15.05.2007 · Der kräftige Aufschwung der deutschen Wirtschaft hat viele überrascht. Ein FAZ.NET-Spezial über die Gründe für den Aufschwung, die Investitionslust der Unternehmen und die große Frage: Kann die Wirtschaft nun dauerhaft stark wachsen?
Von Patrick WelterAuch "Wirtschaftsweise" können irren. "Ich wäre froh, wenn wir 1,6 Prozent erreichen", sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Bert Rürup, noch vor einem Jahr. Tatsächlich wuchs die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr 2,7 Prozent. Mit seiner Skepsis stand Rürup freilich nicht allein. Die Stärke dieses Aufschwungs hat viele Ökonomen überrascht. Nun suchen sie nach den Gründen, warum Deutschland, der "kranke Mann Europas", an das europäische Wachstum Anschluss gefunden hat.
Im Kern ist das eigentlich eine typische deutsche Erfolgsgeschichte - mit einigen Besonderheiten. Der Impuls ging im Jahr 2004 vom Export aus; fast gleichzeitig begannen die Unternehmen, mehr in Ausrüstungen zu investieren. Langsamer als üblich sprang der Funke dann erst im vergangenen Jahr auf die Binnenwirtschaft über, die nach dem Platzen der New-Economy-Blase zum Beginn des Jahrzehnts in jahrelanger Stagnation versunken war. Überrascht hat dabei in jüngster Zeit, mit welcher Wucht sich die Lage am Arbeitsmarkt verbessert. Ungewöhnlich ist aber ebenso, wie lange Deutschland nach dem Konjunktureinbruch 2001 einen Exporterfolg nach dem anderen einfuhr und im Gegensatz zu anderen Industriestaaten Weltmarktanteile gewann, ohne dass die Binnenkonjunktur in Gang kam.
Die Weltwirtschaft zieht
Nach einer Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF) gründet die außergewöhnlich starke Entwicklung des deutschen Exports überwiegend in zwei Faktoren: dem globalen Aufschwung, der die Nachfrage auf den klassischen deutschen Exportmärkten beflügelte, und der Verlagerung von Teilen der Produktion etwa in osteuropäische Niedriglohnländer, welche den hiesigen Unternehmen Kostenvorteile verschaffte. In der Kombination beider Gründe haben die Deutschen es geschafft, mehr als andere Länder von der starken Weltkonjunktur zu profitieren. Anders gesagt: Der hiesige Aufschwung verdankt sich nicht zuletzt den Bemühungen der Unternehmen, durch die Nutzung der internationalen Arbeitsteilung und den Bezug von Vorprodukten nicht nur aus Osteuropa ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.
Unternehmen mit sanierten Bilanzen
Die moderate Lohnpolitik der vergangenen Jahre leistete nach der IWF-Studie nur einen geringen Beitrag zum Exporterfolg; sie wurde in der Wirkung durch die Aufwertung des Euro gedämpft. Die Lohnzurückhaltung wirkte aber auch in anderer Hinsicht: Die Kostendisziplin begünstigte nach dem Überschwang der New-Economy-Träume die Sanierung der Unternehmensbilanzen und ermöglichte Gewinnsteigerungen, die zur Basis für den Investitionsaufschwung wurden. Änderungen in der Steuergesetzgebung, die das Aufbrechen und Umstrukturieren der Deutschland AG förderten, dürften hier ebenso ihren Beitrag geleistet haben wie der über Jahre sehr niedrige Leitzins der Europäischen Zentralbank, der den Unternehmen die bilanzielle Gesundung erleichterte.
