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Finanzkrise Die Wirtschaft macht jetzt schlapp

28.12.2008 ·  Minus zwei Prozent Wachstum im nächsten Jahr prophezeien die Fachleute. Und das ist noch der günstigste Fall. Doch was heißt das eigentlich ganz konkret für uns? Die Antwort ist bitter.

Von Inge Kloepfer
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Die deutsche Wirtschaft schrumpft. So viel ist für 2009 absehbar. Die Vorhersagen der Ökonomen – und inoffiziell auch die der Bundesregierung – liegen bei einem Minus von zwei bis vier Prozent. Selbst der günstigste Fall ist in der Nachkriegszeit ohne Beispiel. Minus zwei Prozent – so etwas hat es noch nie gegeben.

Doch der Mechanismus des Schrumpfens ist bekannt. Es ist, als würde aus einer noch prall gefüllten Luftmatratze mit verschiedenen, untereinander verbundenen Kammern die Luft entweichen. Einige trifft es früher, andere später. Am Ende ist überall weniger drin.

Weniger Produktion, weniger Aufträge

Schrumpfen bedeutet, dass die Wirtschaft weniger produziert. Gemessen an Produkten und Dienstleistungen und gemessen daran, was an Einsatz nötig ist: Energie zum Beispiel oder Arbeitskräfte. Schon seit dem Frühjahr geht es bergab mit der Produktion. Da sah es noch so aus, als fände der Aufschwung ein vergleichsweise normales, gemächliches Ende. Doch mit dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers kam alles anders. Auf einen Schlag haben Unternehmen auf die Bremse getreten – so abrupt wie selten zuvor. Aus Angst vor einem Zusammenbruch des globalen Finanzsystems bestellten sie nichts mehr oder stornierten ihre Aufträge. „Der Strom der Auftragseingänge ist einfach abgerissen“, sagt Michael Hüther, Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Im September 2008 beginnt die Geschichte des Schrumpfens der Wirtschaft – mit einem Schock, der aus deutscher Sicht von außen kam.

Schrumpfen heißt für die Unternehmen zunächst, dass sie weniger Aufträge bekommen. Aus der ersten Kammer beginnt die Luft zu entweichen. Das zieht auch Luft aus benachbarten Kammern ab. Die sensible Investitionsgüter-Industrie leidet als eine der ersten. Nirgends lässt sich die Hoffnung auf florierende Geschäfte besser ablesen. Denn nur wer an die Zukunft glaubt, investiert. Doch auch die Angst vor dem Abschwung zeigt sich hier als erstes.

Weniger Maschinen, weniger Transporte

Es sind Industrien wie der Maschinen- und Anlagenbau, die jetzt darben: In der Branche mit rund 200 Milliarden Euro Jahresumsatz gibt es Unternehmen, deren Aufträge sich halbiert haben, etwa manche Baumaschinenhersteller oder Autozulieferer. Es werden weniger Kipper, weniger Kräne, weniger Zementanlagen, weniger Fleischwölfe, weniger Getränkeabfüllanlagen bestellt. Konstrukteure haben schon nichts mehr zu tun, während die Angestellten in der Produktion womöglich noch damit beschäftigt sind, die Bestellungen aus vergangenen Boomzeiten zu fertigen. Es gibt also Kammern, die voller Luft sind – noch.

Für den Maschinen- und Werkzeugbau liefert das Münchener Ifo Institut für Wirtschaftsforschung Zahlen. 2009 werden die Ausrüstungsinvestitionen um etwa 10 Milliarden Euro zurückgehen, heißt es da. Das sind gut vier Prozent weniger als 2008. Es könnten auch minus zehn Prozent werden. Maschinen werden nicht neu gekauft, Werkzeuge nicht nachgekauft. Schrumpfen bedeutet, dass weniger neue Autos von den Bändern der Automobilkonzerne hier in Deutschland rollen werden – womöglich nur noch fünf statt fünfeinhalb Millionen wie noch in diesem Jahr, oder sogar noch weniger. Und Schrumpfen bedeutet auch, dass ein Stahlwerk, das für die Autoindustrie produziert, aufgrund mangelnder Bestellungen alle für das erste Quartal 2009 geplanten Erneuerungsinvestitionen aufschiebt.

Wenn weniger hergestellt wird, gibt es auch weniger Transporte. Aus der nächsten Kammer entweicht die Luft, das Transportgewerbe ist getroffen. 5000 Unternehmen könnten 2009 nicht überleben, 40 000 Arbeitsplätze wegfallen, wird befürchtet. 35 000 bis 70 000 Lastwagen werden weniger über die Straßen rollen. Weniger Aufträge, weniger Produktion – das bedeutet weniger Verkehr zwischen den Werken, zwischen Lieferanten und Kunden, zwischen In- und Ausland. Wenn Mobilität ein sicherer Indikator für eine prosperierende Wirtschaft ist, dann bedeutet Schrumpfen vielerorts Stillstand – im wahrsten Sinne des Wortes.

