Jagdish Bhagwati ist einer der führenden Handelstheoretiker in der Welt. Der 72 Jahre alte, aus Indien stammende Ökonom ist ein überzeugter Verfechter der Globalisierung und des freien Welthandels. Im Gespräch macht er Europäern und Amerikanern Mut, im Wettbewerb mit China und Indien zu bestehen. Allerdings sei die Zeit der Gemütlichkeit vorüber, alte Gewohnheiten müßten abgelegt werden, sagt Bhagwati, der seit Jahren als Anwärter auf den Nobelpreis gilt, diesen aber zu seiner eigenen Enttäuschung bisher nicht erhalten hat. Er lehrt und forscht seit Jahren an der Columbia Universität in New York.
Professor Bhagwati, in Deutschland geht die Angst um: China und Indien werden wirtschaftlich immer mächtiger und bedrohen Arbeitsplätze und Wohlstand. Ist diese Sorge berechtigt?
Nein, das ist sie nicht. Die Argumentation, die hinter einem solchen Szenario steckt, ist ökonomisch auch nicht plausibel, sie ergibt keinen Sinn.
Weshalb?
Nehmen Sie das Beispiel Japans. In den achtziger Jahren dachten doch viele, Japan werde zur bestimmenden Wirtschaftsmacht des 21. Jahrhunderts. Dazu ist es nicht gekommen, weil den Japanern Fehler unterlaufen sind, beispielsweise im Finanzsystem. Oder sehen Sie sich Indien und China an: Indien ist gut in der Computersoftware, nicht aber in der Hardware. China hingegen ist gut in der Hardware, schlecht in der Software. Da spielen politische Faktoren eine Rolle: In Indien ist das produzierende Gewerbe stark reguliert, und in China verträgt sich der Kommunismus mit seinen autoritären Strukturen nicht mit der Kreativität, die zur Herstellung von innovativer Software nötig ist. Was ich damit sagen will, ist folgendes: Die Globalisierung macht die Welt nicht flach, sie ebnet nicht alle Unterschiede ein. Auch die Kultur und die Politik spielen eine Rolle. Deutschland oder auch Frankreich und Amerika werden auch künftig auf manchen Feldern komparative Vorteile gegenüber Ländern wie China und Indien haben, die ihnen im Handel einen Vorsprung verschaffen.
Aber Arbeitskraft kostet doch dort nur einen Bruchteil dessen, was in Europa oder Amerika bezahlt werden muß.
Während meiner Jugend in Indien blickten viele voller Neid auf den Westen und seine hochentwickelte Wirtschaft: „Damit können wir, die wir nichts haben außer billiger Arbeitskraft, doch niemals konkurrieren“, hieß es. Nun hört man im Westen: Die Löhne in China, Indien und so weiter sind so niedrig, damit können wir niemals mithalten, weil dort dasselbe Kapital und dasselbe Know-how zur Verfügung stehen.
Das entkräftet das Argument aber noch nicht.
Selbst wenn es so wäre, wie manche sagen, dann gibt es immer noch den Wechselkurs, über den eine Anpassung erfolgen kann. Eine wachsende Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen der Billiglohnländer führt tendenziell zu einem steigenden Außenwert ihrer Währungen.
China läßt doch eine nennenswerte Aufwertung des Wechselkurses nicht zu.
Das ist in der Tat ein Problem. Aber es wird vorübergehen. Auf Dauer ist es aus Sicht der Chinesen nicht sinnvoll, einen so riesigen Berg von Währungsreserven aufzubauen. Sie verdienen doch kaum etwas daran, das Geld in amerikanische Staatsanleihen zu stecken. Ich bin mir ziemlich sicher, daß China bald beginnen wird, mehr Geld in die eigene Infrastruktur zu investieren und eine Aufwertung der Währung zuzulassen. Und noch etwas: Es gibt sozusagen eine Leiter der komparativen Vorteile und des wirtschaftlichen Fortschritts. Mit der Zeit werden mehr Menschen in China und Indien besser ausgebildet sein und Fähigkeiten besitzen, um anspruchsvollere Tätigkeiten auszuüben. Damit wird der Anteil der besonders arbeitsintensiven Produkte an der Wirtschaftsleistung und auch am Export sinken. China und Indien werden eines Tages von Nettoanbietern zu Nettonachfragern arbeitsintensiver Güter werden. Dann verschiebt sich die Produktion in andere Regionen, zum Beispiel nach Afrika.
Dann machen nicht nur billige Fabrikarbeiter, sondern auch noch Ingenieure und Computerfachleute den Europäern und Amerikanern Konkurrenz.
