25.11.2004 · Er begutachtet die gesamtwirtschaftliche Entwicklung im Rat der Wirtschaftsweisen: Peter Bofinger über Lohnzurückhaltung, Auslandsinvestitionen und den Wunsch nach konsistenter Politik.
Der Würzburger Ökonomieprofessor Peter Bofinger ist auf Vorschlag der Gewerkschaften in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung aufgenommen worden. Anders als die anderen vier Wirtschaftsweisen spricht er sich gegen eine zurückhaltende Lohnpolitik und für eine weniger restriktive Finanzpolitik aus.
Der SPD-Wirtschaftspolitiker Rainer Wend hat eine Wende in der Lohnpolitik gefordert. Können wir uns wirklich am eigenen Schopf aus dem Konsumsumpf herausziehen?
Wenn wir weiterhin Lohnerhöhungen haben, die unterhalb des Produktivitätsfortschritts liegen, besteht jedenfalls die Gefahr, daß das, was von der Angebotsseite an Wachstumspotentialen geschaffen wird, von der Nachfrageseite nicht aufgenommen wird. Das gespaltene Konjunkturbild, das wir zur Zeit haben, zeigt doch, daß mehr Wachstum nur möglich ist nach Maßgabe des Auslands. Es fehlt eine Alimentierung der Wachstumsprozesse durch die Binnennachfrage. Deswegen meine ich, wir sollten wieder zurückkehren zu einer produktivitätsorientierten Lohnpolitik, damit der Wachstumsprozeß auch organisch funktionieren kann.
Sie halten 3 Prozent mehr Lohn für unschädlich. Kann man dadurch neue Stellen schaffen?
Die Investitionen werden vor allem von der Nachfrageseite und von den Kapitalkosten bestimmt, aber nicht von den Lohnkosten. Das haben wir im Sachverständigenrat überprüft. Auch für die Investitionsentwicklung ergibt sich kein atypischer Befund: Die Investitionsentwicklung paßt zur schlechten Nachfrageentwicklung. Deswegen meine ich: Wenn die Binnennachfrage wieder stärker liefe, kämen auch die Investitionen wieder in Gang.
Wir bestimmen also selbst, ob es wieder aufwärtsgeht?
Ja, einfach deshalb, weil der Strom an Einkommen, der generiert wird, in verschiedene Kanäle fließen kann: in die Gewinne der Unternehmen oder in die Einkommen der Arbeitnehmer. In den letzten Jahren ist dieser Strom vor allem in den Gewinnkanal geflossen. Das Problem ist nur, daß die Gewinne alleine nicht ausreichen. Es muß auch genügend Nachfrage geben. Deswegen sollte jetzt auch wieder der Einkommenskanal der Arbeitnehmer bedient werden. Produktivitätsorientierte Lohnpolitik heißt ja nicht, daß das, was in den letzten Jahren an Lohnzurückhaltung da war, zurückgefordert wird. Die Wettbewerbsvorteile, die wir geschaffen haben, bleiben ja erhalten. Es heißt nur: Ab sofort wird wieder eine Lohnentwicklung gemacht, die sich an der Produktivitätsentwicklung orientiert.
Die Ratsmehrheit hält Sie für zu ungeduldig und mahnt, die Tarifpolitik solle ihren beschäftigungsfreundlichen Kurs noch für einige Jahre halten, um neue Arbeitsplätze zu schaffen.
Da wäre ich eher skeptisch. Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt, daß man zu einseitig auf die Kostenentlastung geachtet und zuwenig an die gesamtwirtschaftliche Nachfrage gedacht hat. Man muß jetzt versuchen, wieder eine etwas andere Balance zu bekommen: etwas mehr Nachfrage und etwas weniger Kostenentlastung. Das ist ja auch das, was in anderen Ländern gemacht wird.
Die Niederlande haben sich gerade wieder zur Lohnmoderation verpflichtet.
