13.01.2005 · Nach fast dreijähriger Stagnation ist die deutsche Wirtschaft 2004 deutlich um 1,7 Prozent gewachsen. Treibende Kraft war der Export. Das Finanzierungsdefizit des Staates lag bei 3,9 Prozent.
Nach einer fast dreijährigen Phase der Stagnation ist die deutsche Wirtschaft 2004 real um 1,7 Prozent gewachsen. Treibende Kraft war der Export, der um 8,2 Prozent zulegte. Das Finanzierungsdefizit des Staates lag - als Folge der höheren Bundesschuld - bei 3,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und zum dritten Mal nacheinander über der europäischen Maastricht-Norm von 3 Prozent. Diese vorläufigen Angaben hat das Statistische Bundesamt in Wiesbaden vorgelegt.
Der Präsident des Statistischen Bundesamts, Johann Hahlen, sagte, die außerordentlich lange Phase der Stagnation scheine durchschritten. Die Wirtschaft habe eine deutliche Belebung erfahren. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) sagte in Berlin, 2005 werde die wirtschaftliche Erholung an Kraft und Breite gewinnen. Das Finanzministerium bekräftigte abermals, daß eine stärkere Haushaltskonsolidierung im vergangenen Jahr falsch gewesen wäre. Das vorläufige Staatsdefizit liegt mit 3,9 Prozent über den Erwartungen der Bundesregierung von 3,7 Prozent.
Hohes Wachstum, aber Schlußlicht
Das überdurchschnittlich hohe Wirtschaftswachstum dürfe man nicht mit Verweis auf die höhere Zahl an Arbeitstagen kleinreden, sagte Hahlen. Es sei gelungen, die rechnerisch um 4,7 Tage höhere Zahl an Arbeitstagen in Wertschöpfung umzusetzen. Ohne die zusätzlichen Arbeitstage wäre das BIP rechnerisch 1,1 statt 1,7 Prozent gewachsen. Von 1992 bis 2004 legte die Wirtschaftsleistung jahresdurchschnittlich um 1,2 Prozent zu.
2004 gehörte Deutschland international indes zu den Schlußlichtern. Für die Europäische Union sei mit einem Wachstum von 2,4 Prozent, für die Vereinigten Staaten mit 4,4 Prozent und für Japan mit 4,2 Prozent zu rechnen, sagte Hahlen.
Kaum Wirkung auf Arbeitsmarkt
Die wirtschaftliche Erholung in Deutschland kam 2004 auf dem Arbeitsmarkt nur zum Teil an. Die Zahl der Erwerbslosen, gemessen nach europäischem Standard, erhöhte sich um 82.000 auf 3,9 Millionen Personen. Die Erwerbslosenquote stieg von 9,1 auf 9,3 Prozent und lag so hoch wie zuletzt 1997.
Die Wirtschaftsleistung wurde im Jahresdurchschnitt von 38,4 Millionen Erwerbstätigen erarbeitet. Zum ersten Mal seit 2001 erhöhte sich die Zahl der Erwerbstätigen - um 128.000 oder 0,3 Prozent. Die Wettbewerbsfähigkeit der Arbeit nahm zu: Die Lohnkosten je Stunde stiegen nur um 0,1 Prozent; das hat es in den vergangenen 30 Jahren nie gegeben. Die Arbeitsproduktivität je Stunde wuchs um 1,3 Prozent. Die Lohnstückkosten je Stunde fielen damit um 1,1 Prozent, zum ersten Mal seit 1997.
Zuwachsraten überall, nur nicht am Bau
Mit Ausnahme des Baugewerbes trugen alle Wirtschaftsbereiche zum Wachstum bei. Besonders stark stieg die reale Bruttowertschöpfung im produzierenden Gewerbe (ohne Bau) um 4,7 Prozent, vor dem Agrarbereich mit 3 Prozent. Handel, Gastgewerbe und Verkehr erwirtschafteten 2,1 Prozent mehr. Im Bereich Finanzdienstleistungen und Vermietungen ergab sich ein Plus von 1,6 Prozent; sonstige öffentliche und private Dienste wuchsen um 0,1 Prozent. Das Baugewerbe verlor 2,4 Prozent und damit weniger als zuvor (minus 4,4 Prozent). Seit der Wiedervereinigung ist der Bau in elf von vierzehn Jahren geschrumpft.
