Dem oberflächlichen Leser mag es nahezu gleichwertig scheinen, ob etwas "prominent" oder "zentral" ist. Geldpolitiker aber sind es gewöhnt, ihre Worte auf die Goldwaage zu legen. Feinste Unterscheidungen haben da großes Gewicht. Das gilt gerade dann, wenn es um politisch heikle Fragen der geldpolitischen Strategie geht.
Die Europäische Zentralbank (EZB) weist der monetären Analyse von Geldmengen, Kreditgrößen und anderen Indikatoren in ihrer Zwei-Säulen-Strategie eine hervorgehobene Rolle oder - im Englischen - "prominent role" zu. So steht es auch in der englischen Fassung des am Donnerstag veröffentlichten Monatsberichts der Zentralbank. In der deutschen Übersetzung des Monatsberichts aber ist von einer "zentralen Rolle der monetären Analyse" die Rede (Die zentrale Rolle der monetären Analyse).
Ein Mißgeschick?
Ein Mißgeschick der Deutschen Bundesbank, die zusammen mit der Oesterreichischen Nationalbank für die Übersetzung des EZB-Monatsberichts ins Deutsche verantwortlich zeichnet? Vielleicht. Doch erst im Juli dieses Jahres erregte Bundesbankpräsident Axel Weber Aufsehen, als er in einem Gespräch mit dieser Zeitung die monetäre Analyse eben gerade als "nicht zentral" bezeichnet hatte (F.A.Z. vom 10. Juli). Manche Beobachter sahen darin eine Abkehr von der geldpolitischen Strategie der EZB, und im Eurotower in Frankfurt regte sich Unmut, daß Weber - gewollt oder nicht - eine Strategiediskussion angezettelt hatte.
Deshalb verwirrt es nun schon, wenn die Bundesbank der EZB zuschreibt, etwas "zentral" zu finden, was diese selbst als "prominent" bezeichnet und was der Bundesbankpräsident für "wichtig, aber nicht zentral" hält. Bislang hatte die Bundesbank mit der Übersetzung von "prominent" jedenfalls nie Schwierigkeiten und wechselte zwischen prominent, herausragend oder hervorgehoben. Die Bundesbank erkennt nach Aussage eines Sprechers vom Freitag keinen Unterschied zwischen "hervorgehoben" und "zentral". Die denkbare Vermutung, ein Bundesbankmitarbeiter habe Weber eins auswischen wollen, wird im Haus zurückgewiesen.
Nicht angemessen
Die Übersetzung des EZB-Monatsberichts ins Deutsche wird nach Auskunft der Bundesbank von ihrer Sprachabteilung angefertigt und von den Fachabteilungen gegengelesen. Die EZB prüft die Übersetzungen nach eigener Aussage nicht. Damit hätte sie viel zu tun. Der Monatsbericht wird - mit Ausnahme des prominenten Vorworts - von den jeweiligen nationalen Notenbanken in 18 Sprachen der 25 EU-Staaten übertragen.
Der Bundesbank ist im Frühjahr schon einmal ein auffälliges Mißgeschick in der Übersetzung unterlaufen. So hieß es in der deutschen Übertragung der einleitenden Bemerkungen von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet zur Pressekonferenz im April, der geldpolitische Kurs sei "weiterhin angemessen", im englischen "appropriate". Tatsächlich aber hatte Trichet gesagt, der geldpolitische Kurs bleibe mit Preisstabilität auf mittlere Sicht im Einklang ("remains in line") - und hatte mit dem Wortwechsel von "appropriate" im März zu "in line" im April eine heftige Debatte über eine vermutete Kursänderung der EZB ausgelöst.
Eine Diskussion über einen Strategiewechsel der EZB ist nach der neuen Fehlübersetzung der Bundesbank nicht zu erwarten. Zwar steht die deutsche Übertragung des Monatsberichts mit dem EZB-Text nicht im Einklang. Doch gilt für die Europäische Zentralbank allein das englische Original. Also: Der monetären Analyse kommt eine hervorgehobene Rolle zu.
"Die monetäre Analyse ist wichtig, aber nicht zentral."
Bundesbankpräsident Axel Weber im Gespräch mit der F.A.Z vomm 10. Juli
"..., weshalb die EZB der monetären Analyse in ihrer geldpolitischen Strategie eine zentrale Rolle einräumt."
Aus der Bundesbank-Übersetzung des Monatsberichts der EZB für September
