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Greenspan geht Abschied vom Zauberer

31.01.2006 ·  In einer Ruhmeshalle für Währungshüter wäre Alan Greenspan ein prominenter Platz gewiß. Der Chef der amerikanischen Notenbank scheidet heute nach achtzehneinhalb Jahren aus dem Amt: FAZ.NET-Spezial.

Von Claus Tigges
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In einer Ruhmeshalle für Währungshüter wäre Alan Greenspan ein prominenter Platz gewiß. Der Chef der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed), der an diesem Dienstag nach achtzehneinhalb Jahren aus dem Amt scheidet, hat sich nicht nur um die amerikanische Volkswirtschaft große Verdienste erworben, sondern um die Weltwirtschaft insgesamt. Zu Greenspans größten Leistungen zählt es, die von seinem Vorgänger Paul Volcker in den achtziger Jahren eingeleitete Stabilitätspolitik erfolgreich fortgesetzt und den Beweis dafür erbracht zu haben, daß Preisstabilität und eine niedrige Arbeitslosigkeit in einem marktwirtschaftlichen System keine unüberwindbaren Gegensätze sind.

Greenspan hat der Einsicht zum Durchbruch verholfen, daß eine geringe Rate der Geldentwertung der beste Beitrag der Notenbank zu einem soliden Wachstum und einem hohen Beschäftigungsstand ist. Von der Kombination aus stabilen Preisen und einer dynamischen Wirtschaft profitieren Haushalte und Unternehmen in den Vereinigten Staaten ebenso wie in anderen Teilen der Welt. Amerika ist kraftvoller Konjunkturmotor und bedeutender Exportmarkt, und die Aussicht auf hohe Renditen lockt seit Jahren Kapital aus allen Winkeln der Erde an.

Der Krisenmanager

Zu loben sind zweifellos auch Greenspans Fähigkeiten als Krisenmanager. Als Kreditgeberin der letzten Instanz kommt der Fed auch eine Verantwortung für die Stabilität des Finanzsystems zu. In diesem Bewußtsein hat der Währungshüter schon wenige Wochen nach seinem Amtsantritt im Herbst 1987 gehandelt, als am "Schwarzen Montag" des 19. Oktober die Börsenkurse in die Tiefe stürzten. Die Fed drehte auf Greenspans Geheiß umgehend den Geldhahn auf und verhinderte so vermutlich einen Kollaps des Finanzsystems.

Ähnlich war es auch nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York, welche die Finanzwelt ins Mark trafen. Die Zusage der Fed, mögliche Liquiditätsengpässe unbürokratisch und schnell zu überbrücken, trug wesentlich zur Beruhigung der Marktakteure bei.

Vor Fehlern nicht gefeit

Greenspans geldpolitisches Talent und seine große Fähigkeit zur Analyse komplizierter ökonomischer Zusammenhänge haben ihn gleichwohl nicht vor Fehlern bewahrt. Der Währungshüter hat sich von der Hochstimmung der "New Economy" mitreißen lassen und gemeint, die hohen Produktivitätszuwächse und der Wettbewerbsdruck der Globalisierung ließen es zu, die geldpolitischen Zügel lockerer zu halten als zuvor.

Es mag sein, daß die zunehmende Verflechtung der Weltwirtschaft in der Tendenz den Auftrieb der Verbraucherpreise dämpft. Am grundsätzlichen Zusammenhang zwischen einer zu großzügigen Ausstattung der Wirtschaft mit Geld und der Inflation besteht kein Zweifel. Die Liquidität sucht sich ihren Weg in die Realwirtschaft, sei es an den Aktienbörsen oder auf den Immobilienmärkten. Greenspan trägt darum sowohl einen Teil der Verantwortung für die Börsenblase, die vor sechs Jahren zerplatzte, als auch für die überhöhten Immobilienpreise dieser Tage, die er selbst als "Schaum" bezeichnet hat.

Was kommt?

Der Wachwechsel an der Spitze der Fed bietet die Gelegenheit, einen Blick auf das zu werfen, was nun kommen mag. Greenspan hat die Fed auf dem Weg zu einer transparenten Notenbank ein gutes Stück vorangebracht. Die geldpolitischen Entscheidungen der Währungshüter sind unter seiner Führung durchschaubarer geworden. Es sei daran erinnert, daß der geldpolitische Rat seine Zinsbeschlüsse erst seit 1994 überhaupt veröffentlicht. Zuvor mußten die Marktakteure in den Offenmarktgeschäften mit der Fed selbst herauszufinden versuchen, welches Zinsniveau die Währungshüter für angemessen hielten. Die erhöhte Transparenz, gepaart mit der politischen Unabhängigkeit Greenspans, hat die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Geldpolitik erhöht und die Aufgabe der Sicherung der Preisstabilität erheblich erleichtert.

Vorteile einer Strategie

Ben Bernanke, der Greenspan nun als Chairman folgt, sollte auf diesem Weg mutig vorangehen und das ins Werk setzen, was Greenspan bis zuletzt scheute: der amerikanischen Geldpolitik einen verläßlichen Rahmen geben, ein Konzept, das den Akteuren an den Finanzmärkten und der Öffentlichkeit eine zusätzliche Orientierung bietet. Bernanke selbst hat als Wissenschaftler an der Strategie eines Inflationsziels gefeilt, die inzwischen von zahlreichen Zentralbanken mit Erfolg angewendet wird. Die Geldversorgung der Wirtschaft wäre dann noch ein Stück berechenbarer. Als Richtgrößen würden Abweichungen der tatsächlichen oder erwarteten Inflationsrate von einem vorgegebenen Zielwert sowie die Verfassung der Wirtschaft dienen.

Greenspan hat sich einer solchen Formalisierung der Geldpolitik mit dem Argument verweigert, die Wirklichkeit sei viel zu kompliziert, als daß sie sich in ein Modell pressen lasse. Doch ein geldpolitisches Konzept, sei es ein Inflationsziel oder auch die Säulenstrategie der Europäischen Zentralbank (EZB), ist keine sklavisch zu befolgende Handlungsanweisung. Auch eine regelgebundene Geldpolitik braucht fallweise zu treffende Zinsentscheidungen. Es geht vielmehr darum, die Glaubwürdigkeit der Fed als eine verläßliche Hüterin der Währung weiter zu erhöhen und jenen Eindruck der Unruhe zu vermeiden, den Greenspans Bemühungen bisweilen vermittelten. Der Vorzug einer guten Strategie besteht gerade darin, daß sie aus sich heraus und ohne Rückgriff auf die knappe Ressource "Genie" zu befriedigenden Ergebnissen führt. Es ist Bernanke zu wünschen, daß er seine Vorstellungen einer modernen Geldpolitik schnell verwirklicht und den Griff in die greenspansche Zauberkiste unterläßt. Eine Regelbindung vermag die konjunkturglättende Stabilitätserwartung des Publikums auf Dauer besser zu erfüllen.

Quelle: F.A.Z., 30.01.2006, Nr. 25 / Seite 13
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