03.08.2006 · Die Europäische Zentralbank (EZB) und überraschenderweise die Bank von England haben am Donnerstag wegen erhöhter Inflationsgefahren ihre Leitzinsen erhöht. Im Euro-Raum werden weitere Zinsschritte erwartet.
Die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank von England haben am Donnerstag wegen erhöhter Inflationsgefahren ihre Leitzinsen erhöht. Die Anhebung des Euro-Leitzinses von 2,75 auf 3 Prozent war allgemein erwartet worden. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet deutete für die kommenden Monate weitere Zinsschritte an.
An den Finanzmärkten wird nun spekuliert, daß der Leitzins Anfang Oktober auf 3,25 Prozent und möglicherweise im Dezember auf 3,5 Prozent steigt. Der Zinsschritt der britischen Zentralbank von 4,5 auf 4,75 Prozent hat indes überrascht. Mit Spannung wird nun erwartet, ob auch die amerikanische Notenbank am kommenden Dienstag ihren Leitzins noch einmal erhöht – dort wäre es der 18. Zinsschritt in Folge. Die EZB hatte ihren Leitzins zuletzt Anfang Juni hochgesetzt.
Euro mit Kursgewinnen
Die deutlichen Hinweise von EZB und Bank von England auf erhöhte Risiken für die mittelfristige Preisstabilität nährten an den Finanzmärkten Sorgen, daß weitere Zentralbanken ihre Leitzinsen in nächster Zeit ebenfalls anheben werden. An den Aktienmärkten gaben die Kurse deshalb überwiegend nach. Der Euro profitierte von der Aussicht auf weitere Zinsanhebungen und verbuchte gegenüber dem Dollar leichte Kursgewinne.
Trichet betonte, daß der Euro-Leitzins trotz der Anhebung niedrig sei. Die Geldpolitik unterstütze deshalb das Wirtschaftswachstum. Derzeit deute alles darauf hin, daß die Wirtschaft des Euro-Raums in den nächsten Monaten weiterhin mit ihrer „Potentialrate“ wachsen werde, also mit rund 2 Prozent jährlich. Falls diese Prognose zutreffen sollte, seien weitere Leitzinsanhebungen nötig. Denn nur so werde sichergestellt, daß die Bürger der EZB vertrauten, daß sie mittelfristig Preisstabilität gewährleisten werde. Auf mittlere und längere Sicht gebe es aber das Risiko, daß sich das Wirtschaftswachstum abschwäche, sagte Trichet. Gefahren gingen zum Beispiel von den Spannungen im Nahen Osten, einem weiteren Anstieg der Ölpreise oder vermehrtem Protektionismus nach dem Aussetzen der Welthandelsgespräche aus.
EZB will Inflationserwartungen stabilisieren
Im Juli und in den beiden Monaten zuvor hat die Inflationsrate im Euro-Raum jeweils 2,5 Prozent betragen. Sie liegt damit recht deutlich über dem von der EZB vorgegebenen Ziel einer Jahresinflation von mittelfristig knapp 2 Prozent. Aus den aktuellen Kursen inflationsindexierter Anleihen läßt sich überschlagsmäßig ableiten, daß an den Finanzmärkten derzeit mittelfristig eine Jahresinflation von rund 2,2 Prozent erwartet wird. Dies ist – neben der starken Zunahme von Geldmenge und Krediten – einer der Indikatoren, welche die EZB mit einiger Sorge verfolgt, weil sie auf künftige Inflationsrisiken hindeuten. Trichet sagte, die Zinsanhebung solle dazu beitragen, die Inflationserwartungen auf einem Niveau zu verankern, das der Preisstabilität entspricht. Dies sei der beste Beitrag, den die Geldpolitik zur Förderung von Wirtschaftswachstum und Arbeitsplatzaufbau leisten könne.
Überraschung: Bank von England verweist auf Geldmengenwachstum
Die Bank von England begründete die Leitzinsanhebung damit, daß die Teuerungsrate mit zuletzt 2,5 Prozent über dem angestrebten Ziel liege. Überraschend verwies sie – zum ersten Mal seit Juli 1997 – auch auf das rapide Geldmengen- und Kreditwachstum.
Trichet sagte, aus derzeitiger Sicht werde die Inflation im Euro-Raum in diesem und dem kommenden Jahr über 2 Prozent liegen. Der Anstieg der Öl- und Rohstoffpreise schlage allmählich auf die Verbraucherpreise durch; zudem dürfte die Anhebung indirekter Steuern die Preise erhöhen.
Glos: Zinserhöhung keine Gefahr für Konjunktur
Nach Einschätzung von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) stellt die Zinserhöhung keine Gefahr für den Konjunkturaufschwung dar. „Ich vertraue darauf, daß die EZB bei ihren Entscheidungen im Blick behalten wird, daß die gestiegene Inflationsrate vor allem auch auf die vorübergehend hohen Energiepreise zurückzuführen ist“, sagte Glos. Die deutschen Geschäftsbanken zeigten ebenfalls Verständnis für die Leitzinsanhebung.
Für freie Zuwanderung
Die EZB appelliert an die Regierungen der Staaten im Euro-Raum, die Beschränkung der Zuwanderung von Slowenen aufzuheben. Um die Funktionsfähigkeit der Wirtschaft in der Währungsunion und eine reibungslose einheitliche Geldpolitik zu gewährleisten, sei es unerläßlich, alle Hemmnisse des Binnenmarktes einschließlich der Wanderungshemmnisse abzubauen, sagte EZB-Präsident Trichet. Slowenien führt zum 1. Januar 2007 den Euro ein. Deutschland, Österreich, Frankreich, Belgien und Luxemburg haben die Zuwanderung aus den neuen Mitgliedstaaten noch komplett oder teilweise unterbunden. Im Namen des EZB-Rats rief Trichet zudem alle Regierungen auf, die Doha-Runde vor dem endgültigen Scheitern zu bewahren. (pwe.)
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2466 | −0,18% |
| Rohöl Brent Crude | 106,36 $ | −0,46% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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