03.06.2004 · Die Opec hat sich auf eine Erhöhung der Fördermengen in zwei Schritten geeinigt. Ab Juli soll die Förderquote um 2 Millionen Barrel pro Tag steigen - und damit weniger als erwartet. FAZ.NET-Spezial.
Die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) hat sich auf eine Erhöhung der Fördermengen in zwei Schritten geeinigt. Wie der saudiarabische Ölminister Ali Naimi am Donnerstagnachmittag mitteilte, wird die Förderobergrenze per 1. Juli um 2 Millionen Barrel pro Tag auf 25,5 Millionen angehoben. In einem zweiten Schritt soll das Limit dann ab 1. August um nochmals 0,5 Millionen Barrel pro Tag erhöht werden.
Mit ihrem Beschluß blieb die Opec hinter den Erwartungen zurück. Binnen weniger Minuten nach der Entscheidung kletterte der Ölpreis in New York am Donnerstagnachmittag um 49 Cent nach oben.
Wie Naimi weiter mitteilte, müßten Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate „echte“ 1,1 Millionen Barrel mehr fördern, um einen Preiseffekt zu erzielen. Der Opec-Beschluß müsse an den Märkten als eine „sehr, sehr starkes Signal“ verstanden werden.
Beobachter werteten die Vereinbarung als Kompromiß zwischen dem größten Produzenten innerhalb des Kartells, dem mit den Vereinigten Staaten verbündeten Saudi-Arabien, das die Produktion in einem Zug um 2,5 Millionen Barrel ausweiten wollte, und kleineren Ländern wie Libyen und Iran, die eine derart starke Produktionsausweitung ablehnten.
Weiteres Treffen im Juli geplant
Am 21. Juli werde ein weiteres Treffen der Opec-Minister stattfinden, um die Politik zu überprüfen. Widersprüchliche Aussagen gab es zum Preisband für Opec-Öl. Aussagen des kuwaitischen Ölministers Scheich Ahmad Fahad Al-Ahmad Al-Sabah, das Preisband werde künftig bei 30 bis 30 Dollar pro Barrel liegen, traten sowohl Opec-Präsident Purnomo Yusgiantoro als auch die Ölminister mehrerer Staaten entgegen. Purnomo sagte, das Preisband solle am Freitag diskutiert werden, der venezolanische Ölminister Rafael Ramirez teilte mit, eine Entscheidung hierüber solle im September getroffen werden.
Die Besorgnis über den hohen Ölpreis in den Industriestaaten hält derweil an. Die Finanzminister der Europäischen Union forderten bei einem Treffen in Luxemburg die erdölproduzierenden Länder auf, die Produktion zu erhöhen. Dann dürften die Ölpreise kein Hindernis für ein stabiles und nachhaltiges Wachstum der Weltwirtschaft darstellen, hieß es in einer Erklärung der Minister. Ein Barrel Nordseeöl der Qualität Brent wurde am frühen Mittwochabend um 38,10 Dollar gehandelt. Das waren rund 2,5 Prozent weniger als am Vortag.
Terrorprämie von bis zu 10 Dollar
Die Nachfrage nach Rohöl wird in diesem Jahr so schnell wie seit 16 Jahren nicht mehr wachsen, schätzt die International Energy Agency (IEA). Doch dies allein erklärt den jüngsten Anstieg des Ölpreises nicht.
Fachleute sprechen vielmehr von einer steigenden Terrorprämie, auf die inzwischen bis zu ein Viertel des Ölpreises entfalle, also bis zu 10 Dollar je Barrel (159 Liter). Wilhelm Bonse-Geuking, Vorstandsvorsitzender der Deutsche BP AG, schätzt diese Krisenkomponente auf 8 bis 9 Dollar je Barrel. Diese Rechnung lasse sich empirisch aus der Entwicklung der zurückliegenden Jahren ableiten.
