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Geldpolitik Der nächste EZB-Zinsschritt wird für Mai erwartet

 ·  Eine Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) rückt nach Einschätzung von Finanzmarktteilnehmern näher. Das parallele Wachstum von Geldmenge und Krediten erhöht die Inflationsrisiken.

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Eine Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) rückt nach Einschätzung von Finanzmarktteilnehmern näher. Am Donnerstag kommt der EZB-Rat in Frankfurt zusammen. Von der anschließenden Pressekonferenz von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet erhoffen die Analysten sich Hinweise darauf, ob die Zentralbank schon im Mai oder erst im Juni zur Tat schreiten wird. Nach Umfragen tippen rund zwei Drittel der Volkswirte auf Mai.

Die EZB hatte im Dezember und im März den Leitzins um jeweils 0,25 Prozentpunkte von 2 auf 2,5 Prozent erhöht, um Risiken für die Preisstabilität einzudämmen. Am Geldmarkt wird die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im Mai mit mehr als 50 Prozent eingeschätzt. Die Geldhändler rechnen bis Ende 2006 mit Zinserhöhungen auf 3 oder 3,25 Prozent.

Geldmenge und Kredite nehmen ungebremst zu

Gestützt werden die Erwartungen durch das ungebremste Wachstum von Geldmenge und Krediten im Euro-Raum, das auf einen weiter kräftigen Liquiditätsaufbau hindeutet. Nach den jüngsten verfügbaren Daten der EZB wuchs die Geldmenge M3 im Februar um 8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Das ist deutlich schneller als der Referenzwert der EZB von 4,5 Prozent. Vor allem aber beschleunigte sich abermals das Kreditwachstum auf 10,3 Prozent. Die Ausleihungen entwickeln sich derzeit so kräftig wie in den ersten Jahren der Währungsunion, in denen die Euro-Wirtschaft um mehr als 3 Prozent wuchs. Diese Wachstumsraten erwartet nun niemand, wohl aber ein Wachstum um 2 Prozent.

Seit Jahresmitte 2004 haben sich das Wachstum der Geldmenge und der Kredite parallel beschleunigt. Das jüngste Auseinanderklaffen begründete die EZB unlängst mit der Rückschichtung von kurzfristig geparktem Geld. Die in der Geschichte der Währungsunion bislang einmalige Parallelentwicklung zeigt, wie sehr der niedrige Zins die Wirtschaft anschiebt und sich damit mittelfristige Preisrisiken aufbauen.

EZB-Rat: Zinserhöhung im Mai nicht unwahrscheinlich

Dabei legen nicht nur die Kredite für Wohnimmobilien, sondern auch die an Unternehmen und für Konsum deutlich zu. Deren Wachstumsraten haben sich seit dem Tief im Jahr 2003 mehr als verdoppelt. Der britische Ökonom Charles Goodhart wies unlängst darauf hin, daß die parallele Entwicklung von Geldmenge und Krediten frühzeitig die Konjunkturerholung und damit verbundene Preisrisiken angezeigt habe. Dies stütze die Bedeutung der monetären Analyse.

Aus dem EZB-Rat ist zu hören, daß eine Zinserhöhung im Mai nicht mehr unwahrscheinlich ist. In der vergangenen Woche haben viele der 18 Mitglieder des Gremiums eher die Notwendigkeit von Zinserhöhungen betont, ohne sich auf Termine festzulegen. Am weitesten ging der Luxemburger Notenbankpräsident Yves Mersch. Er sagte der Zeitung "International Herald Tribune", die EZB müsse zur Wahrung der Preisstabilität ihren Worten noch Taten folgen lassen.

Einfluß indirekter Preissteigerungen nimmt zu

Mersch erkannte als Gefahr, daß die Inflationsrate nach den Projektionen der EZB-Ökonomen in diesem und im kommenden Jahr wohl bei 2 Prozent und mehr liegen dürfte. Damit hätte die EZB im siebten und achten Jahr nacheinander die Marke für Preisstabilität knapp verfehlt, die auf mittlere Sicht bei "unter, aber nahe" 2 Prozent liegt. Im März lag die Inflationsrate nach einer ersten Schätzung bei 2,2 Prozent. Dämpfend könnte in den kommenden Monaten wirken, daß frühere Ölpreissteigerungen aus der Jahresinflationsrate herausfallen. Dem steht entgegen, daß sich mit den jüngsten Ölpreissteigerungen neuer Preisdruck aufbaut, der sich durch die anziehende Konjunktur ausweiten könnte. Relevant für die Geldpolitik ist die Entwicklung auf Sicht von etwa 18 Monaten.

Mersch, der als Zinserhöhungsfalke gilt, warnte: "Wir beginnen, einen gewissen Einfluß von indirekten Preissteigerungen zu sehen." Mit dem Begriff indirekte Preissteigerungen umschreiben die Notenbanker Preiserhöhungen von Unternehmen, mit denen höhere Energiekosten an die Kunden weitergereicht werden. Die Erzeugerpreise der Industrieunternehmen im Euro-Raum lagen im Januar deutliche 1,2 Prozent höher als im Dezember. Hauptverantwortlich dafür waren Energiepreise; doch zeigte sich auch eine gewisse Beschleunigung bei den Preisen für Investitions- und Gebrauchsgüter. Von den indirekten Preissteigerungen grenzen sich die Sekundäreffekte ab, die in der Notenbankersprache etwa höhere Lohnabschlüsse zum Ausgleich des Energiepreisanstiegs umfassen. An diesen Risiken habe sich auch nach den bisherigen zwei Zinserhöhungen nichts geändert, sagte EZB-Direktoriumsmitglied Jose Manuel Gonzalez-Paramo unlängst in Madrid.

„Wir leben in einer Situation, die recht riskant ist.“

Betont haben die Notenbanker zuletzt auch die Sorge vor Verwerfungen bei den Vermögenspreisen als Folge der niedrigen Zinsen. Chefvolkswirt Otmar Issing sagte: "Wir leben in einer Situation, die recht riskant ist." Das starke Wachstum der Kredite für Wohnimmobilien zeigt, daß die Überschußliquidität auch in Hausvermögen geflossen ist. Bundesbank-Vizepräsident Jürgen Stark, der im Juni als Issings Nachfolger ins EZB-Direktorium einziehen dürfte, warnte unlängst vor der globalen Liquiditätsschwemme: "Man muß sich fragen, ob die Leitzinsen hier die richtigen Signale geben."

Quelle: pwe., F.A.Z., 04.04.2006, Nr. 80 / Seite 21
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