19.12.2005 · Dieses Mal gibt es kein Vertun: Der Aufschwung kommt. Nach mehreren Jahren der Tristesse dürfte 2006 endlich wieder ein besseres Wirtschaftsjahr werden - für einen deutlichen Rückgang der Arbeitslosigkeit reicht es nicht.
Von Henrike Roßbach und Gerald BraunbergerDieses Mal gibt es kein Vertun: Der Aufschwung kommt. Nach mehreren Jahren der Tristesse dürfte 2006 endlich wieder einmal ein besseres Wirtschaftsjahr werden - auch wenn die Bäume nicht in den Himmel wachsen werden. Vor allem ist ein kräftiger Rückgang der Arbeitslosigkeit auf absehbare Zeit unwahrscheinlich. Die Beschäftigung dürfte im zweiten Halbjahr nur wenig zulegen. Für eine grundlegende Besserung bedürfte es mehr als einer gut laufenden Konjunktur. Und auch die Einkommen der Menschen werden im kommenden Jahr nur geringfügig steigen. Wenn überhaupt.
Man kann ein anderes Bild bemühen: Deutschland befindet sich nach langer Krankheit auf dem Weg der Besserung. Aber die Rekonvaleszenz wird lange dauern, und der zu strenger Diät verpflichtete Patient bedarf weiterhin ärztlicher Kunst.
Positive Überraschungen sind möglich
Nach einem Wirtschaftswachstum von rund einem Prozent in diesem Jahr könnte die deutsche Wirtschaft 2006 um 1,5 Prozent (wie manche Forschungsinstitute meinen) bis knapp zwei Prozent (wie einige Banken annehmen) wachsen. Das klingt auf den ersten Blick nicht spektakulär, aber für Deutschland ist das kein schlechtes Ergebnis. Hinzu kommt: Wirtschaftsforscher unterschätzen nicht selten die Dynamik eines Aufschwungs (wie auch im umgekehrten Fall eines Abschwungs). Falls das ökonomische und politische Umfeld stabil bleibt, sind auch positive Überraschungen möglich.
Daß es aufwärtsgeht, ist heute weitgehend unumstritten. Fast alle Indikatoren sprechen für eine Belebung. Die Aufträge der deutschen Unternehmen wachsen, die Industrie will kräftig investieren, die Stimmung im Lande bessert sich langsam, und der Welthandel boomt. Hinzu kommen noch ein paar Sondereffekte, die es so nur im nächsten Jahr gibt:
Sondereffekte: Freunde kommen, es wird vorgezogen und nachgeholt
Die Weltmeisterschaft. Im Juni ist die Welt zu Gast bei Freunden. Und sie wird Gastgeschenke mitbringen. Hotellerie, Gastronomie und Sportartikelhersteller wollen davon profitieren. Die Unterhaltungselektronik auch. Wenn Ronaldinho gegen den Ball tritt, wollen viele Deutsche das auf Flachbildschirmen verfolgen. Schon 2005 glänzt die Branche mit einem Umsatzplus von rund sieben Prozent. 2006 sollen es mindestens zehn Prozent sein. Das Fußballereignis ist aber nicht nur ein Umsatz-, sondern auch ein Psychofaktor. "Das deutsche Problem ist, daß die Stimmung immer schlechter ist als die Lage", sagt Wolfgang Twardawa, Marketingleiter der Gesellschaft für Konsumforschung GfK. "Wenn der Klinsmann ein psychologisches Konjunkturprogramm hinbekommt, dann schaut es auf jeden Fall gut aus."
Die Mehrwertsteuer. 2007 soll die Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte steigen. Der kluge Konsument kauft also vor. Alles, was teuer ist, vom Auto über die Küche bis zu Spülmaschine und Sofalandschaft. Allein der Verband der Automobilindustrie (VDA) erwartet 50 000 bis 80 000 zusätzliche Neuzulassungen. "Wir erhalten Rückenwind durch attraktive Modelle, den steigenden Ersatzbedarf sowie einen Vorzieheffekt zum Jahresende", sagt VDA-Präsident Bernd Gottschalk. Anfang 2007 könne es zu einer entsprechenden Unterauslastung kommen. Aber: Sollten die Verbraucher wieder Vertrauen fassen, sei auch eine robustere Konjunktur möglich. Auch die Haushaltsgerätebranche rechnet bei Kühlschrank und Co. mit drei Prozent mehr Umsatz nach minus drei Prozent 2005 - ahnt aber die Delle danach. Und Thomas Grothkopp, Geschäftsführer des Bundesverbandes des Deutschen Möbel-, Küchen- und Einrichtungsfachhandels, hat zumindest die Hoffnung, der vorgezogene Kaufrausch könne die Möbelkäufer auch auf Dauer weniger sparsam machen.
Wie nachhaltig wird der Aufschwung
Der Nachholbedarf. Die Deutschen haben so lange gespart, daß in Garagen, Wohnzimmern und Küchen das Inventar ein früher undenkbares Alter erreicht hat. So ist das deutsche Durchschnittsauto fast neun Jahre alt. Die GfK weiß, daß die Konsumenten größeren Anschaffungen 2006 wohlwollender gegenüberstehen. Marketingfachleute berichten von einer Renaissance der Markenprodukte. Viele Deutsche sind bereit, Geld für Qualitätsprodukte auszugeben.
Die Warnung. Wird der Aufschwung nachhaltig sein und sich 2007 und vielleicht noch 2008 fortsetzen? Das wäre eine wichtige Voraussetzung für einen spürbaren Rückgang der Arbeitslosigkeit. GfK-Optimist Twardawa sieht im Aufschwung 2006 jedenfalls mehr als nur ein Strohfeuer, glaubt an die allgemeine Klimaverbesserung qua Sondereffekt - und an eine nachhaltige Entwicklung 2007.
Woher stammt das Geld für den Kaufrausch? Aus der hohen Sparquote von elf Prozent, meint Twardawa. Schmilzt sie um nur ein Prozent, mache das rund 16 Milliarden Euro mehr für die Binnenkonjunktur. Doch das muß nicht so kommen. Thomas Straubhaar vom HWWI-Institut in Hamburg und Joachim Scheide vom Kieler Institut für Weltwirtschaft fürchten, der Aufschwung des Jahres 2006 werde einmalig bleiben.
Gerald Braunberger Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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