„Nur auf die drei Preisparameter Nachfrage, Bestände und Produktion bezogen, also ohne Krisenzuschlag, läge der Preis unter 30 Dollar", sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Bonse-Geuking erinnert daran, daß derzeit nicht nur die Golf-Region mit großen politischen Unsicherheiten behaftet sei, sondern auch die Öllieferländer Venezuela und Nigeria. Anlaß zur Sorge, die Versorgung könnte knapp werden, besteht nach seiner Meinung aber nicht.
Politische Stabilität steht auf dem Spiel
Wie stark die politische Risikokomponente im Ölhandel inzwischen geworden ist, zeigte die Reaktion auf die jüngsten Anschläge im saudischen Ölzentrum Chobar. Der Preis für Öl der Nordsee-Sorte Brent kletterte in der Spitze um fast 7 Prozent auf mehr als 39 Euro je Barrel. Daß die politische Stabilität und damit die Versorgungssicherheit Saudi-Arabiens auf dem Spiel steht, ist nach Meinung von Experten die Hauptursache für die stark gestiegene Terrorprämie im Ölhandel.
Käme es in dem Königreich zu einem Umsturz durch islamische Fundamentalisten, könnte dies den Ölhandel in beispiellose Turbulenzen stürzen. Schließlich entfällt auf das Land ein Zehntel der Weltölproduktion. Einen größeren Produktionsausfall in Saudi-Arabien kennt der Ölmarkt bisher nicht. Vielmehr sprang das Land in früheren Ölkrisen in der Regel in die Bresche und machte Produktionsausfälle in anderen Regionen wett.
Die größten Produktionsausfälle gab es bisher als Folge des Ölembargos von 1973/74, der Ölkrise nach der iranischen Revolution im Jahr 1978 und nach der Besetzung Kuweits durch den Irak im Jahr 1990. Im Zuge der iranischen Revolution fielen zeitweise 7 Prozent des Weltölangebots weg. In heutigen Preisen gerechnet, trieb das den Ölpreis auf ein Niveau von 80 Dollar. Auch damals war es Saudi-Arabien, das in relativ kurzer Zeit die Produktionsausfälle kompensierte. Seinerzeit waren genügend Überkapazitäten vorhanden.
Schlüsselland Saudi-Arabien
Davon kann heute keine Rede mehr sein. Daß Saudi-Arabien als einziges Opec-Mitglied mit noch freien Förderkapazitäten tatsächlich den Ölhahn stärker aufdrehen wird, hält BP-Manager Bonse-Geuking nicht unbedingt für sicher. "Es wäre allerdings ein wichtiges Signal für die weitere Preisentwicklung." Nach seiner Einschätzung ist die Opec daran interessiert, den Ölpreis auf einem Niveau von um die 30 Dollar zu halten, also eher über dem derzeitigen offiziellen Preisband von 22 bis 28 Dollar je Barrel. "Wir müssen damit rechnen, daß der Ölpreis in absehbarer Zeit nicht mehr unter 30 Dollar je Faß sinkt."
Absolut hat der Ölpreis zuletzt zwar neue Höchstmarken erklommen. Einen Vergleich mit den Preisen zu Zeiten der Ölkrisen vor mehr als zwanzig Jahren hält Bonse-Geuking jedoch für falsch und irreführend. Unter Berücksichtigung der Inflation sei der Ölpreis heute nicht einmal halb so hoch wie damals. Die Auswirkungen der Ölpreise auf die Spritpreise an den Tankstellen sind nach den Erläuterungen Bonse-Geukings weniger dramatisch als allgemein angenommen.
Wie er vorrechnet, schlägt sich ein Mehrpreis von 10 Dollar je Barrel Rohöl mit rund 5 Cent im Spritpreis nieder. Eine entscheidende Rolle für die weitere Entwicklung der Produktpreise spiele vielmehr die Nachfrage aus den Vereinigten Staaten, wo nun die Reisesaison beginne.
| Name | Kurs | Prozent |
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| Rohöl Brent Crude | 106,36 $ | −0,46% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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