23.04.2009 · Deutschland steckt in der schlimmsten Rezession seit der Großen Depression. Die Wirtschaftsleistung werde um 6 Prozent schrumpfen, schätzen die Wirtschaftsforschungsinstitute. Forderungen nach einem dritten staatlichen Konjunkturpaket lehnen sie dennoch entschieden ab.
Von Andreas Mihm, BerlinDie Wirtschaftskrise wird in diesem Jahr zu einer erheblichen Verschlechterung der Lebensbedingungen in Deutschland führen. Das sagen die Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrer Frühjahrsprognose voraus, die am Donnerstag offiziell vorgestellt wird. Nach den Berechnungen, die der F.A.Z. vorliegen, schrumpft das Bruttoinlandsprodukt (BIP) allein in diesem Jahr um 6 Prozent, ohne dass 2010 eine deutliche Besserung zu erwarten sei. Vielmehr rechnen die Institute mit einer schleppenden Erholung und einem niedrigen Wachstum in den kommenden Jahren. „Das BIP wird im Jahr 2013 noch nicht wieder das Niveau von 2008 erreicht haben“, sagte einer der beteiligten Ökonomen. Forderungen nach einem dritten staatlichen Konjunkturpaket lehnen die Institute dennoch entschieden ab.
Bis Ende 2010 werde die Krise 1,1 Millionen Beschäftigten die Arbeitsstelle kosten, erwarten die Forscher. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Stellen werde „dramatisch“ um 320.000 im Jahresdurchschnitt sinken. Das ist ein Fingerzeig darauf, dass die Sozialversicherung tiefe Einbrüche der Beitragseinnahmen erleiden werden. Um sinkende Steuereinnahmen auszugleichen und die Konjunkturpakete zu finanzieren, wird die Neuverschuldung von Bund, Ländern und Gemeinden demnach mit knapp 90 Milliarden und mehr als 130 Milliarden Euro im nächsten Jahr neue Rekordmarken erreichen.
Spannungen werden sich ausdehnen
Schon bald werde die Krise den Arbeitsmarkt voll erreichen. „Bis zur Jahresmitte dürften sich die Spannungen auf dem Arbeitsmarkt nach und nach auf alle Branchen ausdehnen“, heißt es in dem Gutachten. Nur die Bauwirtschaft, die von den Konjunkturpaketen profitiere, bleibe davon verschont. Die steigende Arbeitslosigkeit werde den privaten Konsum schwächen. Für den Export, der dieses Jahr um mehr als ein Fünftel einbrechen dürften, rechnen die Institute in der zweiten Jahreshälfte mit einer leichten Belebung.
Auch im nächsten Jahr erwarten die Forscher allgemein keine Besserung. „Für 2010 ist nicht mit einer durchgreifenden Erholung zu rechnen“, schreiben sie, und weiter: „Erfahrungen mit früheren Rezessionen zeigen, das diese besonders hartnäckig sind, wenn sie mit Banken- und Immobilienkrisen einhergehen.“ Die Wirtschaftsleistung werde stagnieren, bestenfalls leicht zulegen. Die Zahl der Erwerbstätigen dürfte noch stärker als in diesem Jahr um 900.000 zurückgehen, die Zahl der Arbeitslosen auf 4,7 Millionen und die Arbeitslosenquote auf 10,8 Prozent springen. Der Staat werde sich sogar mit 132,5 Milliarden Euro neu verschulden müssen; das entspräche einer Quote von 5,7 Prozent des BIP.
Mit Priorität die Probleme im Finanzsektor angehen
Die bisherigen Anstrengungen der Regierung zur konjunkturellen Stabilisierung beurteilen die Wirtschaftsforscher „im Großen und Ganzen positiv“. Weitere staatliche Stützungsmaßnahmen lehnen sie ab: „Bei der hier prognostizierten konjunkturellen Entwicklung und der deutlichen Expansion der Finanzpolitik ist nach Einschätzung der Institute kein weiteres Konjunkturpaket erforderlich.“ Die Wirtschaftspolitik solle vielmehr „mit Priorität die Probleme im Finanzsektor angehen.“
So lange dieser gestört sei, dürfte es kaum zu einer dauerhaften Erholung kommen. Es sei ohnehin fraglich, ob weitere fiskalische Impulse, also staatliche Ausgabenprogramme, nicht durch die Zeitverzögerungen zu spät kämen. Sie könnten dann „prozyklisch“ wirkten, also erst nach Beginn der Erholung auf den Märkten ankommen. Mittelfristig komme es darauf an, dass die Geldpolitik die hohe Liquidität bei Zeiten wieder abschöpfe und die Regierung die Neuverschuldung wieder abbaue.
Vertrauen in die Finanzmärkte
Deutschland wird nach der Analyse der Institute von dieser „tiefsten Rezession seit der Großen Depression“ stärker getroffen, als viele andere Länder in Europa oder Amerika. Dabei setzen die Forscher voraus, dass es weltweit im kommenden Jahr zu einer allmählichen Stabilisierung der Konjunktur kommt. Allerdings weisen sie auf vielfältiger Risiken dieser Prognose hin. So sei unterstellt, dass es an den Finanzmärkten nicht zu einer neuerlichen Verschärfung komme. Andererseits könne die Erholung auch schneller kommen, wenn das Vertrauen in die Finanzmärkte unerwartet rasch zurückkehre. Zudem wird auf die Risiken rascher Wechselkursänderungen verwiesen.
In den vergangenen Jahren hatten die Institute in ihren Gutachten den Konjunkturverlauf zu oft falsch eingeschätzt, sagen Kritiker. Ihre Prognosen lagen häufig daneben, besonders die im Vorjahr veröffentlichten. Zur Entschuldigung verweisen die Ökonomen darauf, dass ihre Modelle an Grenzen stoßen, wenn die Wirtschaft wegen der Finanzkrise abrupt bremse. Dies sei ein Strukturbruch, der mit den gängigen ökonometrischen Methoden nicht berechnet werden könne.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |