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Kommentar Der Funke kann zünden

Im neuen Jahr werden die Wechselkurse zum Kern jeder Konjunkturbeobachtung. Denn wenig dürfte die Prognosen der wirtschaftlichen Entwicklung 2004 so sehr beeinflussen wie die Entwicklung des Tauschverhältnisses von amerikanischem Dollar und Euro.

Im neuen Jahr werden die Wechselkurse zum Kern jeder Konjunkturbeobachtung. Denn wenig dürfte die Prognosen der wirtschaftlichen Entwicklung 2004 so sehr beeinflussen wie die Entwicklung des Tauschverhältnisses von amerikanischem Dollar und Euro. Wechselkurse sind als Marktpreise Signale. Sie lenken die Wünsche und Begehren der Menschen in Richtungen und auf Ziele, die kein zentraler Planer gesetzt hat und die doch der größeren Effizienz des wirtschaftlichen Miteinanders dienen. Diese Erkenntnis des Ökonomen Friedrich August von Hayek bildet den Kern jeder Wirtschaftstheorie.

Schon die bisherige Abwertung des Dollar ist ein Signal für die große Verschiebung, die die europäische und die amerikanische Volkswirtschaft in den kommenden zwölf Monaten erleben dürften: die Verschiebung der Antriebskräfte der Wirtschaft. Das jedenfalls prognostizieren Konjunkturbeobachter in großem Einklang. Dabei geht es nicht um einen transatlantischen Wandel, wie er noch vor Jahren vergeblich mit der Wunschprognose gehegt wurde, der Euro-Raum möge die Vereinigten Staaten als Wachstumslokomotive ablösen. Alle Prognostiker rechnen zu diesem Jahresbeginn damit, daß die Wirtschaft der Vereinigten Staaten 2004 abermals schneller wachsen wird als die europäische. Das erwartete Wirtschaftswachstum von vier Prozent und mehr für Amerika liegt dabei um mehr als das Doppelte über den Prognosen für den Euro-Raum, die mit zwei Prozent beziffert werden. Im vergangenen Jahr war der Unterschied in den Wachstumsraten - rund drei gegenüber 0,5 Prozent - zwar noch relativ höher. Die Wachstumsführerschaft Amerikas aber ist auch 2004 nicht in Gefahr.

Die Abwertung des Dollar zeigt indes eine andere Verschiebung an, die Amerikanern und Europäern bevorstehen dürfte. Es geht um den Wechsel der jeweiligen Antriebskräfte des Aufschwungs. Wie in den vergangenen Jahren zieht derzeit in den Vereinigten Staaten die Binnennachfrage die Wirtschaft. Ein schwächer werdender Dollar bereitet darauf vor, daß die ausländische Nachfrage nach amerikanischen Waren und Dienstleistungen 2004 einen größeren Teil der Zugleistung übernehmen dürfte. Der schwächere Dollar lenkt die Nachfrage der Amerikaner verstärkt auf heimische und die Nachfrage des Rests der Welt verstärkt auf amerikanische Produkte.

Das ist erwünscht. Im Sommer laufen in den Vereinigten Staaten die konsumstützenden Steuererleichterungen aus; auch die Regierung wird zumindest beginnen müssen, weniger auf Kredit zu kaufen. Dennoch erwarten Konjunkturforscher, die amerikanische Wirtschaft werde in der zweiten Jahreshälfte 2004 weiter, wenn auch abgeschwächt wachsen. Diese Hoffnung ruht auch darauf, daß der durch die Dollar-Abwertung angestoßene Prozeß der Nachfrageverschiebung im Außenhandel richtig in Gang kommt. Entgegengesetzt verlaufen die Erwartungen für den Euro-Raum und gerade für Deutschland: Die exportgetriebene Erholung der zweiten Jahreshälfte 2003 soll sich zum selbsttragenden Aufschwung wandeln, indem die Binnennachfrage anspringt.

Der erstarkende Euro ist für diese Verschiebung Fingerzeig und helfende Hand zugleich, weil er die hiesigen Realeinkommen stützt. Die Erwartung der Konjunkturforscher gründet sich aber vor allem auf die Hoffnung, daß leichte Steuerentlastungen und eine niedrige Teuerungsrate den privaten Konsum stärken. Das ist plausibel. Zudem sollen zunehmende Investitionen der Unternehmen die Binnenwirtschaft anschieben. Die finanzielle Lage der Gesamtheit der Unternehmen gerade in den großen Euro-Staaten Deutschland und Frankreich ist mittlerweile so, daß dieser Funke zünden kann. Hierauf fußt Optimismus, der sich auch in der Erwartung eines stärkeren Euro niederschlägt.

Diese nüchterne Sichtweise des Tauschkurses zwischen Dollar und Euro führt weg von einer rein auf den Export fixierten Sicht, der abwertende Dollar werde den Euro-Raum 2004 abermals in die Stagnation oder gar in die Rezession stürzen lassen. Dagegen spricht einiges: Einem rapiden Dollarverfall steht entgegen, daß die amerikanische Wirtschaft Wachstumsführer bleiben und den Zinsvorsprung 2004 überzeugend zurückgewinnen dürfte. Das dämpft Gelüste auch asiatischer Notenbanken, Kapital aus den Vereinigten Staaten abzuziehen. Unabhängig davon verheißt die Erholung der Weltwirtschaft dem Euro-Raum und Deutschland ein deutliches Plus in der Ausfuhr - trotz Euro-Stärke. Es stimmt: Das Plus wäre größer, wäre der Euro niedriger bewertet. Doch ist die Verschiebung der wirtschaftlichen Antriebskräfte in den Vereinigten Staaten und in Europa Voraussetzung dafür, daß die Weltwirtschaft insgesamt zu einem gedeihlicheren Wachstum findet. Die Aufwertung des Euro zum Dollar spiegelt diese Verschiebung wider und stößt sie an. Darüber zu klagen wäre unklug.

Für die Wirtschaftspolitik ist die Verschiebung der wirtschaftlichen Kräfte Nebenbedingung und Auftrag zugleich. Nebenbedingung, weil die Regierenden ihr wenig entgegensetzen können. Auftrag, weil die im Wechselkurs angezeigte Richtung des wirtschaftlichen Wandels um so leichter einzuschlagen ist, wenn die Regierungen mitspielen. Für die amerikanische Regierung heißt das, ihr Haushaltsdefizit in den Griff zu bekommen. Im Euro-Raum sind die Deregulierung von Arbeits- und Gütermärkten und weitere Steuer- und Abgabensenkungen geboten, damit die Wirtschaft schneller auf die Binnenkräfte umschalten kann. Die Notenbanken täten gut daran, den Wechselkurs als relativen Preis wahrzunehmen, der am besten unverfälscht Signale gibt. Eines ist allen diesen Aufgaben gemeinsam: Sie lenken das Augenmerk auf den Handlungsbedarf im Inneren. Das ist hilfreicher als der starre Blick auf den Euro-Dollar-Kurs.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.01.2004, Nr. 1 / Seite 11

 
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Veröffentlicht: 01.01.2004, 17:52 Uhr

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Von Sven Astheimer

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