Abhängig vom Export
Die Angaben zur inländischen Verwendung belegen die Abhängigkeit des Wachstums vom Außenhandel und die schwache Binnennachfrage. Der Export stieg so stark wie seit 2000 nicht mehr. Hahlen sprach von einer außerordentlichen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Der Außenbeitrag, Export minus Import, trug rechnerisch 1,2 Prozent zum Wirtschaftswachstum bei. Der Beitrag der Binnennachfrage verharrte bei plus 0,5 Prozent.
Einen Lichtblick gab es bei den Investitionen in Maschinen und Fahrzeuge, die zum ersten Mal seit 2000 zulegten (um 1,2 Prozent). Dagegen verringerten sich die Investitionen in Bauten abermals (minus 2,5 Prozent). Das ließ die Bruttoanlageinvestitionen insgesamt fallen. Der private Konsum schrumpfte, bereinigt um die Inflation von 1,6 Prozent - obwohl die Steuerreform für Entlastung sorgte.
Abgeschwächte Konsumzurückhaltung
Brutto stiegen Löhne und Gehälter in nominaler, nicht preisbereinigter Rechnung um 0,1 Prozent, netto dagegen um 1,6 Prozent. Die Lohnsteuerzahlungen der Arbeitnehmer seien stark um 5,7 Prozent gefallen, die Sozialbeitragszahlungen nur leicht um 0,7 Prozent gestiegen, teilte das Bundesamt mit.
Das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte stieg nominal um 1,3 Prozent, im gleichen Ausmaß wie die privaten Konsumausgaben. Das deutet auf eine Abschwächung der Konsumzurückhaltung hin, wenngleich die Sparquote auf 10,9 Prozent stieg, den höchsten Stand seit 1995. Von 2001 bis 2003 lag der Konsumzuwachs immer unter dem Plus der verfügbaren Einkommen.
In jeweiligen Preisen gerechnet, erwirtschafteten die Deutschen 2004 ein Bruttoinlandsprodukt von 2178 Milliarden Euro. Das Volkseinkommen erhöhte sich um 3 Prozent auf nominal 1616 Milliarden Euro; das sind 19.600 Euro je Einwohner. Das Bundesamt wird Ende Februar neue Berechnungen zum BIP vorlegen.
Kapital gewinnt
Die Unternehmens- und Vermögenseinkommen sind 2004 um 10,7 Prozent auf 484 Milliarden Euro gewachsen - so schnell wie seit der deutschen Vereinigung nicht mehr. Doch stagnierten die Arbeitnehmerentgelte bei 1132 Milliarden Euro. Gemessen am Volkseinkommen, fiel die Lohnquote von 72,1 auf 70,2 Prozent. Zuletzt lag sie 1991 in Westdeutschland niedriger. Ökonomen warnen davor, diese Größe als Maß für die personelle Einkommensverteilung zu lesen. Das Arbeitnehmerentgelt umfaßt die Bruttoeinkommen und Sozialbeiträge der Arbeitgeber für alle abhängig Beschäftigten, also auch für Manager. Die Unternehmens- und Vermögenseinkommen umfassen vor allem die betrieblichen Überschüsse und Einkommen Selbständiger. Das Einkommen des klassischen Arbeitnehmers wird heute aus beiden Kategorien gespeist: Arbeitslohn und Zinsen für das ersparte Kapital. (pwe.)
| Name | Kurs | Prozent |
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| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2468 | −0,17% |
| Rohöl Brent Crude | 106,35 $ | −0,47% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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