27.04.2006 · Die Forschungsinstitute prognostizieren für 2006 ein Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent und ein Staatsdefizit unter 3 Prozent. Aus Sorge vor einem Konjunkturdämpfer im nächsten Jahr schlagen sie einen Kompromiß zur Mehrwertsteuer-Erhöhung vor - FAZ.NET-Spezial.
Die deutsche Wirtschaft wird in diesem Jahr beschleunigt um 1,8 Prozent wachsen und im kommenden Jahr unter anderem als Folge der Mehrwertsteuererhöhung deutlich an Schwung verlieren. Die großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute prognostizieren in ihrer Gemeinschaftsdiagnose für 2007 einen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von nur 1,2 Prozent. Ökonomen erwarten, daß die dann höhere Steuerlast vor allem den Konsum und die Investitionen treffe.
Die Bundesregierung plant offenbar, am Freitag ihre Wachstumsprognose für 2006 von 1,4 Prozent auf 1,6 oder 1,7 Prozent anzuheben, erfuhr diese Zeitung aus Regierungskreisen. Es sei zweifelhaft, ob die Institute Risiken wie die Rohstoffpreise und die weltwirtschaftlichen Ungleichgewichte hinreichend berücksichtigt hätten.
Erholung am Arbeitsmarkt
Im vergangenen Jahr wuchs das BIP 0,9 Prozent. Die Institute sind optimistischer als im Herbst, als sie für dieses Jahr einen BIP-Zuwachs von 1,2 Prozent erwarteten. Bankvolkswirte prognostizieren derzeit im Durchschnitt ein Wachstum von 1,7 Prozent. Doch ist die Spannweite mit 1,3 bis 2,2 Prozent groß.
Mit der Wirtschaftserholung soll sich die Lage am Arbeitsmarkt bessern. Die Institute erwarten einen Rückgang der Arbeitslosenquote von 11,7 im vergangenen Jahr über 10,6 auf 10,2 Prozent im kommenden Jahr. Die Zahl der Arbeitslosen soll 2006 auf 4,58 Millionen und 2007 auf 4,44 Millionen fallen; das wären dann rund 420.000 weniger als im vergangenen Jahr. Die Beschäftigung werde 2006 um 0,3 und 2007 um 0,5 Prozent auf dann 39,1 Millionen steigen. Die Lohnstückkosten würden in diesem Jahr abermals sinken und 2007 leicht steigen.
Geringeres Staatsdefizit
Das Staatsdefizit wird nach dem Gutachten 2006 auch als Folge der besser laufenden Konjunktur auf 2,9 Prozent des BIP und damit unter die Maastricht-Grenze von 3 Prozent sinken - zum ersten Mal seit vier Jahren. Im kommenden Jahr halten die Ökonomen ein Defizit von 2 Prozent für möglich. Hier schlägt sich die Verbesserung der strukturellen Staatseinnahmen durch die geplante höhere Mehrwertsteuer nieder. 2005 lag das Defizit bei 3,3 Prozent. Die Institute sind zuversichtlicher als die Regierung, die von einem Defizit von 3,3 Prozent in diesem und von 2,5 Prozent im kommenden Jahr ausgeht.
Verbraucher wollen mehr kaufen
Die für 2006 positive Linie des Gutachtens wird durch aktuelle Wirtschaftsdaten gestützt. So stieg der Konsumklimaindex der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg im April auf 5,3 Punkte und könnte im Mai 5,5 Punkte erreichen, hieß es am Mittwoch. Die Neigung der Verbraucher zu größeren Anschaffungen habe sich abermals deutlich verbessert. Die Verbraucher schätzten die konjunkturellen Aussichten besser ein; sie erwarten aber eine leichte Verschlechterung ihrer Einkommen. Die GfK begründet die höhere Kauflust auch damit, daß die Verbraucher vor der Mehrwertsteuererhöhung 2007 Käufe vorziehen. Solche Effekte tragen nach Analyse der Institute in diesem Jahr 0,2 Prozentpunkte zum Wachstum bei.
Kompromiß zur Erhöhung der Mehrwertsteuer
Die Mehrwertsteuererhöhung werde im kommenden Jahr die Verbraucherpreise stark steigen lassen, heißt es in dem Frühjahrsgutachten. Aus Sorge vor einem Konjunkturdämpfer schlagen die Ökonomen einen Kompromiß zur geplanten Mehrwertsteuer-Erhöhung vor. Die Steuer solle nicht wie von der Koalition vorgesehen zum 1. Januar von 16 auf 19 Prozent, sondern in einem ersten Schritt nur auf 18 Prozent erhöht werden. 2008 könne dann die Anhebung auf 19 Prozent folgen, um damit in der Unternehmensteuerreform eine Nettoentlastung der Wirtschaft zu finanzieren.
Die Institute erwarten eine Inflationsrate von 1,6 Prozent in diesem und von 2,5 Prozent im kommenden Jahr. Damit fällt die Inflationsprognose für 2006 sogar geringer aus als im Herbstgutachten mit 2 Prozent. Die Europäische Zentralbank (EZB) werde den Leitzins 2006 noch von 2,5 auf 3 Prozent anheben und ihn dort bis Ende 2007 belassen.
Euro-Wirtschaft wächst um 2,1 Prozent
Für den Euro-Raum erwarten die Institute ein Wachstum von 2,1 Prozent in diesem Jahr, das sich 2007 auf 1,8 Prozent abschwächen soll. Damit wüchse die Euro-Wirtschaft in etwa mit der inflationsneutralen Potentialwachstumsrate.Die Prognose trifft sich mit den Projektionen der EZB-Volkswirte. Im vergangenen Jahr legte die Euro-Wirtschaft 1,3 Prozent zu.
Nach Angaben des europäischen Statistikamts vom Mittwoch stagnierte die Industrieproduktion im Euro-Raum im Februar. Der Aufwärtstrend blieb aber intakt. Auf eine Fortdauer der guten Industriekonjunktur im Euro-Raum deutet auch der Auftragseingang im verarbeitenden Gewerbe hin, der im Februar um deutliche 2,7 Prozent gegenüber Januar stieg. Ohne Großaufträge im Fahrzeugbau betrug das Plus indes nur 0,3 Prozent.
Die Institute legen ihrer Prognose einen Ölpreis von durchschnittlich 65 Dollar je Barrel (159 Liter) in diesem und von 60 Dollar im kommenden Jahr zugrunde. Am Mittwoch kostete ein Barrel Öl rund 73 Dollar. Der Wechselkurs des Euro wird mit 1,20 Dollar je Euro unterstellt.
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