14.09.2006 · Das „Bangalore-Syndrom“ hat Indien gepackt. In den meisten Industriebranchen und Forschungsbereichen hat das Land längst Weltniveau erreicht. Die einheitliche Nation, als die der Westen das Land gern sieht, ist aber eher ein Trugbild.
Von Shantanu MukherjeeDer Riese ist erwacht. Indien richtet sich auf, um der Welt zu sagen, daß ein Sechstel der Menschheit Schicksalsergebenheit und Elend abschüttelt, endlich satt und mächtig wird. Die Lethargie ist überwunden, eine neue Epoche beginnt.
Indien war in den ersten Dekaden nach der Unabhängigkeit 1947 ein morbides Land. Jedes Jahr verhungerten junge und alte Menschen. In Großstädten wimmelte es von Bettlern, Müll und Kindern, die nicht zur Schule gingen. Auf brüchigen Bürgersteigen wurde öffentlich geboren und gestorben. Viele Bauern fuhren ohne Wasser, Dünger und Strom eine einzige Ernte ein - außer, es blieb der Monsun aus. Dann gab es gar keine Ernte.
Halbherzige Mischwirtschaft
Der erste Ministerpräsident Nehru war reicher und aristokratischer Herkunft. Er ging in England zur Schule und lernte dort den damals modischen Sozialismus kennen. Er sagte dem Übel Indiens prompt den Kampf an. Der Kampf kam dann auch - in Form einer halbherzigen Mischwirtschaft mit da etwas Planung und dort ein wenig als Freiheit getarntem Chaos.
Seine Vision zielte auf eine zögerliche Hinwendung zur Sowjetunion in Wirtschaft und Außenpolitik. Unterdessen importierte das Land regelmäßig enorme Mengen Getreide mit geliehenem Geld, denn es gab kaum Devisenreserven. Amerikanische Hilfsgüter wurden nicht nur vom bolschewistischen Teil der Elite als imperialistische Verschwörung tituliert - und trotzdem konsumiert. Der Rest der Welt nahm Indien kaum wahr.
Räucherstäbchen, Blumenketten und vegetarisches Essen
Es war nicht immer so. Europa, zumal Deutschland im 19. Jahrhundert, der Vernunft etwas überdrüssig, suchte und fand einen Reflex der Romantik in Indiens immens reicher Kultur, in der Aufdeckung der Sprachverwandtschaft zwischen dem Sanskrit sowie Latein und Griechisch, vor allem auch in der freudigen Erkennung einer vermeintlichen Materieabgewandtheit und Mystik in der indischen Seele.
Das Erbe dieser Tradition, jetzt erst versickert, währte lang in blassen Kuriosa wie Räucherstäbchen, Blumenketten, Krishna-Bewußtsein, vegetarischem Essen und Guru-Huldigung, die den Standard-Inder fassungslos zurückließen. Aber die Beinahe-Erleuchteten waren nicht zu bremsen.
Zwischen Verklärung und Entsetzen
Dieser Blick auf Indien war doppelt verfehlt. Hier wurde erstens suggeriert, Neid, Gier, Furcht kenne der Inder nicht; er sei fundamental anders als der Vietnamese oder Peruaner. Er lebe, dank Reinkarnation und Erlösung, nicht gleichgültig, sondern gleichmütig. Wer dies nicht sehe, übersehe den indischen Geist. Außerdem wurde damit auch der allgegenwärtige Dreck und Tod bequem ausgeblendet.
Es gibt einen andere Sichtweise. Die meisten Menschen sind keine Indologen, haben aber einen Fernseher. So kamen die Horrorbilder in des Abendlandes Wohnzimmer. Die „Mutter-Teresa-Perspektive“ brachte Entsetzen und staunenden Respekt. Dieser lautlose Schrei gegen ein Treblinka am Straßenrand machte manchen Berufszyniker zu einem mutigen Helfer.
Mutter Teresa war lange nur mäßig beliebt
Andere wurden neugierig. Günter Grass' 1988 erschienener Reisebericht über Kalkutta „Zunge zeigen“ offenbart in farbenprächtigem Detail diese Neugier, diesen Zorn angesichts schier unbezwingbaren Elends. Es fällt auf, daß Mutter Teresa in dem Buch keine Erwähnung findet. Vielleicht erzeugte der Anblick tapferen, selbstlosen Einzelkampfes gegen Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung nur Ungeduld.
Unter Indern selbst war gerade Mutter Teresa lange nur mäßig beliebt. Das hatte drei Gründe. Erstens: Das Ablehnen von „Nestbeschmutzern“ - wie kann man nur Indiens glorreiche Vergangenheit geflissentlich ignorieren und das Häßliche hervorkramen? Zweitens: Das Ablehnen pietistischen Samaritertums - dies lenke nur ab vom einzig genuinen Heilungsweg für das kranke Indien, der bewaffneten Volksrevolution, hieß es im linken Spektrum. Und drittens der Bekehrungsverdacht: Die fromme Christin betreibe eine hinter Nächstenliebe versteckte Bekehrungskampagne gegen die Hindus, als stürbe der Leprose sonst in beruhigender Gewißheit nach dem Motto „Lieber gestorben denn umworben“.
Das Bangalore-Syndrom
Und schließlich gibt es seit einem Jahrzehnt einen dritten, heute vorherrschenden Blick auf Indien: das Bangalore-Syndrom. Was als durch Kostenvorteile bedingte Verlagerung von geringen Mengen Informationstechnologie aus den Vereinigten Staaten und Westeuropa nach dem südindischen Bangalore begann, entpuppte sich bald als Vorhut einer Revolution. Einer stillen, kapitalistischen Revolution.
Ein Wunder war das nicht. Bevor der freie Markt und das Wachstum des Außenhandels in den 90er Jahren kamen, wurden schon seit den Siebzigern große Teile der Landwirtschaft allmählich mechanisiert und damit ertragreicher. Diese erste Modernisierung, etwa im Bundesland Pundschab, war oft privat und autochthon, also ohne Fremdhilfe. Das Ende der statischen, halbsozialistischen Wirtschaft deutete sich an.
Markt, Handel und freie Presse
Der Tagelöhner kam immer seltener in die Stadt, denn mehrfache Ernten im Jahr machten Betteln nicht mehr lukrativ. Der Massenhunger, Indiens Schicksal, verschwand. Heute ist Indien einer der größten Exporteure von Getreide. Es gibt immer weniger Industriebranchen und Forschungsbereiche, nicht nur in der Informationstechnologie, in denen Indien nicht schon Weltniveau erreicht hat. Das träge Wachstum eines Jahrhunderts, die in der Nähe von zwei Prozent gelegene „Hindu Rate of Growth“, ist Vergangenheit. Wenn das keine Revolution ist?
Markt und Handel sind notwendig für Wohlstand. Dazu kommt: Indien hat schon länger, auch dies ein angelsächsisches Erbe, eine zahlenstarke, dank freier Presse gut informierte Elite; außerdem verfügt Indien dank Wettbewerb und Auslese über erst-, zweit- und drittklassige (Aus-)Bildungsstätten.
Die Infrastruktur lahmt
Ist also alles schon gelaufen? Keineswegs. Sofort fällig ist eine massive kreative Zerstörung der moribunden Infrastruktur. Noch lähmen Handelshemmnisse und der noch immer zu mächtige Staat im Markt. Stromausfall und Überschwemmungen, Aids und Kinderarbeit sind weitere Probleme.
Aber der Mensch lebt ja nicht vom Brot allein. Was ist mit der Religion und dem Kastenwesen? Mit dem Konflikt mit Pakistan? Mit der Einheit inmitten großer sprachlich-kultureller Heterogenität?
Biegen, aber nicht brechen
Die Mehrheitsreligion, der Hinduismus mit seinen vielen Göttern und Kühen, hält in sich eine Theologie, eine Ontologie und sogar eine „modern“ anmutende Epistemologie verborgen, welche ohne Zweifel zu den großen Errungenschaften der Menschheit gehören. Der Hinduismus im Alltag ist offensichtlich hochelastisch; sonst hätte er dem wohlorganisierten Buddhismus und dem Islam nicht so lange widerstehen können - gerade dem Islam nicht, der, anders als der Buddhismus, nicht mit der Predigt ins Ohr, eher mit dem Schwert in der Hand kam. Aber dieser militärischen Überlegenheit begegnete der Hinduismus mit einer „flexible response“ - also biegen, aber nicht brechen.
Indien hat indes eine sehr große muslimische Minderheit, hat imposante islamisch geprägte Bauten, eine ebenfalls stark islamisch beeinflußte großartige nordindische Musiktradition, einen reichhaltigen Lehnwortschatz aus Arabisch, Persisch und Türkisch - und das bekannte Problem in Kaschmir, der mehrheitlich muslimischen Provinz im Norden. Kleinere Minderheiten bilden „Chinatowns“, harmonisch integrierte, jedermann zugängliche Kulturinseln. Riesige Minderheiten brauchen, kraft Größe, solchen Austausch freilich weniger und tendieren daher oft zu autonomen Kulturburgen. Meistens fehlt eine Brücke zur Burg.
Das Kastenwesen verändert sich
Das Kastenwesen ist bekannt wie der Tadsch Mahal. Es kommt in der Tat noch vor, daß ein gegen Kastengrenzen verstoßendes junges Liebespaar bestraft wird - das höhere Wesen für die heimliche Schwäche, das niedrigere für die offenkundige Frechheit. Oder daß man wegen Wasserholens aus dem falschen Brunnen auf dem Dorfplatz gelyncht wird.
Gerade die Seltenheit solcher Fälle sorgt für Sensation und übereifrige Verallgemeinerung. Signifikanter ist die Veränderung der letzten Jahrzehnte, daß nämlich Wohlstand und Urbanisierung jeder Segregation Tod sind. In Bombay oder Kalkutta wird nicht gefragt nach der Kastenzugehörigkeit in der Nachbarwohnung. Die Entwicklung zeigt, daß nichts - auch nicht das uralte Kastenwesen - unabänderlich ist.
Selbstbewußt und uneinheitlich
Was steht vor uns? Der Begriff „Indien“ als einheitliche Nation ist eine - angenehme - Erfindung des Abendlandes. Die indische Elite ist mehr angelsächsisch, als sie zu erkennen, geschweige denn einzugestehen vermag. Es war England, das seinerzeit das Fenster von Indien nach Indien öffnete - nicht aus Altruismus, sondern aus Gründen der Verwaltungsstraffung sowie aus „,common sense“ und skeptischer Gelassenheit eines Weltreiches.
Wenn der indischen Elite etwas fehlt, dann ist das vielleicht diese Mischung aus Skepsis und Euphoriedämpfung. Sonst ist der Inder selbst dort, wo er dem Westen den Rücken kehrt, im Geist ein Kind des Westens. Im letzten Jahrhundert ist Indien zu einer selbstbewußten Nation geworden. Der einheitliche Nationalstaat bleibt jedoch ein Zukunftsprogramm.
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