Nach der Abkühlung in Europa und den Vereinigten Staaten schwächt sich auch das Wachstum in China ab, der dritten großen Wirtschaftsregion auf der Erde. Das verstärkt die Sorge, dass sich die Krise in den Industrieländern auf die Schwellenländer ausweiten könnte und dass zugleich die Nachfrageschwäche aus Fernost die Lage in der Weltwirtschaft verschärft.
Im zweiten Quartal stieg das chinesische Bruttoinlandsprodukt nur noch um real 7,6 Prozent gegenüber dem zweiten Quartal 2011, wie das Statistikamt am Freitag bekanntgab. Damit ging das Wachstum zum sechsten Mal in Folge zurück - auf den schwächsten Quartalswert seit Anfang 2009 inmitten der Finanzkrise. Selbst im zweiten Quartal 2009 war das Wachstum höher als heute. Im Vorquartal dieses Jahres hatte die Zunahme noch 8,1 Prozent betragen.
Auch die Erwartungen sind schwach
Am Donnerstag hatte die Asiatische Entwicklungsbank ADB ihre Erwartungen für das Gesamtjahr auf 8,2 Prozent nach unten korrigiert. So schwach ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt seit zehn Jahren nicht gewachsen. Dennoch zeigten sich die Finanzmärkte und viele Fachleute beruhigt, da die neuen Zahlen in etwa den Erwartungen entsprachen. Zuvor hatten Spekulationen die Märkte verunsichert, das Wachstum sei auf bis zu 7 Prozent gestürzt.
„Wir denken, dass die Talsohle erreicht ist“, sagte Li Huiyong, vom Wertpapierhaus Shenyin and Wanguo Securities in Schanghai. Doch es gibt auch skeptischere Stimmen. Angesichts der schwierigen Lage in der EU und in Amerika, Chinas wichtigsten Märkten, sei vom Außenhandel wenig zu erwarten, sagte Lu Ting von der Bank of America in Hongkong. Deshalb hoffe man auf die Inlandsnachfrage.
China kauft weniger - das trifft auch die Industrieländer
Die Anlageninvestitionen hätten im Juni stärker zugenommen als im Mai, ebenso der reale Zuwachs im Einzelhandel. Allerdings expandierte die Industrie im Ganzen schwächer als zuvor. Auch das Wachstum im Absatz wichtiger Güter wie Kraftfahrzeuge ist erlahmt.
Auf diese Weise könnte die Abkühlung in China in die Industrieländer zurückschwappen. Denn das Land ist für viele Branchen der wichtigste Markt, etwa für den deutschen Auto- und Maschinenbau. Als erste westliche Konzerne haben der englische Luxushersteller Burberry und der amerikanische Chipproduzent AMD vor den Gefahren des Chinageschäfts für ihre Geschäftszahlen gewarnt.
Die Führung in Peking versucht gegenzusteuern
Bankfachleute wie Lu erwarten eine weitere Lockerung der Geldpolitik in China. In der vergangenen Woche hatte die Zentralbank zum zweiten Mal innerhalb eines Monats die Zinsen gesenkt. Zudem will die Regierung die Wirtschaft durch schnellere Genehmigungen, gezielte Steueranreize und Investitionen anfachen. Der Ruf nach neuen Stimulusprogrammen könnte jetzt lauter werden. Ein Konjunkturpaket wie das von 2009 über 500 Milliarden Euro gilt aber als unwahrscheinlich.
Die Führung in Peking hat das Land seit längerem auf eine ungünstigere Lage vorbereitet, zuletzt warnte der scheidende Ministerpräsident Wen Jiabao vor großen Herausforderungen. Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei und der Staatsrat als Regierung - die beiden wichtigsten Entscheider im Land - müssten auf eine schwierige wirtschaftliche Situation reagieren, „zuhause und im Ausland“, sagte ein Sprecher des staatlichen Statistikamt am Freitag. Man schenke deshalb „dem stetigen Wachstums mehr Aufmerksamkeit“.
Inflations- und Blasengefahr schrumpft
Diese Wachstumsorientierung löst das Primat der Inflations- und Blasenbekämpfung ab. Die Teuerung war zuletzt deutlich zurückgegangen, auch am Häusermarkt. Bei den Herstellungspreisen gibt es sogar eine Deflation. Kritiker befürchten, dass das Ziel der Wachstumsankurbelung den nötigen Umbau der Wirtschaft abermals verzögert, ähnlich wie in der Finanzkrise. „China braucht Strukturreformen, nicht bloß ein geld- und fiskalpolitisch beflügeltes Wachstum“, sagte Dong Tao von Credit Suisse in Hongkong.
Auch andere asiatische Länder leiden unter der verhaltenen Entwicklung. In Singapur wuchs die Wirtschaft im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mit 1,9 Prozent deutlich schlechter als erwartet. Verglichen mit dem Vorquartal schrumpfte die Leistung sogar um 1,1 Prozent, wie das Handelsministerium mitteilte. Zuvor hatte die Asiatische Entwicklungsbank ihre Vorhersage für ganz Asien nach unten revidiert.
Um die Chinesen müssen wir uns nun wirklich keine Sorgen machen.
Otto Meier (DerQuerulant)
- 13.07.2012, 17:22 Uhr
