Das Vertrauen in die verhaltene wirtschaftliche Erholung unter den Wirtschaftsforschungsinstituten nimmt zu. Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW) hat seine Prognose für das deutsche Wirtschaftswachstum in diesem Jahr von 1,6 auf 1,8 Prozent leicht angehoben. Für das kommende Jahr rechnet das IfW nun mit 1,3 statt bisher 1,2 Prozent. Die Revision beruht vor allem auf den guten Exportdaten. Berücksichtigt man die unterschiedliche Zahl der Arbeitstage in diesem und im kommenden Jahr, erwartet das IfW eine andauernde leichte Beschleunigung. Arbeitstäglich bereinigt, prognostiziert das Institut ein Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,2 Prozent in diesem und von 1,5 Prozent im kommenden Jahr. Das gesamtstaatliche Haushaltsdefizit wird für 2004 mit 3,8 und für 2005 mit 3,5 Prozent des BIP erwartet. Damit würde Deutschland das vierte Jahr in Folge die Maastrichter Defizit-Vorgaben brechen.
Die wichtigsten Annahmen der Prognose sind, daß der Ölpreis bis zum Jahresende auf 32 Dollar fallen werde, so daß die Binnennachfrage nur im Sommerhalbjahr 2004 durch den Ölpreisanstieg leicht gebremst wird. Derzeit liegt der Preis für ein Barrel Öl der Marke Brent bei mehr als 35 Dollar. Für den Wechselkurs des Euro nehmen die Kieler einen Wert von rund 1,20 Dollar je Euro an, der etwas unter dem jetzigen Niveau liegt. Die Europäische Zentralbank werde den Leitzins bis Ende 2005 konstant halten.
Das Kieler Institut ist das erste unter den großen Wirtschaftsforschungsinstituten, das im Frühsommer seine neue Prognose vorlegt. Auch das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung in Essen (RWI) wird seine Prognose für 2004 wahrscheinlich von 1,5 auf 1,8 Prozent anheben. Das sagte RWI-Ökonom Roland Döhrn der Nachrichtenagentur Bloomberg. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat unlängst prognostiziert, daß die Wirtschaft im zweiten Quartal stärker wachsen werde als zu Jahresbeginn.
Aus der Prognose des Kieler IfW geht hervor, daß die deutsche Wirtschaft unverändert vom Aufschwung der Weltwirtschaft gezogen wird. Bis 2005 werde sich die Konjunktur in der Welt leicht abschwächen, heißt es. Dagegen werde sich das Wachstum bei den Haupthandelspartnern im Euro-Raum zunächst weiter beschleunigen. Bis weit in das Jahr 2005 hinein könne Deutschland mit Anregungen durch den Export rechnen, zumal die dämpfenden Wirkungen der Euro-Aufwertung nachließen und 2005 wohl ganz entfielen.
Begrenzt werde das Wachstum von der schwachen Binnenwirtschaft. Für die Unternehmensinvestitionen wird ein Anstieg von 1,3 in diesem und von 2,7 Prozent im kommenden Jahr erwartet. Private und öffentliche Bauinvestitionen dürften abermals sinken. Unter anderem wegen der ungünstigen Perspektiven am Arbeitsmarkt werde der private Verbrauch 2004 stagnieren und erst 2005 um moderate 1,1 Prozent zunehmen. Das Kieler IfW erwartet, daß die Zahl der Arbeitslosen erst zum Jahresende sinkt und die Zahl der Beschäftigten erst im kommenden Jahr wieder steigt.
