01.10.2006 · Das europäische Wirtschaftswachstum ist zur Zeit höher als das der Vereinigten Staaten. Eine Flaute in Amerika muß aber nicht mehr zwangsläufig negative Folgen für Europa haben. Dafür sorgt die Globalisierung.
Von Bettina Schulz, LondonDie Korrektur an den Finanzmärkten im Mai war vielleicht doch zu schmerzhaft, als daß die Marktteilnehmer jetzt allzu begeistert reagierten. Aber die Zuversicht, daß es vielleicht doch nicht so dramatisch kommt wie im Frühsommer noch befürchtet, spiegelt sich derzeit in einem bemerkenswerten Kursaufschwung an den Aktienmärkten wider. Die Hoffnung, daß die Vereinigten Staaten eine „sanfte Landung“ ihrer Konjunktur erleben, ermutigt Investoren. Kapital, das nach der Mai-Korrektur vorsichtig zurückgehalten wurde, strömt an die Finanzmärkte zurück. Die Risikobereitschaft steigt wieder.
Die volkswirtschaftlichen Daten vergangener Woche untermauerten freilich auch das optimistische Bild. Der Ölpreis sank das erste Mal seit März unter die Marke von 60 Dollar je Barrel (159 Liter). Die Energiepreise sind damit in den vergangenen sechs Monaten um mehr als 20 Prozent gefallen. Dies wirkt sich nun doch in einer nachlassenden Inflationsgefahr aus: Im September ist die Inflationsrate im Euro-Raum auf 1,8 Prozent zurückgefallen. Das bedeutet, daß die Inflation die von der Europäischen Zentralbank (EZB) avisierte Obergrenze von 2 Prozent in diesem Jahr wohl weniger dramatisch übersteigen wird als von der EZB bislang prognostiziert.
Wachstum in Europa höher als in Amerika
Dies bedeutet jedoch nicht, daß sich nur deshalb die Politik der Zentralbank ändert. „Auch wenn das Saisonmuster für den Herbst keine Preissteigerungen nahelegt, wird sich die EZB kaum an die Bewegung eines Monats hängen“, betonen die Analysten der BHF-Bank. Der EZB-Rat tritt in dieser Woche in Paris zusammen. Marktteilnehmer zweifeln kaum daran, daß der Euro-Leitzins von 3 auf 3,25 Prozent angehoben wird. Schließlich haben Mitglieder des EZB-Rates mit ihrem wiederholten Hinweis auf die gebotene „große Wachsamkeit“ deutlich genug darauf hingewiesen, daß die immer noch als leicht expansiv eingestufte Zinspolitik auf Normalmaß zurückgeführt werden müsse. Damit folgt die EZB dem Muster der amerikanischen Notenbank (Fed) und der Bank von England, die mittlerweile Zinspausen eingelegt haben. Die Bank von England dürfte ihren Basiszins in dieser Woche unverändert lassen. Die Märkte rechnen allerdings damit, daß die EZB im Dezember einen weiteren kleinen Zinsschritt auf dann 3,5 Prozent folgen lassen wird.
Das tut aber der Zuversicht über die ökonomische Entwicklung in Europa keinen Abbruch. Im dritten Quartal wird die europäische Wirtschaft nach Schätzungen der Investmentbank Goldman Sachs voraussichtlich um 0,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal wachsen, die amerikanische Wirtschaft hingegen nur um 0,5 Prozent. Damit würde dann das Wirtschaftswachstum in Europa das zweite Quartal in Folge über dem Wachstum in den Vereinigten Staaten liegen. Das ist selten genug - und eigentlich besteht bei einer wirtschaftlichen Flaute in den Vereinigten Staaten immer die Vorstellung, daß dies nicht spurlos an Europa vorübergehen kann, sondern sich die Konjunktur in Europa gleichermaßen abschwächen muß. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, daß dies auch meist der Fall war.
„Hausgemachtes“ Problem der Vereinigten Staaten
Aber dies muß nicht immer so sein. „Wir sind absolut davon überzeugt, daß Europa mit der amerikanischen Abschwächung sehr gut zurechtkommen wird“, meint Goldman Sachs. Die angeführten Gründe für eine Abkoppelung der europäischen Wirtschaft von den Vereinigten Staaten scheinen einleuchtend. Oft haben Amerika und Europa in der Vergangenheit gemeinsam auf exogene Schocks - wie beispielsweise eine Ölpreiskrise - reagiert. Zudem ist Europa Amerika in der wirtschaftlichen Anpassung gefolgt, weil die amerikanische Wirtschaft von ihrer Struktur her schneller auf wirtschaftliche oder geopolitische Änderungen reagiert als die europäische. Dies erklärt die historisch hohe Korrelation der Volkswirtschaften.
Jetzt aber muß man unterscheiden: Erstens handelt es sich bei der amerikanischen Flaute derzeit um eine Reaktion auf die 17 Zinserhöhungen der Fed, die die Inflationsgefahren aus dem Immobilienmarkt einfangen mußte. Es geht also um ein „hausgemachtes“ Problem und nicht um einen exogenen Schock, der gleichermaßen auch Europa treffen könnte. Außerdem zeigt das Beispiel Großbritanniens, daß die Ängste vor einer „harten Landung“ übertrieben sein können: Dort hat die Notenbank eine Explosion der Hauspreise eingefangen, ohne die Wirtschaftsentwicklung abzuwürgen.
Wachstum findet heute an vielen Stellen der Welt statt
Zweitens verlagert sich das weltweite Wirtschaftswachstum durch die Globalisierung auf mehrere Schultern. Warum sollten die wirtschaftliche Öffnung des Landes, die Reformen und die wachsende Prosperität in Indien zum Beispiel nachlassen, nur weil sich amerikanische Verbraucher über sinkende Hauspreise grämen? Wirtschaftswachstum findet heute an vielen Stellen der Welt statt, und der globale Konjunkturzyklus ist daher immer weniger abhängig von dem Wohl und Wehe einer - wenn auch großen - Volkswirtschaft.
Drittens macht der Export in der Währungsunion nur 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus - und die jüngsten Wirtschaftsdaten haben gezeigt, daß das Wirtschaftswachstum in Europa zunehmend auch von der Inlandsnachfrage getragen wird. Schließlich geht es viertens den Verbrauchern und Unternehmern in Europa finanziell gut. Die Umstrukturierungen und Reformen gehen weiter, und die Prognosen für die Unternehmensgewinne sehen nicht schlecht aus. Auch dies erklärt, warum sich die Märkte nach der Mai-Korrektur so schnell wieder erholt haben und sich eine Zuversicht hält, die früher viel schneller der Furcht gewichen wäre. Die Aussichten auf einen erfreulichen Herbst stehen daher nicht schlecht.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2467 | −0,17% |
| Rohöl Brent Crude | 106,31 $ | −0,51% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
Anonym bewerben? Ist das gut?