08.02.2004 · An diesem Sonntag ist Trichet 100 Tage im Amt. EZB-Beobachter sagen übereinstimmend, er habe einen guten Start hingelegt.
Bei seiner ersten Pressekonferenz als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) ließ Jean-Claude Trichet noch eine leise Unsicherheit durchschimmern. Sie war der Würde des historischen Moments geschuldet, die Trichet am 6. November sichtlich ergriffen hatte. Mittlerweile aber hat der Geldpolitiker die monatlichen Standardauftritte voll im Griff - souverän, diszipliniert, gelegentlich schmallippig und immer mit einer ausgesuchten, aber bestimmenden Höflichkeit. An diesem Sonntag ist Trichet 100 Tage im Amt. EZB-Beobachter sagen übereinstimmend, er habe einen guten Start hingelegt.
"Kontinuität" ist das Wort, das am häufigsten zu hören ist. Damit hat Trichet sein erstes Ziel erreicht: Der Wechsel an der EZB-Spitze von Wim Duisenberg zu ihm sollte die Finanzmärkte nicht verwirren. "Es gibt keinen Bruch in der Einschätzung durch die Märkte", sagt Thomas Mayer, Chefvolkswirt Europa der Deutschen Bank. An der Geldpolitik mußte sich nichts ändern und es hat sich auch nichts geändert, heißt es. Beobachter verweisen darauf, daß Trichet im EZB-Rat ohnehin nur einer von 18 ist, der "Kapitän eines Rugby-Teams". Diesen Vergleich hat Trichet selbst gewählt und so verdeutlicht, daß die "Geldpolitik im Euro-Raum weit stärker entpersonalisiert ist als in den Vereinigten Staaten", sagt Thorsten Polleit, Chefvolkswirt Deutschland bei Barclays Capital.
„Kommunikation ist auch Wiederholung“
Das Lob der EZB-Beobachter für Trichet gründet in der Art und Weise, wie er seine Botschaften vermittelt: keine großen Worte, eng an den schriftlichen Erklärungen orientiert, wenige Aussagen, diese aber oft. "Kommunikation ist auch Wiederholung", hat Trichet sich bei den Journalisten dafür entschuldigt, daß es "ein bißchen langweilig" sein könne. "Die Kommunikation ist straffer geworden", sagt Joachim Fels, Europavolkswirt bei Morgan Stanley. "Die EZB bemüht sich noch mehr als früher, mit einer Stimme zu sprechen. Und Trichet ist derjenige, der den Ton vorgibt."
Offensichtlich wurde dies bei den verbalen Interventionen, mit denen die EZB im Januar aus Sorge um den aufwertenden Euro das Wort ergriff. Erst gab Trichet in der Pressekonferenz eine Abneigung gegenüber "übermäßigen Wechselkursschwankungen" bekannt. Als die Märkte nicht hörten, legte er wenig später nach und sprach von brutalen Kursbewegungen. "Wir sind besorgt." Nun horchten die Märkte auf. Andere EZB-Ratsmitglieder sekundierten in ähnlicher Wortwahl, und es gelang, die Spekulationswelle zu brechen. Dies wird Trichet als Erfolg gutgeschrieben.
Deutliche Worte und diplomatische Form
Mehr als sein Vorgänger sehe sich Trichet als "Euro-Spokesman", heißt es, der den Devisenmärkten klare Signale gebe. Ein "starker und stabiler Euro" gilt ihm als langfristiges Ziel. Den Titel des selbsternannten "Mister Euro" hat Trichet trotz Aufforderungen von Journalisten aber nicht von seinem Vorgänger übernommen. Duisenberg hatte mit dem plakativen Etikett geklärt, daß in operativen Wechselkursfragen die EZB das letzte Wort hat und nicht der Vorsitzende der Euro-Gruppe der Finanzminister der Euro-Staaten. Trichet hält sich in dieser Frage bedeckter. Er betont aber mit Nachdruck, daß jeder seine klaren Zuständigkeiten habe.
