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Karikaturenstreit EU warnt vor Handelsboykott gegen Dänemark

03.02.2006 ·  Die dänische Wirtschaft steht vor einer bisher nicht gekannten Situation. Laut Jyske Bank könnte ein halbjähriger Boykott dänischer Produkte wegen des Karikaturenstreits 11.000 Arbeitsplätze und Exporte von 1,3 Milliarden Euro kosten.

Von Robert von Lucius, Kopenhagen
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Der Boykott gegen dänische Waren und Dienstleistungen hat sich in den vergangenen Tagen wie ein Flächenbrand in arabischen und muslimischen Ländern ausgebreitet. Dem Mittleren Osten und Nordafrika könnten bald Pakistan und Indonesien folgen.

Das ägyptische Parlament beschloß, dänische Waren sollten boykottiert werden, um gegen die im vergangenen September von der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ abgedruckten Karikaturen des Propheten Mohammed zu protestieren. In Saudi-Arabien, seinem größten Exportmarkt, mußte der dänisch-schwedische Molkereikonzern Arla eine Fabrik schließen. In Dänemark wurden 125 Arla-Mitarbeiter für vorerst zehn Wochen beurlaubt.

Der Außenhandelskommissar der EU, Peter Mandelson, warnte Saudi-Arabien und Ägypten, ein Boykott gegen Dänemark werde als gegen die EU gerichtet betrachtet. Falls es sich zeigen sollte - was Riad bestreitet -, daß hinter dem Verbraucherboykott staatliche Stellen steckten, werde die EU erwägen, Riad und Kairo vor die Welthandelsorganisation WTO zu bringen, der Saudi-Arabien erst vor zwei Monaten beigetreten war. Sie kann bei einem Staatsboykott eine Entschädigung vorschreiben. Mandelson sagte beim Treffen der EU-Handelsminister zu, bei seiner Fahrt nach Oman an diesem Wochenende die Kontroverse anzusprechen.

Noch nie Vergleichbares erlebt

Zahlreiche dänische Konzerne und der Wirtschaftsdachverband „Dansk Industri“ befürchten eine Ausweitung des Boykotts. „Dansk Industri“ weist auf zahlreiche Berichte über abgebrochene Geschäftsbeziehungen und einen „harten Boykott“ hin. Er gab dem Druck schon nach, indem er in einem offenen Brief die „Jyllands-Posten“ aufforderte, sich zu entschuldigen, was diese mittlerweile nach drei Monaten Zögern auch tat. Eine Sprecherin des Industrieverbandes sagte, man habe noch nie etwas Vergleichbares erlebt.

Unterdessen fordert eine rechtspopulistische dänische Partei ihre Anhänger auf, nicht mehr in muslimischen Läden in Dänemark zu kaufen, während der Fraktionsvorsitzende der liberalen Regierungspartei Venstre vor einem solchen Gegenboykott warnt. Amerikanische Internetgruppen rufen dazu auf, gezielt dänische Waren zu kaufen, um dessen bedrängter Wirtschaft beizustehen und ein Zeichen zu setzen, daß Drohungen gegen die Meinungsfreiheit ohne Erfolg bleiben.

Am stärksten unter dänischen Konzernen wird Arla getroffen, die auch auf dem deutschen Markt engagierte größte genossenschaftliche Molkerei Europas. Saudi-Arabien ist nach den Heimatmärkten Dänemark, Schweden und Großbritannien ihr größter Markt mit dem Verkauf etwa von Schmelzkäse und Feta im Wert von täglich mehr als einer Million Euro. Der Boykott begann mit dem Freitagsgebet in der vergangenen Woche, bei dem in saudiarabischen Moscheen gezielt gegen Arla-Produkte aufgerufen wurde. Als Folge wurden die Fabrik in Riad mit 800 Mitarbeitern geschlossen, eine geplante Investition von 55 Millionen Euro eingefroren und Mitarbeiter im dänischen Bislev, die für den nahöstlichen Markt produzierten, beurlaubt. Eine Arla-Sprecherin sagte, in fünf Tagen werde zerstört, was in vier Jahrzehnten aufgebaut worden sei.

Liste des Verbraucherboykotts

Der Geschäftsführer von Arla, Peder Tuborgh, sagt, das Dramatischste und Beunruhigendste sei, daß der Boykott „von unten“ komme und es keine Zeichen gebe für eine Steuerung von oben. Der Markt sei stark zersplittert mit etwa 20.000 Einzelhändlern, die selbständig entschieden, daß sie nicht mehr dänische Produkte - neben Arla-Produkten ist besonders eine dänische Apfelsinensaftmarke betroffen - verkaufen wollten und entsprechende Schilder in ihren Läden aufhängten.

Viele Kunden, auch ältere, lesen derzeit aufmerksam Schilder auf den Waren oder fragen nach ihrem Ursprung. Dabei ist oft nicht gewiß, aus welchem Land Waren kommen. So geraten derzeit Schokolade aus Italien und Milch aus der Schweiz auf die Liste des Verbraucherboykotts. Dieser hat andere Länder wie Jemen, Katar, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate und Kuweit erfaßt und in Ansätzen nordafrikanische Staaten wie Algerien und Tunesien.

Die Auswirkungen auf andere dänische Produkte sind unterschiedlich. Apotheken entfernen dänische pharmazeutische Produkte etwa von Novo Nordisk aus ihren Regalen. Der Spielzeugkonzern Lego, der Hersteller von Nahrungsmittelzusätzen Danisco oder die Maschinenbaugruppe Grundfos sehen dagegen bisher kaum Auswirkungen. Der Hersteller von Elektronik der Oberklasse, Bang & Olufsen, befürchtet Auswirkungen auf sein Nahostgeschäft. Dänische Geflügelzüchter sprechen von einem zweiten Rückschlag nach der Sorge vor der Vogelgrippe.

Mögliches Boykottziel

Der größte dänische Konzern, die Reederei A.P. Moller-Marsk, ist zwar in einer arabischen Fernsehsendung als mögliches Boykottziel genannt worden, blieb bisher aber verschont; ihre Sprecher meiden eine Stellungnahme zu der Kontroverse um die Karikaturen. Verluste aus einem Verbraucherboykott werden als politisches Risiko nicht von Industrieversicherungen abgedeckt.

Die dänische Jyske Bank hat berechnet, daß ein Boykott, der ein halbes Jahr währt, aber sich nicht auf muslimische Länder außerhalb des Nahen Ostens ausdehnt, Dänemark mehr als 11.000 Arbeitsplätze und Exporte von 1,3 Milliarden Euro kosten könne. Dagegen weisen Analysten auf gesamtwirtschaftlich beschränkte Auswirkungen hin: Dänische Exporte in den Nahen Osten betrügen nur 1,1 Prozent der Gesamtausfuhren und lägen deutlich etwa unter jenen nach Irland. Selbst die Ausfuhr in alle muslimischen Länder zusammen liege nur bei 3Prozent der gesamten Exporte.

Quelle: F.A.Z., 04.02.2006, Nr. 30 / Seite 15
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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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