Ich habe ein wenig den Eindruck, als schüchtere die schiere Größe Chinas und Indiens die Europäer ein. Aber vergessen Sie nicht: Nur ein sehr geringer Teil der Menschen in Indien ist wirklich hochqualifiziert. Es wird geraume Zeit dauern, bis das Bildungssystem dort eine wirklich große Zahl von erstklassigen Fachleuten hervorbringt. Man darf sich das nicht so einfach vorstellen. Hinzu kommt, daß sowohl China als auch Indien diese Kräfte nicht zuletzt für den Aufbau ihrer eigenen Wirtschaft benötigen. Es mag zwar sein, daß Inder und Chinesen eines Tages prinzipiell all das können, was auch Amerikaner und Europäer können. Das bedeutet aber nicht, daß sie letztlich auch all das tatsächlich tun werden.
Drückt der scharfe Wettbewerb nicht auf die Löhne der Arbeiter in Europa und Amerika?
Theoretisch ist das durchaus möglich. Empirisch aber läßt sich kein signifikanter Zusammenhang zwischen dem Handel mit armen Ländern, oder auch mit der verstärkten Einwanderung, und dem Lohnniveau erkennen. Der größte Druck auf die Löhne in den reichen Ländern entsteht meiner Ansicht nach nicht durch Handel mit armen Ländern, sondern durch den technologischen Wandel, wenn Kapital an die Stelle von Arbeitskraft tritt.
Das hört sich ein wenig so an, als bringe die engere Verflechtung der Weltwirtschaft kaum Veränderungen mit sich.
Nein, nein, so ist es nicht. Ganz ohne Zweifel ist der Wettbewerb viel intensiver, viel härter geworden. Aber dem deutschen Exporteur sitzt eben nicht nur chinesische und indische, sondern auch die portugiesische oder polnische Konkurrenz im Nacken. Man kann es sich nicht mehr leisten, auch nur einen Moment lang unaufmerksam zu sein. Der komparative Vorteil, den ein Unternehmen an einem Tag besitzt, kann am nächsten Tag dahin sein. Die Ruhe früherer Zeiten ist dahin. Wer die Früchte der Globalisierung ernten möchte, muß sich an diese neuen Gegebenheiten anpassen.
Wie stellt man sich darauf ein?
Sicher nicht durch Protektionismus. Wer sich wirtschaftlich abschottet, der fällt zurück und verspielt seinen Wohlstand. Aber die Menschen in Deutschland und anderswo müssen verstehen, daß ihre gewohnte Sicherheit dahin ist. Künftig wird kaum noch jemand sein gesamtes Arbeitsleben bei einem Arbeitgeber verbringen. Darum müssen Wege gefunden werden, Sicherheit auf andere Weise zu ermöglichen.
Wie soll das gehen?
Die Veränderungen müssen im Bildungssystem beginnen. Menschen müssen kontinuierlicher lernen. Sie müssen sich schneller neue Fähigkeiten aneignen, die einen Berufswechsel erleichtern. Nehmen Sie nur ein Beispiel: Wenn ein Radiologe hier in Amerika gerne umsatteln und als plastischer Chirurg arbeiten möchte, dann muß er ganz von vorne mit der Ausbildung beginnen. Das kann zehn Jahre dauern. Das ist nicht sinnvoll. Es ist ein radikales Umdenken darüber notwendig, wie wir Humankapital begreifen und damit umgehen müssen. Daran müssen alle mitwirken, Bildungseinrichtungen, Unternehmen und Gewerkschaften.
Was halten Sie von dem Vorschlag, Europa und Nordamerika sollten sich zu einer Freihandelszone zusammenschließen?
Die Furcht vor einem freien Handel besteht offenbar nur mit Blick auf die armen Länder. Wenn es um Handel sozusagen unter Gleichen gilt, bestehen plötzlich keine Bedenken mehr. Dabei wäre der Nutzen einer solchen Freihandelszone vermutlich gering. Statt dessen würde den ärmeren Ländern der Weg zu mehr Wohlstand versperrt. Aus diesem Vorschlag sprechen ökonomische Unvernunft und nackte Angst. Das gilt auch für Forderungen, in den armen Ländern müßten höhere Löhne gezahlt werden, und es müßten dieselben Arbeits- und Umweltstandards gelten wie in den reichen Ländern. Das wird verkauft als Mitgefühl, als Solidarität mit den Armen. In Wahrheit ist es eine Form des Protektionismus.
Diese Angst ist offenbar auch der Grund, weshalb die Doha-Runde der Welthandelsorganisation in Scherben liegt. Ist Doha noch zu retten?
Das größte Hindernis stellt derzeit Amerika dar, weil es sich in der Frage der Agrarsubventionen nicht bewegt und zunächst Zugeständnisse von Indien verlangt. Das ist aber in Indien derzeit nicht durchzusetzen. Ich habe aber noch Hoffnung. Präsident George Bush fühlt sich dem Freihandel verpflichtet, weil er überzeugt ist, daß amerikanische Unternehmen es mit jedermann aufnehmen können. Und Bush braucht dringend einen multilateralen Erfolg.
Produktivität, Markenartikel und Ausfuhren
Fionn Huber (fionn)
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