Weniger Arbeiter

Nach einiger Zeit erreicht das auch den Arbeitsmarkt. Unternehmen brauchen weniger Arbeiter. Zunächst kommt es zu verlängerten Werksferien. Es folgt Kurzarbeit – ein Mittel der Politik. Fast könnte man sagen: Wenn es glimpflich ausgeht, wird es viel Kurzarbeit geben. Denn Unternehmen, die diese beantragen, haben noch Hoffnung, dass bald wieder genügend Arbeit da ist. Jene, die wenig Hoffnung haben, werden Mitarbeiter entlassen.

Der Präsident der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, rechnet 2009 mit mindestens 600 000 Erwerbslosen mehr als heute. Er geht dabei allerdings von dem harmlosen Szenario eines Schrumpfens der Wirtschaft um 0,5 Prozent aus. Kommt es schlimmer, dann könnte es auch eine Million zusätzlicher Erwerbslose geben, sagt Weise.

Für diese Prognose bleibt ihm nur die Faustformel, dass ein Rückgang der Wirtschaftsleistung um zwei Prozent die Zahl Arbeitsplätze um eine Million sinken lässt. Mit einem Schrumpfen in der bevorstehenden Größenordnung hat die Bundesagentur keine Erfahrung. „Das schlechteste Jahr“, heißt es dort, „ist 1975 mit einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um 0,9 Prozent gewesen.“

Mehr Sparer

Schrumpfen könnte auch bedeuten, dass die Menschen sehr viel mehr sparen. Eine Sparquote von bis zu zwanzig Prozent ist technisch möglich, haben Ökonomen ausgerechnet. Auf neue Autos verzichten die Konsumenten schon jetzt. Möbel, Fernseher, Küchenherde, neue Kleidung – das alles könnte folgen. Zurzeit liegt die Sparquote bei 11,4 Prozent – so hoch wie seit 15 Jahren nicht mehr. Für den Handel eine Katastrophe. Er spielt am Ende der Geschichte des Schrumpfens seine Rolle. „Wir stellen keine Prognose, weil wir nichts prognostizieren können“, heißt es beim Hauptverband des deutschen Einzelhandels. Noch sei die Rezession bei den Menschen nicht angekommen. „Das passiert meistens erst dann, wenn die Wirtschaftskrise den Arbeitsmarkt erreicht.“

Die Stimmung kann aber auch schneller kippen, wenn die Menschen in Erwartung finanzieller Einbußen jetzt schon ihr Geld zusammenhalten. Es kann sein, dass nicht nur die Unternehmen ihre Investitionen aufschieben, sondern – kaum zeitversetzt – die Bürger ihren Konsum.

Und die Preise?

Schrumpfen bedeutet dann auch ein Ende der schnellen Preissteigerungen. Denn die Nachfrage sinkt und damit auch die Inflation. Doch auf einmal erscheint das Langersehnte hochgefährlich. Denn die Menschen können zwar mehr kaufen, wenn die Preise langsamer steigen. Doch es kann auch dazu kommen, dass Produkte auf breiter Front billiger werden. Für die Wirtschaft wäre das eine Katastrophe. Denn eine solche Deflation führt dazu, dass die Menschen noch mehr sparen, weil morgen alles billiger wird. Weniger Geld läuft um. „Das war der Sargnagel von 1929“, sagt IW-Chef Hüther.

Käme es zur Deflation, dann würde aus der Rezession eine echte Depression. Die Wirtschaft erreichte einen toten Punkt. Nichts fürchten Ökonomen und Politiker mehr als das. Aus Erfahrung weiß man, dass die Deflation eine Abwärtsspirale in Gang setzen kann, in der Geld- und Wirtschaftspolitik ins Leere laufen und Merkels Konjunkturpakete I und II wirkungslos verpuffen. Das sähe dann so aus: Investoren und Konsumenten rechnen mit weiter fallenden Preisen und halten sich zurück. Umsätze und Gewinne der Unternehmen sinken weiter. Schulden – eines der wichtigsten Finanzierungsmittel der deutschen Wirtschaft – werden untragbar. Insolvenzen und Zusammenbrüche von Unternehmen könnten die Folge sein.

Zurück zur Prognose: Die deutsche Wirtschaft wird um zwei Prozent schrumpfen. „Diese Vorhersage beruht darauf, dass zur Jahresmitte alles besser wird. Sonst ist sie nicht haltbar“, sagt Hüther. Neues Vertrauen entsteht genauso unvorhersehbar, wie urplötzlich Misstrauen aufkommt. Genau darauf hoffen derzeit alle: Mitte 2009 muss die Wende kommen. Wenn die ausbleibt, dann wird es duster – und es muss völlig neu gerechnet werden.

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Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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