Die Lohnzurückhaltung zahlt sich aus
In der Debatte um die Gründe für den Aufschwung steht nicht nur wegen der Tarifrunden die Lohndisziplin im Mittelpunkt. Die gewerkschaftsnahen Ökonomen des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung beklagen, dass die Lohnzurückhaltung die gesamtwirtschaftliche Nachfrage geschwächt habe, was die Exportlastigkeit und die Zögerlichkeit der wirtschaftlichen Erholung erkläre. Andere Ökonomen wie die der Bundesbank sehen dies gelassener. Im gemeinsamen Währungsraum sind nominale Wechselkursabwertungen ausgeschlossen; verlorengegangene Wettbewerbsfähigkeit sei über reale Abwertungen, also durch Lohnzurückhaltung, zurückzugewinnen. Moderate Lohnsteigerungen dämpfen nach dieser Sicht die Preisentwicklung im jeweiligen Land, was die reale Abwertung beschleunigt.
Tatsächlich sind die vergleichsweise niedrigen Lohnsteigerungen maßgeblich dafür verantwortlich, dass Deutschland gegenüber den Partnern im Euro-Raum Wettbewerbsvorteile erlangte. Die hiesigen Lohnstückkosten entwickeln sich seit Jahren weitaus gemächlicher als in den anderen Euro-Staaten und sind teils sogar gesunken. Entsprechend hat Deutschland im Währungsraum Marktanteile gewonnen. Der damit erreichte Aufschwung begünstigt nun über die steigende deutsche Einfuhr wiederum die anderen Euro-Staaten.
Man muss freilich nicht auf die Außenwirtschaft blicken, um zu erkennen, dass die Lohnzurückhaltung die Genesung des Arbeitsmarktes fördert, weil sie den Produktionsfaktor Arbeit im Vergleich zum Kapital günstiger werden lässt. Wirkte diese Verschiebung relativer Preise in den Jahren der Stagnation noch defensiv, indem sie die Verlagerung von Stellen in Niedriglohnländer verlangsamte, führt sie im Aufschwung nun zu Neueinstellungen über das früher übliche Maß hinaus. Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) leitet aus diesen angebotsseitigen Überlegungen ab, dass die Lohnzurückhaltung vor dem Hintergrund der strukturellen Massenarbeitslosigkeit die Konjunktur direkt anschob.
Die Hartz-Reformen: Motor des Aufschwungs?
Umstritten ist, ob die Reformen am Arbeitsmarkt zum deutschen Aufschwung beitrugen. Die deregulierenden Erleichterungen der Zeitarbeit und der Mini-Jobs dürften die wirtschaftliche Erholung begünstigt haben, weil Unternehmen flexibler auf Nachfragespitzen reagieren können. Auch haben die Ich-AGs die selbständige Erwerbstätigkeit gefördert. Der Versuch, mit den Reformen Hartz I bis III mehr Effizienz in die Vermittlung Arbeitsloser zu bringen, hat dagegen zumindest in den ersten Jahren der Gesamtwirtschaft nicht viel gebracht, wie aus dem offiziellen Evaluierungsbericht hervorgeht.
Wichtiger für den Arbeitsmarkt war die Reform Hartz IV, mit der seit 2005 die Lohnersatzleistungen beschnitten und der Druck zur Arbeitsaufnahme erhöht werden sollte. Die Vielzahl der - auch nachträglichen - Änderungen machen eine Bewertung schwer. Das Kieler IfW wagt dennoch die Aussage, dass Hartz IV im Großen und Ganzen wohl die Anspruchslöhne der Arbeitslosen senkte und so zur Lohnzurückhaltung beitrug. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit schreibt dagegen, es gebe noch keine systematische Evidenz, dass geringere Lohnersatzleistungen den Druck zur Beschäftigungsaufnahme erhöht hätten. Noch ist es demnach zu früh, die Hartz-Reformen als Motor des Aufschwungs zu preisen.
Und wer sind die Väter des Stillstands?
Bernhard Schmitz (DerKetzer)
- 15.05.2007, 17:13 Uhr
Was ist denn das für eine Rätselstunde ?
Robert Schrey (etiterum)
- 16.05.2007, 00:07 Uhr
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