Die diplomatische Form hält den Franzosen von deutlichen Worten in der Sache nicht ab. Trichet alarmierte mit einem offenen Brief an den EU-Ratsvorsitzenden, als in den Wirren um eine Europäische Verfassung die Unabhängigkeit der EZB bedroht wurde. "Er hat so klar Stellung bezogen, wie man es erwarten durfte", sagt Manfred J. M. Neumann, Professor an der Universität Bonn. Und als die EU-Finanzminister den Stabilitäts- und Wachstumspakt faktisch aushebelten, veröffentlichte die EZB in Eile eine Erklärung mit scharf tadelnder Deutlichkeit. Dennoch heißt es hier und dort nicht ohne Sorge, die Solidität der Finanzpolitik treibe Trichet nicht so sehr um.
Stete Ermahnung, den Lissabon-Prozeß voranzutreiben
Auffällig ist, wie oft der 61 Jahre alte Trichet die Regierungen ermahnt, den Lissabon-Prozeß voranzutreiben, um mit mehr Marktwirtschaft das Wachstumspotential zu stärken. Er wolle nicht belehren, sagt Trichet. Doch müsse die EZB die Strukturreformen "preisen und unterstützen". Die Bürger in Europa müßten sich vor den Reformen nicht fürchten, erklärte er noch am vergangenen Donnerstag auf der - geldpolitischen - Pressekonferenz. "Bedrohlicher wäre es, wenn wir die Reformen nicht in Angriff nähmen." Trichet zeige bei diesem Thema "Herzblut", beobachtet Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz Gruppe. Michael Hüther, Chefvolkswirt der Deka-Bank, sagt: "Es ist klug, immer wieder über Strukturreformen zu sprechen. Damit nimmt Trichet jede naive Erwartung heraus, die Notenbank könne durch Zinspolitik das Wachstum stärken."
Dem Bild des kühlen Planers entspricht der Weg, auf dem Trichet in die Öffentlichkeit ging. Der erste öffentliche Auftritt war die Pressekonferenz im November; sie zeigte Trichet als verantwortungsbewußten Geldpolitiker. Die erste Rede hielt er wenig später vor der Frankfurter Finanzgemeinde, am Center for Financial Studies, unter der Schirmherrschaft des ehemaligen Bundesbankpräsidenten Karl Otto Pöhl. Demonstrativ bekannte Trichet sich so zur geldpolitischen Tradition und - mit der Rede selbst - zur EZB-Strategie. Das erste Interview gab Trichet dann dem "Wall Street Journal Europe" - das zeigte ihn als Europäer, der übernational handelt. Bewundert loben EZB-Beobachter die gelungene Kommunikationsstrategie. Um so unangenehmer fällt manchem hinter vorgehaltener Hand auf, daß Trichet in Pressekonferenzen französisch gestellte Fragen auf französisch beantwortet. Es gehöre sich für den obersten europäischen Geldpolitiker, so hört man, durchgängig die Arbeitssprache der EZB zu verwenden. Diese ist Englisch.
Überzeugend auch im kleinen Kreis
Überzeugend wirkt Trichet im kleinen Kreis, wenn seine nachdenklichen Bemerkungen ein klares und tiefes Verständnis ökonomischer Zusammenhänge aufscheinen lassen. Norbert Walter, der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, ist sich daher sicher: "An dem Tag, an dem Alan Greenspan abtritt, wird Jean-Claude Trichet die Nummer eins unter den Zentralbankern der Welt sein." Das nötige Selbstbewußtsein fehlt Trichet nicht. Als bei einer Präsentation am Center for Financial Studies ein junger Professor sich in seinen Formeln verlor und die Zeit bis zur geplanten Präsidentenrede knapp wurde, stoppte Trichet den Wissenschaftler mit den Worten: "Ist Ihr Ergebnis nicht trivial?"
| Name | Kurs | Prozent |
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| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2466 | −0,18% |
| Rohöl Brent Crude | 106,36 $ | −0,46% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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