Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Finanzmärkte mit ihren Warnungen vor Preisrisiken aufgeschreckt. Am Geldmarkt wird zunehmend mit einer Zinserhöhung schon im März 2006 gerechnet. Nicholas Garganas, der Gouverneur der Bank von Griechenland, erklärt die Gründe für die Wachsamkeit der EZB. Garganas steht seit 2002 an der Spitze der Bank von Griechenland und entscheidet im EZB-Rat über die europäische Geldpolitik mit. Der 68 Jahre alte Ökonom gehört der griechischen Notenbank seit dreißig Jahren an.
Herr Garganas, als Folge des Ölpreisschocks dürfte die Inflationsrate im Euro-Raum im kommenden Jahr und vielleicht darüber hinaus über 2 Prozent liegen. Die EZB sieht bisher keine Zweitrundeneffekte. Ist die EZB willens, den Ölpreisschock durchlaufen zu lassen, ohne den Leitzins zu erhöhen?
Wir erwarten auf kurze Sicht, daß die Inflation erhöht bleiben wird. Entscheidend aber ist, wie der Ölpreis die Preisstabilität auf mittlere Sicht beeinflussen wird. Die Inflation wird unser Ziel in diesem Jahr klar überschreiten. Aber unsere Projektionen zeigen für das kommende Jahr eine Spanne von 1,4 bis 2,4 Prozent. Damit ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, daß die Inflationsrate 2006 unter 2 Prozent liegen wird.
Aber die Projektion wurde im August vorbereitet, vor dem Ölpreisschock nach dem Wirbelsturm "Katrina".
Wir haben keinen Grund, die Verwendbarkeit dieser Prognose zu bezweifeln, vor allem nachdem die Ölpreise sich jüngst etwas entspannt haben. Unsere Entscheidungen beruhen auf dieser Vorhersage. Selbstverständlich sind die Preisrisiken größer geworden. Deshalb sind wir nun sehr wachsam. Unser Anliegen ist es, Glaubwürdigkeit beizubehalten, um so sicherzustellen, daß die langfristigen Inflationserwartungen weiterhin auf einem Niveau verankert sind, das mit Preisstabilität kompatibel ist.
Die langfristigen Inflationserwartungen sind zuletzt gestiegen.
Ich vermute, daß die Erwartungen durch den scharfen Anstieg des Ölpreises beeinflußt wurden. Dies ist wahrscheinlich ein vorübergehendes Phänomen. Unsere Ansicht ist, daß die langfristigen Inflationserwartungen wieder sinken werden, weil unsere Politik glaubwürdig ist und weil wir zum Handeln bereit sind, wenn wir irgendwelche Zweitrundeneffekte sehen.
Seit der vergangenen Woche benutzt die EZB die Formulierung "große Wachsamkeit" auch hinsichtlich der monetären Überschußliquidität. Ist der EZB-Rat über das rapide Geldmengenwachstum besorgter als zuvor?
In der Tat. Es gibt Liquidität im Überfluß. Die Dynamik des Geldmengenwachstums hat sich in den jüngsten Monaten verschlechtert; dies geht schon seit Jahresmitte 2004 so. Es ist keine Frage, daß die mittelfristigen Preisrisiken gestiegen sind. Die Liquiditätslage muß sehr, sehr genau beobachtet werden. Wir müssen sicherstellen, daß daraus kein Inflationsdruck erwächst. Das ist meine Meinung, und diese Meinung wird, wie EZB-Präsident Jean-Claude Trichet sagte, vom EZB-Rat geteilt.
Warum erhöhen Sie den Leitzins nicht?
Die umfassende Analyse zeigt, daß es bisher keine Anzeichen gibt, daß sich künftiger Inflationsdruck aufbaut. Die Tatsache, daß die Preisrisiken hoch sind, rechtfertigt jetzt kein Handeln. Das ist unsere gegenwärtige Einschätzung. Sie erfordert, daß wir sorgfältig darauf prüfen, ob sich Preisrisiken materialisieren. Sollte die Notwendigkeit zum Handeln eintreten, sollten wir unverzüglich handeln.
Wenn im kommenden Jahr keine Zweitrundeneffekte eintreten und wenn der Ölpreisschock nach einiger Zeit aus der Inflationsrate herausfällt, würde die EZB nichts tun?
Wenn unsere Einschätzung, die auf allen Indikatoren beruht, die gegenwärtige Vorhersage unterstützt, daß die Inflationsrate 2006 allmählich wieder unter 2 Prozent fällt, besteht kein Grund zum Handeln. Aber wenn wir sehen, daß der Rückgang der Inflationsrate sich ins Jahr 2007 verschiebt, ändert sich das Bild. Derzeit gibt es dafür keine Anzeichen. Aber wir müssen sehr wachsam sein. Ich weiß nicht, wie unsere Einschätzung aussehen wird, wenn wir uns in einem Monat wieder treffen.