Man muß natürlich zwischen großen und kleinen Volkswirtschaften unterscheiden. Ein kleines Land hat andere Möglichkeiten. Wenn ich eine hohe Auslandsnachfrage habe, kann ich dort binnenwirtschaftlich viel machen, ohne daß das ein Problem ist. Die Kleinland-Therapien sind nicht sinnvoll für große Länder.
Sie wollen, daß in der Lohntüte auch etwas ankommt. Doch die Lohndrift ist seit Jahren negativ: Was die Gewerkschaften an Erhöhungen herausschlagen, sparen die Betriebe an freiwilligen Leistungen wieder ein.
Es wird sicher immer schwieriger, Lohnleitlinien zu dekretieren und zu sagen, die Löhne sollen um 3 Prozent steigen. Ob das am Markt durchsetzbar ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber man muß wissen: Wenn die Löhne deutlich zurückbleiben, bedeutet das eben auch, daß wir binnenwirtschaftlich aus der Stagnation nur schwer herauskommen.
Die Unternehmen von Karstadt bis Volkswagen machen eine andere Rechnung auf: Höhere Löhne gleich höhere Kosten gleich mehr Entlassungen.
Man muß unterscheiden zwischen binnenwirtschaftlich und außenwirtschaftlich aktiven Unternehmen. Karstadt leidet unter der schwachen Binnenkonjunktur. Auch in der Industrie sind über 60 Prozent Inlandsumsatz. Wir aber führen eine Diskussion, die sich ganz einseitig an der Situation der Exportindustrie orientiert. Im übrigen heißt produktivitätsorientierte Lohnpolitik ja nicht, daß die Kosten steigen, sondern daß die Lohnstückkosten nicht weiter sinken. Ich will da nicht als neuer Heinz Kluncker . . .
. . . der frühere ÖTV-Vorsitzende, der 1974 eine Lohnerhöhung um 11 Prozent durchgesetzt und damit den Sturz der Regierung Brandt beschleunigt hat . . .
. . . des 21. Jahrhunderts mißverstanden werden.
Eine expansive Lohnpolitik wird jedenfalls die Standortflucht beschleunigen.
Man sollte nicht bei jeder Auslandsinvestition in Panik verfallen. Oft sind Auslandsinvestitionen sogar mit mehr Beschäftigung im Inland verbunden. Die Automobilindustrie ist so ein Fall. Also man sollte das nicht verteufeln. Die Arbeitsplatzverluste der letzten Jahre kommen außerdem etwa zur Hälfte von Handwerk und Bau, zu einem Viertel vom Staat und nur zu einem Viertel von der Industrie.
Lahmt die Binnennachfrage nicht auch, weil die Unstetigkeit der Regierung die Bürger verunsichert hat?
Das spielt sicher auch eine Rolle. Wir brauchen wieder das, was Walter Eucken vorgeschwebt hat: die Konstanz der Rahmenbedingungen, und das, was Ludwig Erhard gefordert hat, nämlich Ordnungspolitik. Die Reformmaßnahmen müssen in sich stimmige Konzepte ergeben. Es muß ein Masterplan dasein, die Bürger müssen wissen, wohin die Reise geht. Man sollte auch nichts übers Knie brechen. Sonst ist die Gefahr groß, daß man inkonsistente Lösungen bekommt.
So wie CDU und CSU in der Gesundheitspolitik. Was halten Sie von Bürgerversicherung und Gesundheitsprämie?
Die Bürgerversicherung ist besser als der Status quo. Doch die Bürgerpauschale wäre die ordnungspolitisch überlegenere Lösung - gar nicht so sehr, weil sie die Krankheitskosten von den Lohnkosten abkoppelt, sondern weil sie dafür sorgt, daß die Umverteilung da ist, wo sie hingehört, nämlich ins Steuersystem, und daß das soziale Sicherungssystem wieder auf Leistung und Gegenleistung basierte. Die Bürger sollen das Gefühl haben, daß der Beitrag zur Rentenversicherung genauso ist wie ein Beitrag zu einer privaten Lebensversicherung.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2466 | −0,18% |
| Rohöl Brent Crude | 106,36 $ | −0,46% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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