuletzt betont, daß sie sich alle Optionen offenhalte. Dabei hatten die Geldpolitiker aber vorwiegend auf mögliche Inflationsrisiken angesichts der höheren Ölpreise verwiesen. Volkswirte erwarten laut Umfragen, daß der nächste Zinsschritt nach oben geht, jedoch frühestens gegen Jahresende.
Nach einer Faustregel ist ein dreimaliger Rückgang des Ifo-Geschäftsklimas ein Signal für eine Konjunkturwende nach unten. Bankenvolkswirte werteten den zweiten Rückgang nacheinander im Juni dementsprechend besorgt. Das Risiko sei gestiegen, daß die Unternehmen ihre Investitionstätigkeit nicht wie erhofft ausweiten würden, kommentierte etwa die Commerzbank. Das freilich ist nötig, damit die Binnenkonjunktur anspringt.
Das schlechtere Geschäftsklima wurde teilweise mit den höheren Ölpreisen begründet, die den privaten Konsum bremsten. Zudem hieß es, daß die Unternehmen eine Abschwächung der Weltwirtschaft im zweiten Halbjahr vorwegnähmen. Damit sänke die außenwirtschaftliche Schubkraft für die deutsche Wirtschaft. Diese These ist indes umstritten. Manche Ökonomen verweisen darauf, daß die dämpfenden Effekte der vergangenen Euro-Aufwertung vom Herbst an allmählich ausliefen, so daß der Exportschub nur wenig nachlassen werde.