Die EZB beschreibt ihre Geldpolitik als effektive Abschreckung und deutet an, daß die Kenntnis ihrer Wachsamkeit genug sein könnte, um die Inflation niedrig zu halten. Müssen Sie nicht von Zeit zu Zeit handeln, um das Versprechen der Wachsamkeit glaubwürdig zu halten?
Seit ihrer Gründung hat die EZB eine bemerkenswerte Glaubwürdigkeit aufgebaut, die zu niedrigen Inflationserwartungen geführt hat. Der EZB ist es gelungen, den Preisdruck unter Kontrolle zu halten. Das ist der Hauptgrund, weshalb der Ölpreisanstieg nicht zu einem scharfen Inflationsanstieg wie in den siebziger Jahren geführt hat. Selbstverständlich aber bedeutet effektive Abschreckung nicht, daß der EZB-Rat nicht handeln wird, wenn es Zeichen für aufkommenden Inflationsdruck gibt.
Seit Jahren ist die Inflationsrate in Griechenland höher als im Euro-Raum. Dieses Jahr könnte sie 3,7 Prozent erreichen, gegenüber 2,1 Prozent im Euro-Raum. Die Staatsdefizite lagen in den jüngsten Jahren weit über 3 Prozent. War es für Griechenland zu früh, 2001 dem Euro-Klub beizutreten?
Der Unterschied zwischen der Inflation in Griechenland und der im Euro-Raum gründet in mehreren Faktoren. Erstens ruft der Aufholprozeß der griechischen Wirtschaft einen Inflationsunterschied hervor, ohne daß dies für die Wettbewerbsfähigkeit negative Folgen hat. Zweitens löst das relativ starke griechische Wachstum Nachfragedruck aus. Drittens steigen die Lohnstückkosten in Griechenland stärker als im Rest des Euro-Raums, auch wenn sich der Zuwachs in diesem Jahr abschwächte. Ich glaube wirklich nicht, daß Griechenland dem Euro-Raum zu früh beigetreten ist. Mitte der neunziger und in den späten neunziger Jahren wurden die gesamtwirtschaftlichen Ungleichgewichte in bedeutendem Maße verringert. Selbst wenn man die späteren Revisionen der Daten berücksichtigt, erfüllte Griechenland die fiskalischen Konvergenzkriterien in den Jahren 1998 und 1999. Die Inflation sank, und die Gewerkschaften handelten verantwortungsbewußt. Unglücklicherweise wurde die Finanzpolitik etwas gelockert, nachdem wir den Euro eingeführt hatten. Und die Gewerkschaften paßten sich nicht völlig an das neue Geldregime an.
Seit Jahren steigen die Lohnstückkosten stärker als im Euro-Raum.
Wir von der Bank von Griechenland empfehlen den Sozialpartnern, daß die effektiven nominalen Löhne höchstens so stark steigen sollten wie das Produktivitätswachstum plus der Inflationsrate im Euro-Raum - und nicht plus der griechischen Inflationsrate. Dies würde dazu führen, daß die griechische Inflationsrate sinken würde, und es würde zu einer bedeutenden Verbesserung des Wirtschaftswachstums und der Beschäftigung führen.
Mit 6,6 Prozent hatte Griechenland 2004 das höchste Staatsdefizit aller Euro-Staaten. Vertrauen Sie dem Versprechen der Regierung, das Defizit 2006 auf 2,8 Prozent zu senken?
Ich glaube, daß die Regierung völlig diesem Ziel verpflichtet ist, weil die Glaubwürdigkeit Griechenlands auf dem Spiel steht. In diesem Jahr könnte das Defizit 3,6 Prozent erreichen, das ist ein bedeutender Rückgang. Es gab eine sehr strikte Kontrolle der Ausgaben. Der Primärsaldo, also der Saldo vor Zinszahlungen, wurde von einem leichten Defizit 2004 in einen leichten Überschuß 2005 verwandelt.
Die Regierung hat zur kurzfristigen Defizitsenkung Steuerrückstände verkauft und plant dies auch für 2006. Die EU-Kommission meldet daran Zweifel an.
Die Verbriefung ist eine politisch sehr umstrittene Sache. Aber auch andere Staaten haben diese Methode verwendet. Falls es aus dem einen oder anderen Grund nicht klappt, glaube ich, daß die Regierung bereit ist, andere notwendige Maßnahmen zu ergreifen, um das Defizit unter 3 Prozent zu senken.
Mit einem Wachstum von rund 4 Prozent sollte Griechenland eigentlich einen Haushaltsüberschuß aufweisen.
In der Tat. Wir plädieren seit Jahren für größere Anstrengungen, das Defizit abzubauen. Der Knackpunkt ist der strenge politische Wille, den Stabilitäts- und Wachstumspakt einzuhalten.
