13.01.2004 · Nach Einschätzung des amerikanischen Notenbankchefs Alan Greenspan kann das Leistungsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten mit nur geringen Störungen abgebaut werden.
Es gibt aktuell wenig Anzeichen für Probleme der Vereinigten Staaten, ihr Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren. Das hat der Chairman der amerikanischen Notenbank (Fed), Alan Greenspan, in Berlin gesagt. Ein sich weiter ausdehnendes Leistungsbilanzdefizit werde aber "an einem zukünftigen Zeitpunkt" Gegentendenzen auslösen, sagte Greenspan. Ein ernsthaftes Problem sieht er darin offenbar nicht.
Die Geschichte lehre, daß die derzeitigen Ungleichgewichte mit nur geringen Störungen abgebaut werden könnten, sagte Greenspan. Bedingung sei, daß die Globalisierung und eine zunehmend höhere Flexibilität des internationalen Finanzsystems zugelassen würden. Der Fed-Chairman sprach auf Einladung der Deutschen Bundesbank.
Leistungsbilanzdefizit löst Ängste aus
Das Leistungsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten, die rechnerische Differenz zwischen volkswirtschaftlicher Ersparnis und Investitionen, löst schon seit dem amerikanischen Wirtschaftsboom Ende der neunziger Jahre Ängste aus. Befürchtet wird an den Finanzmärkten, daß ausländische Anleger oder Notenbanken auf Dauer nicht bereit seien, Amerika netto Kredit zur Verfügung zu stellen. Damit könnte das Leistungsbilanzdefizit abrupt schrumpfen und der Dollar rapide Wert verlieren, heißt es, und die Weltwirtschaft in Turbulenzen stürzen.
Indes zeichnete Greenspan ein zuversichtliches Bild. Der Dollar habe zwar seit 2002 rund 25 Prozent gegenüber den wichtigsten Währungen abgewertet. Der massive Transfer von Sparkapital habe sich aber ohne meßbare Störung des Gleichgewichts der internationalen Finanzmärkte vollzogen.
Exakte Beurteilung des Defizits hält Greenspan nicht für möglich
Greenspan zitierte eine Studie der Fed, nach der Leistungsbilanzdefizite von im Schnitt rund 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nicht tragfähig seien. So groß war das amerikanische Leistungsbilanzdefizit gegen Jahresende. Der Fed-Chairman betonte aber, es sei nicht möglich, exakte numerische Bedingungen zu bestimmen, die die Umkehr eines Leistungsbilanzdefizits unvermeidlich werden ließen.
Amerika könnte im Gegensatz zu anderen Ländern seine externen Defizite in einer Reservewährung finanzieren. Das erlaube vermutlich eine vergleichsweise höhere Auslandsverschuldung. Auch sei der "home bias", eine Verzerrung der Anlageentscheidungen zugunsten des eigenen Landes, im vergangenen Jahrzehnt international signifikant kleiner geworden.
Die zunehmende Offenheit und Transparenz der Finanzsysteme sprächen dafür, daß diese Tendenz fortbestehen werde, sagte Greenspan. Falls dies zutrifft, könnten Leistungsbilanzdefizite länger als vermutet Bestand haben.
Defizit als Gegenstück des internationalen Handels
Greenspan unterstrich, daß flexible Volkswirtschaften und eine flexible Weltwirtschaft es erlaubten, Leistungsbilanzdefizite ohne Krisen auf- und abzubauen. Diese These spiegelt sich darin, daß das amerikanische Leistungsbilanz in den Vereinigten Staaten weniger als Problem gesehen wird als im Europa der stärker regulierten Märkte. Greenspan verwies auch auf die positiven Seiten von Leistungsbilanzdefiziten: Sie seien das Gegenstück zu einer Ausdehnung des internationalen Handels und Folge auch der Liberalisierung der Finanzmärkte. Insoweit seien sie Teil der wohlstandschaffenden Globalisierung.
Der Amerikaner sprach als erster Redner in der Reihe der "Bundesbank Lectures", die jährlich in Berlin stattfinden sollen. Die Bundesbank möchte mit den Veranstaltungen den Dialog der Geldpolitik mit der Politik, der Wirtschaft und der Wissenschaft vertiefen. Hintergrund ist nach Überzeugung von Beobachtern, daß die Bundesbank mit dem Start der Europäischen Währungsunion an geldpolitischen Kompetenzen verloren hat. Sie versuche derzeit, sich als ordnungspolitisches Gewissen der Nation neu zu definieren.
Unterdessen verwies Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) vor seinem Treffen mit Greenspan, bei dem es um die Wechselkursentwicklung zwischen Euro und Dollar gehen sollte, abermals auf die Europäische Zentralbank (EZB). Schröder sagte, die Handlungsmöglichkeiten lägen derzeit vor allem bei der EZB. Er sei guter Hoffnung, daß man bei der EZB die besondere Verantwortung zur Kenntnis genommen habe.
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