Home
http://www.faz.net/-gqf-pxqe
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Folgen der Flut Tsunami stürzt zwei Millionen Menschen in Armut

13.01.2005 ·  Fürchterlich für die Betroffenen, kaum bedeutend für die Volkswirtschaften, so analysiert auch die Asiatische Entwicklungsbank die Folgen der Flut. Indien, Indonesien, Malaysia und Thailand seien gerüstet, die Tragödie zu verarbeiten.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Etwa zwei Millionen Menschen könnten durch die Flutkatastrophe in Asien in Armut gestürzt werden. "Der Tsunami hat enorme Auswirkungen auf die Armut", warnte Ifzal Ali, Chefvolkswirt der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB), am Donnerstag. Nach Schätzungen der Bank werden allein in Indonesien zusätzlich mehr als eine Million Menschen unter die Armutsgrenze fallen. Die Küstenstreifen der Provinz Aceh wurden von der Flut verwüstet. In Indien dürfte die Zahl der Armen um weitere 645.000 Menschen ansteigen, sagt Ali. In Sri Lanka erwartet die Bank zusätzlich eine Viertelmillion Menschen in Armut. Auf den Malediven rechnet sie mit 23.500 Opfern. Diese Zahl hört sich vergleichsweise gering an, macht aber die Hälfte der dortigen Bevölkerung aus.

"Der wirtschaftliche Einfluß des Tsunami wird die lokale und regionale Ebene treffen und Hunderttausende ohnehin schon arme Menschen in noch tiefere Armut stürzen", heißt es der Analyse der ADB. Die Länder haben unterschiedliche Maßstäbe für die Grenze zur Armut - international ist die Grenze dort gezogen, wo Menschen ihr Leben mit weniger als einem Dollar täglich fristen. Wird dieser internationale Maßstab zugrunde gelegt, steigt der Bevölkerungsanteil der Armen aufgrund der tödlichen Welle in Indonesien (Zahl der Armen 2002: 16 Millionen) von 7,5 auf 8 Prozent der Gesamtbevölkerung, in Indien (359 Millionen) von 34 auf 34,1 Prozent, und in Sri Lanka (239000) verdoppelt er sich von 1,3 auf 2,7 Prozent. Die Zahl der nun zusätzlich Verarmenden könnte dann sprunghaft steigen, wenn nicht schnell den sanitären und gesundheitlichen Bedürfnissen der Betroffenen Rechnung getragen würde, warnen die Banker.

Fürchterlich für die Betroffenen, kaum bedeutend für die Volkswirtschaften

Allerdings stützt auch Ali die Sicht, daß die Katastrophe vom zweiten Weihnachtstag zwar für die Betroffenen fürchterliche Auswirkungen hatte, für die Volkswirtschaften vergleichsweise wenig bedeutend ist: "Mit Ausnahmen von Sri Lanka und den Malediven sollten die betroffenen Länder mit minimalen Folgen für ihre Gesamtwirtschaft davonkommen", sagte der ADB-Volkswirt. "Auf der Grundlage des starken Wachstums in den Jahren 2001 bis 2004 dürften Indien, Indonesien, Malaysia und Thailand gerüstet sein, die Tragödie zu verarbeiten. Ihre Finanzdaten haben sich verbessert, die Auslandsreserven sind hoch."

In Washington wies der Präsident der Weltbank, James Wolfensohn, darauf hin, daß die internationale Hilfe für die von der Tsunami-Katastrophe betroffenen Menschen in Asien nur dann sinnvoll und erfolgreich eingesetzt werden könne, wenn sie sich an den Bedürfnissen vor Ort ausrichte und auch kulturelle Besonderheiten berücksichtige. "Wir dürfen uns nicht so sehr von den Zahlen der möglichen Finanzhilfe leiten lassen als vielmehr davon, wofür Nachfrage besteht, was wirklich benötigt wird", sagte Wolfensohn nach der Rückkehr von einer Reise in die Krisenregion.

Weltbank: Aufbauplan erst in zwei, drei Monaten

Nach seinen Worten wird eine erste, grobe Schadensbewertung binnen zwei Wochen verfügbar sein; ein detaillierter Wiederaufbauplan dürfte aber erst in zwei bis drei Monaten vorliegen. "Es geht um mehr, als nur zu vermeiden, daß die alten Armenviertel wiederaufgebaut werden", sagte Wolfensohn. Die Weltbank könne für den langfristigen Wiederaufbau bis zu 1,5 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen. Bisher hat das multilaterale Kreditinstitut Indonesien 300 Millionen Dollar, Sri Lanka 100 Millionen Dollar und den Malediven 12 Millionen Dollar Soforthilfe zugesagt.

In den Vereinigten Staaten regt sich unterdessen Widerstand gegen Forderungen nach der Beseitigung von Handelshemmnissen als Form der internationalen Hilfe. Anlaß sind Bemühungen von Ländern wie Sri Lanka und Thailand, ihren Zugang zum amerikanischen Markt für Textilien oder Garnelen zu verbessern. Sowohl die amerikanische Textilindustrie als auch die Garnelenfischer sehen sich seit geraumer Zeit von der Konkurrenz aus Asien bedroht. Erst in der vergangenen Woche hat die zuständige Handelskommission in Washington befunden, daß die Einfuhr von Garnelen aus einer Reihe von Ländern, darunter auch Thailand und Indien, heimischen Fischern und den weiterverarbeitenden Betrieben Schaden zufügt. Die Entscheidung ebnet den Weg für mögliche Strafzölle. "Wir sollten den betroffenen Ländern helfen. An der Rechtslage hat sich durch die Katastrophe aber nichts geändert", sagte Eddie Gordon, Interessenvertreter der Garnelen-Fischer und -Verarbeiter.

Quelle: che./ctg., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. Januar 2005
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 8 7

29.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.396,84 +1,16%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.394,15 +1,26%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2461 −0,22%
Rohöl Brent Crude 106,35 $ −0,47%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.