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Kommentar Spiel mit Inflationserwartungen

Die Notenbanken kriegen die Konjunktur nicht in Schwung, obwohl sie viel Geld bereitstellen. Jetzt kommt ein Vorschlag: Sie sollen den Bürgern Angst vor Inflation machen. Das ist gefährlich.

© dpa Vergrößern Die Notenbanken drucken Geld, doch die Konjunktur bleibt mau. Was tun?

Die Konjunktur kommt in den Industrienationen nicht in Schwung, obgleich in vielen Ländern in den vergangenen Jahren eine expansive Geld- und Finanzpolitik betrieben worden war. Da expansive Finanzpolitik wegen der hohen Staatsverschuldungen an ihre Grenzen stößt und im Gegenteil eine finanzpolitische Konsolidierung auf der Tagesordnung stehen müsste, richten sich die Hoffnungen der Regierungen auf die Geldpolitik als Wachstumsbeschleuniger

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Die Zentralbanken in den Industrienationen haben ihre Leitzinsen aber nicht nur bereits auf nahe null Prozent gesenkt. Sie haben auch außergewöhnliche Maßnahmen ergriffen wie den umfangreichen Kauf von Staatsanleihen oder, wie in der Schweiz, den Kauf von Fremdwährungen, um den Wechselkurs zu stabilisieren. Die Geldpolitik befindet sich im Spannungsfeld von Preisniveausicherung, Konjunkturbelebung und Stabilisierung des Finanzsystems schon im Zustand der Überforderung.

Die Idee: Angst machen vor der Inflation

Nun erwägen Fachleute, darunter der designierte Gouverneur der Bank von England, Mark Carney, der Geldpolitik eine zusätzliche Aufgabe zuzuweisen: Sie soll die Konjunktur beleben, indem sie Angst vor Inflation erzeugt. Das Konzept mag verrückt klingen, es besitzt aber eine innere Logik. Es ist aber auch sehr gefährlich.

Die Anhänger dieses Konzepts gehen von der nicht selbstverständlichen Annahme aus, dass die Geldpolitik in jeder Situation über die Macht verfügt, die Konjunktur zu beleben. Daraus ziehen sie den Schluss, dass die aktuell in den Industrienationen betriebene Geldpolitik keineswegs (zu) expansiv ist, wie viele andere Fachleute meinen, sondern viel zu restriktiv. Denn, so argumentieren sie, wäre die Geldpolitik tatsächlich expansiv, würde die Konjunktur viel besser laufen.

Wenn die Wirtschaft nicht wächst, sollen wenigstens die Preise steigen

Konkret soll die Zentralbank ihre Geldpolitik nicht an der Inflationsrate oder einer Geldmenge ausrichten, sondern am „nominalen Bruttoinlandsprodukt (BIP)“. Diese Idee wurde in den achtziger Jahren von amerikanischen Ökonomen vorgestellt, geriet aber in Vergessenheit, ehe sie im Zuge der aktuellen Krise wieder das Tageslicht erblickte. Im konkreten Fall würde eine Zentralbank ankündigen, sie strebe ein Wachstum des nominalen BIP von beispielsweise 5 Prozent im Jahr an. Das nominale BIP errechnet sich aus dem realen BIP und dem Preisniveau.

Mit einer Wachstumsrate des nominalen BIP um 5 Prozent wäre also im Extremfall sowohl ein reales Wirtschaftswachstum von 5 Prozent bei Nullinflation vereinbar, aber auch eine Inflationsrate von 5 Prozent bei Nullwachstum. Da gegenwärtig nicht zu sehen ist, wie kurzfristig starkes reales Wachstum entstehen soll, liefe ein nominales BIP-Ziel de facto auf die Ankündigung der Zentralbank hinaus, sie strebe eine höhere Inflationsrate an.

Wer Inflation fürchtet, gibt sein Geld schneller aus

Wenn die Menschen fürchten, dass sich ihr Geld schneller entwertet als bisher gedacht, werden sie ihr Geld schneller ausgeben. Dadurch steigen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und das Wirtschaftswachstum. Falls die Inflationsrate in der Folge außer Kontrolle geraten sollte, greift die Zentralbank bremsend ein.

Was geschieht, wenn viele Menschen eine höhere Inflationsrate fürchten, lässt sich seit einiger Zeit in Deutschland beobachten. Zwar spricht sich die Europäische Zentralbank nicht für höhere Inflationsraten aus, aber viele Menschen in Deutschland haben nur noch wenig Vertrauen in dieses Stabilitätsversprechen. Über eine stärkere Bautätigkeit mag sich die Inflationsfurcht in den vergangenen Quartalen durchaus in zusätzlichem Wirtschaftswachstum niedergeschlagen haben, aber dieser Effekt ist vermutlich nur vorübergehend.

Wenn die Reputation der Notenbanken verlorengeht, ist sie schwer wieder herzustellen.

Die längerfristigen Schwierigkeiten dieses geldpolitischen Konzepts sind erheblich. Die Zentralbanken haben viele Jahre gebraucht, um Reputation als Geldwertsicherer aufzubauen. Geht diese Reputation verloren, lässt sie sich so leicht nicht wieder herstellen. Indem die Befürworter annehmen, eine Zentralbank könne nach Belieben die Inflationserwartungen der Menschen mal in die eine und mal in die andere Richtung lenken, unterliegen sie einem technokratischen Machbarkeitswahn. Die Reputation der Zentralbanken ist in dieser Krise schon beschädigt; sie sollten mit dem Rest des noch in sie gesetzten Vertrauens vorsichtig umgehen.

Die Ökonomen Francesco Bianchi und Leonardo Melosi haben in einer aktuellen Arbeit gezeigt, wie die Reputation einer Zentralbank über Jahrzehnte erodieren kann und in hohen Inflationsraten endet. Dazu trägt bei, dass die Erwartung höherer Inflationsraten nicht nur die Güterpreise, sondern auch die Preise für Vermögensgüter steigen lässt, absehbar an sehr stark steigenden Immobilienpreisen in deutschen Metropolen. Solche spekulativ verzerrten Preise begünstigen wiederum die Fehlleitung von Kapital.

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Krisen, die ihre Ursache zu einem erheblichen Teil in kreditfinanzierten Vermögenspreisblasen und aufgeblähten Bankbilanzen finden, dauern nach der Erfahrung lange. Angemessene Geld- und Finanzpolitik kann den Absturz einer krisengeplagten Wirtschaft in eine schwere Depression verhindern, aber sie sind keine Wundermittel, mit denen sich automatisch hohes Wirtschaftswachstum erzeugen lässt. Die Geldpolitik wird schon überfordert; auf ein Spiel mit Inflationserwartungen sollte sie sich nicht auch noch einlassen.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 21.12.2012, 09:06 Uhr

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